Desiderata – Max Ehrmann

Desiderata

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast
und sei des Friedens eingedenk,
den die Stille bergen kann.

Stehe – soweit ohne Selbstaufgabe möglich –
in freundlicher Beziehung zu allen Menschen.
Äussere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu,
auch den Geistlosen und Unwissenden;
auch sie haben ihre Geschichte,
Meide laute und agressive Menschen,
sie sind eine Qual für den Geist.

Wenn du dich mit anderen vergleichst,
könntest Du bitter werden und Dir nichtig vorkommen;
denn es wird immer jemanden geben,
grösser oder geringer als Du.
Freue Dich Deiner eigenen Leistungen
wie auch Deiner Pläne
bleibe weiter an Deiner eigenen Laufbahn interessiert,
Sie ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten.

In deinen geschäftlichen Angelegenheiten
lass Vorsicht walten; denn die Welt ist voller Betrug.
Aber dies soll dich nicht blind machen
gegen gleichermassen vorhandene Rechtschaffenheit.

Viele Menschen ringen um hohe Ideale;
und überall ist das Leben voller Heldentum.
Sei Du selbst; vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung.
Noch sei zynisch was die Liebe betrifft;
denn auch im Angesicht aller Dürre und Entäuschung
ist sie doch immerwährend wie das Gras.

Ertrage freundlich-gelassenden den Ratschluss der Jahre,
gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf.
Stärke die Kraft des Geistes,
damit sie Dich im plötzlich hereinbrechenden Unglück schütze.

Aber beunruhige Dich nicht mit Einbildungen.
Viele Befürchtungen sind Folgen von Erschöpfung und Einsamkeit.
Bei einem heilsamen Mass an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst.
Du bist ein Kind des Universums,
nicht weniger als die Bäume und die Sterne;
Du hast ein Recht hier zu sein.
Und ob es Dir nun bewusst ist oder nicht;
zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.
Darum lebe in Frieden mit Gott,
was für eine Vorstellung Du auch von ihm hast
und was immer Dein Mühen und Sehnen ist.

In der lärmenden Wirrnis des Lebens
erhalte Dir den Frieden Deiner Seele.
Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen
ist diese Welt doch wunderschön.

Sei vorsichtig, strebe danach, glücklich zu sein.

Desiderata von Max Ehrmann (1872-1945)

Gelesen: Die Herrlichkeit des Lebens von Michael Kumpfmüller

Ist das Titelbild nicht schön? Das Buch wurde in einem Buchhandelsmagazin besprochen und neulich kam es mir in der Bibliothek entgegen, deshalb habe ich es mitgenommen.

Sommer 1923: Franz Kafka versucht sich von seiner Tuberkulose im Ostseebad Müritz zu erholen. Dort lernt er die 25-jährige Köchin Dora Diamant kennen. Sie verlieben sich ineinander und beschließen recht unüberlegt ein Leben zu zweit in Berlin. Sie kämpfen mit den steigenden Preisen, mit der skeptischen Meinung der Familie – und mit der Tuberkulose, die immer schlimmer wird. Bis zu seinem Tod 1924 weicht Dora ihm nicht mehr von der Seite.
Fazit: Kennst du das Gefühl, wenn man in der Sonne eingedöst ist und langsam zu sich kommt? So ist die Atmosphäre der Geschichte. Dieser Roman ist etwas für Leute, die gerne Tagebücher oder Briefwerke lesen, denn der Autor hat es geschafft, diese Fragmente in eine wunderbare, ganz zarte Liebesgeschichte zu verwandeln. Lesenswert!

Wochenrückblick

Herrgott, ist das zu glauben? da ist mal ein paar Tage die Sonne da und ich könnte schon wieder Bäume ausreissen. Die Wärme hat mir einen solchen Motivations- und Gute-Laune-Schub verpasst, dass ich es selber kaum glauben mag. Das Wetter soll ja am Wochenende wieder schlechter werden, aber das macht mir momentan nichts aus. Immerhin habe ich heute meinen Rucksack in der Bücherei prall gefüllt! JUHU!

