Kommt nach dem Minimalismus jetzt der Solarpunk?

Kommt nach dem Minimalismus jetzt der Solarpunk?Wenn ich im Bus mal nicht lese, dann wandern meine Gedanken oftmals zu der Frage, was mit dem Wörtchen „Minimalismus“ ist. Und was wir tun, wenn wir ausgemistet haben, klare Verhältnisse in Kopf und Körper geschaffen haben, wenn wir uns heiter-gelassen fühlen und sich der Nährboden für etwas Neues vor uns ausbreitet. Da frage ich mich: Was kommt nach dem Konzept „Minimalismus“? Nicht nur für mich als Einzelperson, sondern auch als Teil einer immer größer werdenden Masse und schließlich auch als Gesellschaft auf dem Raumschiff Erde.

Ich verfolge aufmerksam Futuristen, Statistiker und Trendforscher und denke immer wieder: Minimalismus ist der Anfang. Aber von was? Das Thema Reduktion kommt immer wieder vor.

Kein Wunder warum so viele darauf anspringen und jeder TV Sender und jede Zeitschrift schon darüber berichtet hat – die Welt ist groß, laut und wird immer dunkler. Wir haben Angst, wir verlieren die Kontrolle, wir sind überfordert. Da ist es gut und nützlich sich zurückzuziehen, einen Klarheits-Claim abzustecken und nach den eigenen Wichtigkeitsgoldklumpen zu suchen. Wenn ich das mithilfe einer minimalistischen Lebensweise nicht getan hätte bzw. tue, dann wäre ich bestimmt nicht so fröhlich. Ich wäre gestresster, trauriger, müder und wüsste nicht mal warum.

Aber ist das alles? Was kommt nach dem „Wesentlichen“? Kann man sich darauf ausruhen? Oder ist es angesichts dieser verrückten Welt nicht besser, ab und zu mal Position zu beziehen und die Zukunft gemeinsam neu zu denken?

Noch habe ich keine Ahnung, wie das für mich klappen kann, aber mir scheint, dass Minimalismus das kann und vielleicht auch muss. Achtsamkeit ist ein Megatrend. Entschleunigung ist nicht erst seit letztem Jahr ein Thema. Die Lust am Handwerk, zerowaste, DIY und Digital – das sind alles Symptome für die großen Veränderungen, die vor unserer Haustür stehen. Veränderung, die wir wollen. Weil wir merken: Irgendwie haut das alles so nicht mehr hin.

Das Entrümpeln auf der einen Seite ist erledigt, in der Wohnung habe ich aber noch genügend Baustellen. Trotzdem: ich habe meinen Frieden damit gemacht und ich hab nix gegen Konsum (wichtiges Stichwort an dieser Stelle: Experience Economy -was kann ich eigentlich in Zukunft noch konsumieren, wenn alles Software ist?) an sich. Die Dinge sind im Fluss. Ich will aber meine minimalistische Lebensweise auch dafür einsetzen, dass es anderen auch besser geht, also an meinem Überfluss teilhaben und die Welt in der ich lebe auch für nachfolgende Generationen ein bewohnbarer und schöner Ort bleibt.
Ich habe Schwierigkeiten an dieser Stelle weiter zu denken, weil ich nicht weiß, ob wir das hinkriegen. Die Medien übertrumphen sich mit Doomsday-Nachrichten und die ältere Generation denkt auch nur noch „WTF? Das hatten wir doch schon mal?“

Deshalb finde ich den Begriff „Solarpunk“ so toll, weil er eine kleine Tür in meinem Kopf öffnet.

Auf den Begriff bin ich vor 2 Jahren schon mal gestoßen und mir gefiel der Vibe, den der Begriff ausstrahlt. Ich erforsche gerne literarische Dystopien, aber in der echten Welt wünsche ich mir was Optimistischeres! Ta-Da Solarpunk!
Solar = grün, nachhaltig, Technik, Photosynthese, Sonne, Wachstum
Punk = Rebellion, Nonkonformismus

Oder wie es Adam Flynn, der Betreiber des solarpunks-tumblrs ist, ausdrückt:

If cyberpunk was ‘here is this future that we see coming and we don’t like it’, and steampunk is ‘here’s yesterday’s future that we wish we had’, then solarpunk might be ‘here’s a future that we can want and we might actually be able to get.’

Ich stelle mir vor:

Post-Peak-Oil/Zero City-Gesellschaft vermixt mit einem Weniger, weil wir ja gelernt haben, dass wir nicht so viel brauchen und uns das nur stresst, dazu ein bisschen Internet-of-Things-Zeugs und ner ordentlichen Portion DIY. Ein bisschen weniger. Aber eben besser. Entschleunigt. Trotzdem cool. (Und bunter.) Für alle. Weil wir nicht alle Aussteiger sein wollen, die sich mit ner kleinen Gruppe einen Resthof teilt. (Das will ich zumindest nicht. Ich find Technik super, Raumfahrt auch und meine Wohnung schätze ich auch sehr.)

Vielleicht geht das auch (noch) gar nicht. Ich weiß es nicht. Aber wenn ich mir anhöre, dass einige Länder umdenken (Schweden mit der 30 Stunden Woche; Finnland will das BGE ausprobieren, Oslo will die erste autofreie Stadt Europas werden etc.), dann stimmt mich das optimistisch und es macht mich sehr fröhlich, weil wir da schon mittendrin in einer gewaltigen Veränderung stecken!

Die Frage ist nicht, ob eine Veränderung komm, sondern wann! Und wenn wir kurz innehalten und uns umsehen, stellen wir fest: Ups, da tut sich ja schon längst was.
Wie bereiten wir uns auf die Zukunft vor? Wie können wir die alten Pfade verlassen? Wie können wir neu denken? Was brauchen wir dazu als Einzelpersonen, als Kommune, als Gesellschaft?

Zum Weiterforschen:
Vortrag von Matt Cloyd (ca 5 Min.)
Solarpunk – notes toward a manifesto
Kurze Beschreibung der Solarpunk Ästhetik von Olivia Louise
Solarpunk Tumblr
Die politische Dimension von Solarpunk
Solarpunk will Science-Fiction den Optimismus zurückgeben

9 Gedanken zu “Kommt nach dem Minimalismus jetzt der Solarpunk?

  1. Hallo :)
    also jetzt mal so ganz ab vom Inhalt, hat mich der von dir verlinkte Text (bei medium: on the political…) doch tatsächlich – 4 Jahre nach meinem Abi wieder dazu gebracht eine englische Vokabelsammlung anzufangen :D
    Bin wohl doch mehr eingerostet als ich dachte ;)
    Danke für all deine interessanten Anregungen.

  2. In Zeiten üppiger staatlicher Solarförderung und angedachter Subventionen für (in Bezug auf die Gesamtbilanz durchaus zweifelhafte) Elektroautos ist Solar ungefähr so Punk wie ein BWL-Studium und hochgeschlagene Polohemdkrägen.

    ;-)

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