Reden wir über die Zukunft: Minimalismus und Arbeit

Krass, oder? Ich blogge schon fast 7 Jahre unter anderem über das Thema Minimalimus und noch nie ist das Thema Arbeiten so richtig vorgekommen. Lag vermutlich daran, dass alles von dieser Digital-Nomad Perspektive überschattet wurde und ich nie dazu kam, mal zum Thema 9-5 Vollzeitjob und Minimalismus Stellung zu nehmen. Ist das überhaupt vereinbar? Oder unsinnig? Ich weiß noch nicht.

Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt hopse, sehe ich ziemlich viele Jobs verschwinden oder sich verändern. Die Sparkasse im Viertel verkauft jetzt auch gebrauchte Bücher zu 3 Euro das Stück, weil sie einen „Lounge Charakter“ etabilieren will, damit die Kunden sich wohlfühlen, wenn auf das Online-Banking verzichtet wird. Der Typ am Schalter zählt keine Geldrollen mehr, sondern entleert einen Sack Kleingeld in eine Zählmaschine.
Die Jobs verändern sich. Das Management redet von Kundenservice und Effizenz und hat gleichzeitig ein neonrotes Alarmschild blinken auf dem „Digitalisierung“ steht. Der Servicemitarbeiter in der Filiale guckt den Kunden über die Schulter, wie die sich mit nem neuen Interface abstümpern. Bei Oma Frieda macht man die Arbeit dann doch noch selbst, weil sie das nicht mehr hinbekommt.

Also frag ich mich: Wie verändern sich die Jobs? Und wie pass ich da rein, mit meinem Vollzeitjob und mit einem Wunsch nach „weniger?“

Die aktuelle Umbruchsituation ist unsinnig: Man dient einer Maschine, obwohl man selber schneller die Arbeit erledigen könnte. Oder man lagert die Arbeiten gleich an die Kunden aus, um Personal einzusparen.
Das wird nicht ewig so sein, irgendwann ist die Technologie soweit fortgeschritten, dass der Mitarbeiter komplett überflüssig ist. Vielleicht steht da noch ein Aufpasser in der Ecke, aber sonst?
Wie kann man als Vollzeitmitarbeiter diesen Unsinn wieder in Sinn verwandeln? Wie kann der Entwertung der eigenen Arbeit begegnet werden?

Die digitalen Nomaden sind dann schon weiter, aber ich mag meinen Job im Großunternehmen. Meine Kollegen mag ich auch. Ich find die Kunden meistens auch ziemlich dufte. Es gefällt mir, morgens aufzustehen, an einen Ort zu fahren und Expertin in meinem mir selbst ausgesuchten Job zu sein.
Aber es ist Unsinn, so viel zu arbeiten, wenn man es nicht muss. Denn wenn ich meine Arbeitszeit reduziere, bekommt jemand anderes vielleicht die restlichen Stunden, weil er/sie mehr arbeiten will. Und wenn die Stelleanteile gestrichen werden, weil man einen neuen Automaten aufstellt – okay. Das ist die Zukunft.

Was kann ich tun, um meinen Job, meine Arbeit wertvoller zu gestalten bzw. ein bisschen zukunftsfitter zu machen?

1. Die wöchentliche Stundenanzahl reduzieren und mit einem weniger an Gehalt und einem mehr an Zeit auskommen (und überlegen, wie du damit umgeht) #minimalismus
Die Personalabteilung rechnet dir aus, wie viel du bei deiner gewählten Stundenanzahl verdienen würdest. Eigentlich wollte ich dieses Jahr schon auf 35 Stunden reduzieren, aber das hat wegen einer Fortbildung nicht geklappt. Vielleicht klappts ja 2018. Auch wichtig zu wissen: Man kann das erst mal ausprobieren. Nach einem Jahr oder so wird man gefragt, ob man die Stellenanteile kündigen will.

2. Den eigenen Job neu erfinden und evtl. den Schwerpunkt verlagern

Und sich gleich mal einen neue Jobbezeichnung dazu ausdenken. Sie regelmäßig anwenden.
Ich habe mir das auch schön auf eine Visitenkarte drucken lassen und sie steht auch unter meinem Namen in der E-Mail-Signatur :D

3. Sich umsehen, was es sonst noch für Jobs gibt
(…und sich evtl. mal bewerben. Einfach so. Marktwert checken und so.) Hab regelmäßig neue Jobangebote in ner Liste, das ist ganz interessant, was sich so tut. Hilft auch bei der Wahl von Jobbezeichnungen ;) Und manchmal bin ich dann doch ganz schön froh, dass ich nen tollen Job habe, auch wenn manchmal was daran verbessert werden könnte.

4. Bildungsurlaub machen. Is gut für eine andere Perspektive oder um etwas Neues zu lernen
Steht jedem Mitarbeiter zu. Informier dich bei deiner Gewerkschaft oder bei Vereinen, die sich mit politischer Grundbildung auseinandersetzen. Auch sind einige VHS-Kurse als Bildungsurlaub anerkannt.

5. Sabbatjahr einlegen oder 1 Monat Sonderurlaub beantragen
So ein Sabbatjahr ist nicht ohne. Das bedarf guter Planung. Frag mal rum, vielleicht kennst du jemanden, der das schon mal gemacht hat oder lies auf Blogs nach, was zu beachten ist.

6. Sich mit dem Thema Arbeitslosigkeit auseinandersetzen
Wenn man im Job nicht glücklich ist, kann man kündigen. Klar. Und dann? Wie sehen die aktuellen Regelungen zum Bezug von Arbeitslosigkeit aus? Wie bleibt man in einer guten Stimmung, wenn man schon länger keinen Job (und keine Ideen) hat. Darüber kann man regelmäßig nachdenken und sich informieren, denn das gibt ein bisschen Sicherheit.