Gesehen: die Sonne habe ich mir angesehen!
Getan: meinen besten Freund getroffen mit Picknick auf der Michelwiese, jeden Tag gesportelt und zum ersten Mal so eine Probepackung Eiweißdrink probiert. WÄH.
Gehört: geführte Meditationen und Daft Punk
Gelesen: „Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller, angefangen mit „Den Vater töten“ von Amelie Nothomb
Geklickt: Springtime for Hitler (kennt jemand den Film dazu?!)
Gedacht: der Sommer könnte noch ein bisschen bleiben…
Geärgert: über Menschen mit Scheuklappen
Gefreut: über lange, glückliche Stunden in der Sonne und über eine Postkarte
Gekauft: zwei Brotdosen und einen Trinkbecher (in türkis mit ner Meerjungfrau drauf!!!!!) aus Edelstahl
Gewünscht: noch mehr Sommer
Geplant: ein Geschenk überreichen

ein bisschen Sonne…

Gestern hatte ich frei und es gab herrlichstes Wetter in Hamburg!
Zwei Monate ist das her, das mit dem guten Wetter. Und kaum ist es draußen schön hell und warm, steigt gleich die Laune. Es duftet nach Sonnencreme und Schweiß, man friert in den klimatisierten Bussen, das Eis zerfließt in den Händen und die Kinder toben über die Freibadwiese.
Dieser eine Tag war durch die Sonne wie Urlaub. Mehr braucht es nicht.

Einfach mal nach draussen gehen, die Sonne spüren und tief einatmen. So einfach kann man seine Batterien aufladen. Erstaunlich.

Am Kiosk entdeckt

Neulich habe ich etwas für mich völlig Verrücktes getan: Spontan am Kiosk eine Zeitschrift erstanden und zwar (jetzt kommt das Bekloppte) nur für den Blog. Das Cover sprach mich an und hinter dem Titel „Wie einfach“ vermutete ich Großartiges.
Ich will die Zeitschrift nun kurz vorstellen.

Das Titelbild hat mich spontan angesprochen, es waren auch tolle Hinweis-Teaser-Texte, die mir einen tollen Inhalt suggerierten.
Beim näheren Betrachten des Inhaltsverzeichnis mit den vielen, kleinen bunten Bildchen ist mir aber schon klar geworden, dass mich mein Eindruck getäuscht hat.

Es sind sehr viele Tipps enthalten, soll es ja auch, denn „Wie einfach“ ist „das Magazin mit den Tipps“ – und das querbeet durch alle Sparten. Es wurden auch Tauschringe, Crowd Funding usw. in Artikeln erwähnt, aber irgendwie bunt bebildert mit „Kauf mich“-Sachen, die kein Mensch braucht…

Fazit: tjoa, ich werde definitiv kein weiteres Heft kaufen. Hätte was Tolles werden können, aber mir war da dann doch zu viel unlogischer Lifestyle-Müll drin. Warum sollte eine teure Tasche das Leben einfacher machen?! Einige der Tipps waren ganz brauchbar und das Heftdesign war ganz ansprechend, aber weiterempfehlen kann ich es leider nicht. Oh und gerade eben habe ich gesehen, dass die Zeitschrift von der Firma „E wie Einfach“ produziert wird. Hm. Ein Gas-Strom-Wechsel-Dienstleister bastelt eine Zeitschrift?! Das hinterlässt einen merkwürdigen Nachgeschmack, findest du nicht auch?

