Gelesen: Lessness von Michael Simperl

Dieses Buch hatte ich vor ein paar Jahren schon mal ausgeliehen und bin über Seite 30 nicht hinausgekommen. Vermutlich war ich damals noch nicht so weit. Neulich sah ich es wieder in der Bücherei herumliegen und ich dachte, ich geb ihm nochmal eine Chance.
Michael Simperl (!) schreibt aus eigener Erfahrung, wie es ist, plötzlich mit viel weniger auskommen zu müssen. Der gewohnte Lebensstandard musste notgedrungen einem einfachen Leben weichen und er stellte fest, dass diese Einfachheit mehr Genuss und Entspannung bietet. Aus dieser Erkenntnis ist dieses Buch entstanden.
Auf ca. 170 Seiten steppt Simperl durch den Minimalismus, nennt ihn aber „Lessness“. Im ersten Kapitel gibts eine Einführung und den Versuch einer Definition, was meiner Meinung gut gelungen ist. Danach folgen praktische Ratschläge ohne Fingerzeig, wie die Werbe- und Warenwelt funktioniert, wie man verführt wird und wie man in allen Lebensbereichen ein Leben „less“ generiert. Hier wird nichts ausgelassen: Medienkonsum, weniger Technik, Entertainment, die vollgestopfte Wohnung, Urlaub und verreisen mit Bus und Bahn, Essen, Trinken, Fitness, Gesundheit, Mode, Karriere und Finanzen, Partnerschaft, Kinder und Freunde – alles drin.
Fazit: tja, was soll ich sagen…? Für alle, die sich für Minimalismus interessieren und sich nicht durch die vielen Blogs wühlen möchten, ist das Buch eine gute Idee, weil es eine schöne breite Grundlage bietet. Es ist aber eher eine Essaysammlung als ein Handlungsbuch, inspireren tut es aber trotzdem. Die Struktur ist klar, es wird alles gut erklärt und man kann das Buch auch häppchenweise/selektiv lesen. Was mich ein bisschen gestört hat, ist der inflationäre Gebrauch der Phrase „ein Leben less“ oder „blablabla less“ – da finde ich das Wort „minimalistisch“ schon ein bisschen besser. Auch das der Autor permanent von Genuss redet, fand ich ab und zu ein bisschen anstrengend, weil ich nicht finde, dass alles Genuß ist, wenn man „less“ lebt. Bus- und Bahnfahren ist zwar sehr minimalistisch, aber wenn die Klimaanlage ausgefallen ist, 5 Kinder gleichzeitig herumschreien und alle mit ihrem Handy gaaaaaanz dringend telefonieren müssen, ist das für mich kein Genuß mehr. Aber das nur mal so ;D
Ansonsten lesenswert!

Mehr Infos unter http://lessness.de/

10 Gedanken zu “Gelesen: Lessness von Michael Simperl

  1. Hallo zusammen,

    also ich muss sagen, dass ich Frau Ding Dong im Prinzip bewundere. Ich weiß nicht, das wievielte Buch „lessness“ nun schon ist, das sie über das Thema Minimalismus las, neben den unzähligen blogs die zu diesem Thema existieren.
    Kann nur mal sagen, wie es bei mir ist, also wenn ich was finde was mich interessiert, dann versuche ich mich auch gut darüber zu informieren (wie auch nun beim Thema „Minimalismus“). Aber irgendwann komme ich an ’nen Punkt wo ich sage, „Genug“! Das was ich weiß, reicht mir.
    Ich setzte das um, was ich für mich sinnvoll finde. Aber dass ich nun immer noch weitere Literatur und blogs dazu lese (wobei ich finde das viele im Netz im Prinzip das Gleiche schreiben) kann ich mir nicht vorstellen. Das ist dann wohl der oftmals beschriebene „Information overload“. Mich fangen dann an, die Dinge zu langweilen bzw. finde ich es ab einem gewissen Punkt einfach zu viel.
    Und da komme ich wieder zu Frau DingDong und meinem Erstaunen, wie intensiv sie sich mit etwas auseinandersetzen kann und damit ja ein klein wenig dem Minimalismusgedanken widerspricht (obwohl ich jetzt ja nicht genau weiß wie lange und wie viel du dich damit schon auseinandersetztst).
    Bitte nicht falsch verstehen, das sollte jetzt weder kritisch noch belehrend rüberkommen, diese Gedanken sind mir halt nur mal so durch den Kopf geflogen, vielleicht bin ich halt nur nicht so ausdauernd und / oder begeisterungsfähig in bestimmten Dingen.