Gelesen: Es findet dich von Miranda July

Den treuen Lesern und guten Freunden ist bestimmt nicht entgangen, dass ich großer Fan von Miranda July bin. Sie schreibt tolle Geschichten, macht noch tollere Filme und ihr damaliges Kunstprojekt war auch richtig genial.
In ihrem aktuellen Buch „Es findet dich“ geht es sehr persönlich zu und ist im Regal unter „Biografisches“ abzustellen. Während der Drehbucharbeiten zu „The Future“ fällt Miranda in ein Loch – sie steckt fest und kann nicht weiterschreiben. Um sich abzulenken, blättert sie in einem Kleinanzeigenheftchen, dem PennySaver, das wöchentlich in L.A. erscheint. Sie fragt sich, aus welchen Gründen diese Leute ihre Sachen in dieser altmodischen Art und Weise verkaufen. Wer sind diese Menschen? Also ruft sie zehn zufällig auserwählte Inserenten an und bittet sie um Interviews. Begleitet von ihrem Assistenten und einer Fotografin entstehen interessante, skurile Begegnungen mit Menschen, die man sonst nicht treffen würde. Und durch diese Interviews nimmt auch die Arbeit am Drehbuch einen anderen Verlauf…
Fazit: wieder gelingt es Miranda July das poetisch-seltsame unter der Schicht des Alltags perfekt einzufangen. Die Leute, die sie interviewt sind alle ein bisschen schräg (im Sinne von exzentrisch bis irgendwie psycho..). Die Fotos von Brigitte Sire unterstützten die Geschichten auf einfühlsame und eindringliche Weise. Wer also schräge Vögel mag sollte dieses Buch lesen!

Wochenrückblick

So, für alle die sich wundern hier ein Statement meiner Pressesprecherin: Ja, das Sommerloch hat auch bei Frau DingDong’s Leben Einzug gehalten. Wenn ein Blogbeitrag kommt, dann ist es das ein großes Glück.

Nein, also ich hoffe doch dass das demnächst wieder normal weitergeht. Nur habe ich bei dem Wetter gerade keine Muße und ja, es ist leider auch ein kleines Problem, dass Herr DingDong und ich uns gerade einen Rechner teilen müssen, d. h. es kommen keine „Impulsschreibereien“ zustande und dann hänge ich wieder ewig herum und verpasse gute Stunden. Sorry. Aber ich bin mir sicher, das fällt im Web sowieso nicht auf.

Gesehen: Wasser. Überall. Und keine Sonne.
Getan: Frau Merkel eine Geburtstagskarte geschickt.
Gehört: U2
Gelesen: „Beruhigt euch!“ von Silke Burmester, „Verrückt bleiben!“ von Else Buschheuer; angefangen mit „Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller
Geklickt: the art of imperfect
Gedacht: och nö, nicht scho wieder!!!?
Geärgert: über das Wetter und über Plastik, über Kunden und über Menschen, die keine Warnungen checken
Gefreut: über Frau Buschheuers Buch. Das ist nämlich wirklich klasse.
Gekauft:
Gewünscht: Soooooooooooooooonne. Und Urlaub.
Geplant: im Bett herumliegen und lesend oder DVD-glotzend auf besseres Wetter warten.

So, und was mit dir?

Vom Verzicht zum Genug

Als ich mir damals meine eigene Definition von Minimalismus zusammengebaut habe, wusste ich nur, dass die Basis ein unbestimmtes „Genug“ war. Nun, wie kommt man zu diesem „Genug“ ? Woher weiß ich, wann etwas genug ist?

Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass der Verzicht die wohl beste Möglichkeit ist, dies herauszufinden. Was vorher undefiniert vor mir herumgewabert ist und ich nicht in viel/wenig/genug einordnen konnte, sprang mir nach einer Verzichtsphase klar und deutlich vor Augen.

Der Trick ist also einfach mal ganz bewusst und radikal darauf zu verzichten (zumindest für eine gewisse Zeit) um dann Stück für Stück zu erforschen, wie viel man dazu tun muss, damit man ein persönliches „Genug“ erreicht.

Braucht man im Kaffee wirklich 2 Löffel Zucker oder ist das nur Gewohnheit? Ist ein Löffel oder sogar ein halber Löffel genug?
Lass den Zucker weg, probiere wie der Kaffee schmeckt. Vielleicht schmeckt er auch ganz ohne.
Muss man jeden Tag die Haare waschen oder reicht auch jeder zweite Tag? Wird man auch sauber, wenn man nur 3 Minuten lang duscht statt 15 Minuten?

Du weißt was ich meine.

Die 13 Namen der Tugenden von Benjamin Franklin

Neulich habe ich die Autobiografie von Benjamin Franklin gelesen und anstelle einer normalen Rezension dachte ich, wir springen gleich ins Thema hinein. Franklin war der typisch amerikanische Selfmade-Man. Vom normalen Buchdrucker aus ärmlichen Verhältnissen zum einflussreichen Politiker, Stadtplaner, Schriftsteller, Verleger und Naturwissenschaftler. Er hat seine Umgebung beobachtet, Missstände erkannt, sich eine Lösung überlegt und so zum Beispiel den Blitzableiter, die Straßenreinigung oder das Leihbüchereisystem erfunden. Wie gelingt sowas?
Nun, er fasste den
„kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vervollkommnung zu streben“ und wünschte leben zu können, ohne irgendeinen Fehler zu irgendeiner Zeit zu begehen; ich wünschte alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnten.

Er scheiterte bei seinen Versuchen fehlerlos zu leben, da die Gewohnheit die Übermacht über die Unachtsamkeit gewann, und

die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft.

Er kam zu der Überzeugung, dass eine bloße Überlegung nicht ausreiche, weshalb er die folgende Methode erfand:

  1. Mäßigkeit. – Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung!
  2. Schweigen. – Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung!
  3. Ordnung. – Laß jedes Ding seine Stelle und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben!
  4. Entschlossenheit. – Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst!
  5. Sparsamkeit. – Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; das heißt vergeude nichts!
  6. Fleiß. – Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützen Tätigkeit!
  7. Aufrichtigkeit. – Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich danach!
  8. Gerechtigkeit. – Schade niemanden, indem du ihm unrecht tust oder die Wohltaten unterläßt, di deine Pflicht sind!
  9. Mäßigung. – Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so übel aufzunehmen, wie sie es nach deinem Dafürhalten verdienen!
  10. Reinlichkeit. – Dulde keine Unsauberkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung!
  11. Gemütsruhe. – Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücksfälle!
  12. Keuschheit. – Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit, Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes!
  13. Demut. – Ahme Jesus und Sokrates nach

Er wollte sich all diese Tugenden als Gewohnheit aneignen, aber nicht auf einmal sondern Stück für Stück um seine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern.

Ich machte mir ein kleines Buch, worin ich jeder der Tugenden eine Seite anwies, linierte jede Seite mit roter Tinte, so daß sie sieben Felder, für jeden Tag der Woche eines, hatte, und bezeichnete jedes Feld mit dem Anfangsbuchstaben des Tages. Diese Felder kreuzte ich mit dreizehn roten Querlinien und setzte an den Anfang jeder Linie die Anfangsbuchstaben von einer der Tugenden, um auf dieser Linie und in den betreffenden Feld durch ein schwarzes Kruezchen jeden Fehler vorzumerken, den ich mir, nach genauer Prüfung meinerseits, an jenem Tag hinsichtlich der betreffenden Tugend hatte zuschulden kommen lassen.

Was hältst du davon? Lassen sich diese Tugenden auch heute noch auf unsere Gegenwart übertragen? War Franklin deiner Meinung nach ein Minimalist?

Zitate aus
Förster, Heinz (Hrsg.): Benjamin Franklin Autobiographie, mit 12 Abb. nach zeitgenössischen Vorlagen, München, Leipzig & Weimar 1983, ISBN 3406094864