    Gruß an Alle
    newbie

    1. Hey, ich kann dich gut verstehen und gebe dir vollkommen Recht :D Diese Kommentare bekomme ich oft zu hören (auch offline) – ich kann einfach nicht anders. Ich lese nicht nur, um Neues zu erfahren, sondern auch um zu erfahren, wie der Autor die Dinge sieht und wie er sie literarisch ausdrückt. Gerade durch „lessness“ sind mir z.B. wieder Aspekte am Minimalismus aufgefallen, die ich so noch nicht bedacht habe. Allerdings sollte ich vielleicht auch dazu sagen, dass ich schon seit einiger Zeit ausser zenhabits kaum mehr Blogs zu dem Thema lese (ausser die von meinen deutschsprachigen Kollegen), weil da nie ein anderes Level erreicht wird. Und hier haben wir schon die Antwort auf die Frage, was mich dazu treibt immer so viel zu dem Thema zu lesen: Ich bilde mir, ein eine Grundlage zu brauchen, um herauszufinden, was DANACH kommt. Beim Minimalismus gehts mir zum Beispiel schon lääääängst nicht mehr ums Wegwerfen oder um’s bewusst konsumieren, denn wenn ich zurückblicke – habe ich niemals etwas anderes getan. Ich will wissen, wozu mir Minimalismus noch dienen kann – und deshalb suche ich Antworten auch in Büchern – und nicht nur in Blogs.

  2. Ich kann Newbie gut verstehen. Habe gerade „Genug“ von John Naish überflogen und bin ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Ich habe in den letzten Wochen viele Blogs zu dem Thema gelesen und mir viele Anregungen geholt. Darauf hatte ich auch bei Naish gehofft. Aber gerade seine Zusammenfassungen in den grauen Kästchen haben eigentlich nur wiederholt, was ich inzwischen schon weiß. Schade für mich. Vieles am Minimalismus lässt sich doch recht kurz zusammenfassen:

    Konsumiere weniger und bewusster.
    Miste das Überflüssige in deiner Umgebung aus.
    Esse bewusst und gesund.
    Reduziere deinen Medienkonsum.
    Pflege deine sozialen Kontakte, aber sei nicht Everybodys Darling.
    Konzentriere dich auf dich selbst.
    … lass dich überraschen und freu dich über dein neues Ökoprofil.

    Das wäre, minimalistisch zusammengefasst, der Inhalt dessen, was ich bisher zu dem Thema insgesamt gelesen habe.
    Ich glaube auch ich bin langsam an dem Punkt, wo ich keine weiteren Erläuterungen des Themas brauche. Es ist ja eigentlich auch einfach und banal. Was ich hingegen suche ist Motivation. Neue Anregungen wie man am Ball bleibt und was es einem alles ermöglicht. Bei mir wirken da zum Beispiel Bilder von Wohnungen wie z.B. von Chez Larrson sehr gut. Sowas motiviert mich sehr und bringt mir vor allem auch neue Anregungen, was man noch alles so machen könnte.

    Bei der ganzen Literatur, die sich zu dem Thema inzwischen auf dem Markt drängelt habe ich doch den starken Verdacht der „Kaufkraftabschöpfung“. Schon Simplify your Life erschien mir damals ziemlich geschickt vermarktet. Am Ende konnte man sogar Kalender ect. im simplify Design kaufen…

    Ich glaube inzwischen es ist viel besser sich einfach mal selbst aufzuschreiben, was man so machen kann und wo man gerade steht, als das andere für sich erledigen zu lassen.

    Frau Dingdong hat dafür ja schon die Möglichkeit ihres Blogs gefunden. Ich werde es wohl erstmal mit nem privaten Tagebuch versuchen. :)

    1. oh weh. Wenn du schon die halbe Bloglandschaft zu diesem Thema abgegrast hast, wirst du bei Genug nicht viel anderes erzählt bekommen, ausser die psychologische/neurologischen Mechanismen, die da hinter stehen (das hat mir am besten gefallen)
      Das was du so schön und treffend zusammengefasst hast, ist für mich nur die Oberfläche. Ich will wissen, was danach kommt. Wie das aussieht, weiß ich selbst noch nicht, aber momentan habe ich noch Spaß daran, etwas darüber zu schreiben.

      Oh vielleicht auch noch gut zu wissen: Das Buch „lessness“ stammt aus dem güldenen Jahre 2005 – es ist also in etwa zeitgleich(?) mit dieser simplifywelle auf dem Markt gekommen.

  3. Ich muss mich selbst korrigieren… Ich sollte Bücher erst komplett lesen und dann urteilen… Hab gerade Naishs Kapitel zum Thema „Genug Glück“ gelesen und fand es großartig. War doch kein Fehlkauf. Danke für die ganzen Literatur – und Blogtipps! Vieles davon ist sehr interessant! Gute Nacht. :)

  4. Liebe Frau DingDong,

    solltest du herausfinden was DANACH kommt, lass es uns bitte wissen.
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht ob es ein danach gibt. Vielleicht bin ich da auch anders gepolt, ich finde Minimalismus bis zu einem gewissen Punkt gut, aber glaube da auch nicht mehr drin zu sehen oder zu finden. Oft ist in blogs die Rede von „ZEN, Buddhismus, innere Friede, Medidation usw“, für sowas bin ich einfach zu sehr geerdet oder aber auch vielleicht nicht offen genug. Es interessiert mich aber auch nicht so. Und in deinem blog wird dies ja auch nicht so oft in den Mittelpunkt gestellt. (deshalb mag ich ihn auch wohl so gerne lesen)
    Trotzdem wünsche ich Dir, dass du die Antworten auf deine Frage(n)
    findest und dass du uns diese bitte mitteilst, sofern sie nicht zu persönlich sein sollten. Ich selbst finde es nämlich sehr entspannend auch irgendwann mal „Fertig“ zu sein. :-) (oder bedeutet dies das Ende?) :-)

    LG
    newbie

    1. tja…gute Frage :D :D Ehrlich gesagt, wünsche ich mir auch manchmal dass das dann endlich alles „fertig“ ist, aber ob das beim Minimalismus geht? hmm….
      natürlich werde ich darüber schreiben…

    2. …mir fällt gerade ein, dass man ja einfach beschließen kann, dass man fertig ist. Wenn du mit Hilfe des Minimalismus nur dein Leben ein bisschen bewusster gestalteten wolltest und du dieses Ziel erreicht hast, könntest du aufhören. Lies dann keine Blogs mehr, keine Bücher zu dem Thema, genieße dein Leben in diesem Zustand. Du weißt ja dann schon, wie es geht, wenn du etwas ändern willst. Der Rest, was immer dann auch noch kommen mag, wird sich ganz von selbst erledigen.

  5. Es gibt da einen schönen Spruch:
    „Der Lehrling lernt die Regeln, der Fortgeschritte weiß wann man die Regeln brechen kann, der Meister weiß das es keine Regeln gibt.“

    Regeln helfen Zugang zu einem Thema zu finden! Aber wenn man etwas richtig gut kann weiß man das die Regeln maximal Richtlinien sind.

    Die oben erwähnten Beispiele sind für mich die „Einstiegsregeln“.

    Meiner Meinung nach ist die eigentliche Grundphilosophie des Minimalismus die Fremdbestimmung zu reduzieren und somit Freiraum für die eigenen Wünsche, Gedanken, Gefühle und Ideen zu schaffen.

    Ein Buch welches fast 100 Jahre alt ist, aber viele grundsätzliche Ideen des Minimalismus und anderer Lebensweisen „diskutiert bzw. durchspielt“ ist Siddhartha von Hermann Hesse

    Eine meiner Lieblingsstellen ist als Siddartha gefragt wird was er den kann und antwortet: „Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.“

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