7. Mit anderen das Grundeinkommen diskutieren
z.B. beim Minimalismus-Stammtisch, bei einem Meetup oder einfach so mit Freunden und Familienmitgliedern. Was würdest du machen, wenn du monatlich garantierte 800 oder 1000 Euro bekommen würdest? Wie würde dein Leben aussehen? Wofür würdest du das Geld verwenden? Würdest du trotzdem weiter arbeiten? Spiel mal mit den Gedanken rum.

8. Karriereleiter überdenken
Macht es Sinn, im Unternehmens eine Stufe höher zu steigen? Ist das überhaupt möglich oder sind die Hierarchien eh schon so flach? Was bringt mir das neue Aufgabenfeld, die Verantwortung? Kann und will ich das überhaupt?
Ich habe heute beschlossen, meine Aufgabe als Führungskraft aufzugeben. Mal sehen ob es mir gelingen wird, aber sie macht mir einfach keinen Spaß mehr.

9. Andere Arbeitszeitmodelle ausprobieren
Wenn es nicht klappt, deinen Stundenanzahl zu reduzieren, gibt es vielleicht ja noch andere Möglichkeiten. Geht dein Job in Teilzeit? Oder sogar von Zuhause aus? In einer anderen Schicht?

10. Das papierlose Büro oder: den Arbeitsplatz funktionaler und organisierter gestalten
Regelmäßig die Ablagekörbe ausmisten und Post-it-Notizen entfernen ist ne prima Beschäftigung für den Freitagnachmittag oder wenn einem nach einem Meeting das Gehirn ausläuft. Seit ich One-Note für mich entdeckt habe und ich meine To Do Liste und Kalender zumindest im Büro digital führe, hat sich mein Schreibtisch sehr verändert. Dadurch bin ich auch konzentrierter geworden. Also: Wie funktional ist dein Schreibtisch?

Lange Rede, kurzer Sinn: In dieser Umbruchphase kann man sich selbst ziemlich schnell ne Nische bauen und seinen Job weiter ausdifferenzieren. Das find ich sehr spannend. Und auch wenn sich der Job gerade ändert und es nervig ist: Cool bleiben und Mitdenken. Vielleicht hast du eine Idee, um es besser zu machen.


Wie siehst du das? Wie kann man sich seine Aufgaben und Arbeitsgebiete so wählen, dass man sich unentbehrlich macht? Sollte man das überhaupt sein? Ist dein Job gefährdet oder wandelt er sich auch gerade?
Was fehlt in der Liste?

Übrigens:
Wer mal eine konkrete Liste über die Jobs der Zukunft sehen will, sei auf diese umfassende Liste verwiesen. Das ist echt abgefahren. Und kratzt laut Autor Thomas Fry erst an der Oberfläche.

7 Gedanken zu “Reden wir über die Zukunft: Minimalismus und Arbeit

  1. Also ich habe 3 Jahre lang nur halbtags gearbeitet. von 12 bis 16 Uhr. Der Vorteil war, ich konnte wann ich wollte, so lange ich wollte (naja fast) (aus)schlafen, und hey, das war toll!
    Oder ich konnte Dinge vormittags erledigen, aber immer mit ein bisschen Zeitdruck im Nacken, denn zu spät kommen ging nicht!
    3 Jahre ging das gut, ich bekam eine Aufstockung zum Gehalt, so dass ich ca. 1000€ pro Monat hatte. Das war mir irgendwann aber zu wenig. Ich wollte umziehen, ein Haustier, Urlaub machen, da reichten mir 1000€ einfach nicht. So traurig das ist. Deswegen hab ich mich auf eine andere Stelle beworben, Prioritäten gesetzt.

  2. Hallo Cloudy,

    ich kenne keinen Job, der nicht im Wandel wäre. Im Idealfall verwerfen wir als Gesellschaft die Idee, dass wir alle arbeiten müssen, sondern alle bringen sich so ein, wie sie es für richtig halten. Und hoffentlich fallen bald all die stupiden Arbeiten weg, die ohnehin von Maschinen getätigt werden können und niemanden forden. :D

    Lieber Gruß,
    Philipp

  3. Das Dilemma ist doch der Geldbedarf.
    1.000 sollte ja locker zum Leben reichen ohne große Extras.(je nach Lebensort)
    Darum gehts beim Minimalismus ja :)
    Auf der anderen Seite kann man bei 1.000€ auch nicht wirklich viel bei Seite legen.
    Und diese Sicherheit Erspartes zu haben finde ich sehr wichtig, da man sonst von jedem Job wirklich abhängig ist und danach kaum ALG I hat, wenn es auch nur ein Teilzeitjob war.
    Sehr wichtig ist wirklich einen Weg zu finden passives Einkommen über eine private Leidenschaft zu generieren.
    Sonst lebt man doch nur labernd dahin was alles besser sein soll und ist trotzdem 9 to 5 on work mit Geld und ohne Lebenszeit oder hat kein Geld aber Lebenszeit bei nem Teilzeitjob. Das Leben ist halt auch Veränderung. Man kann ja versuchen es alle paar Jahre zu ändern. 30 Stunden pro Woche sind gut. Nach 6h kann man gehen und muss die 30min Pause nicht zwingend einrechnen, je nach Arbeitgeber :)
    Und nach 8-14h hat man den Tag noch vor sich und trotzdem mehr Geld als bei 20h…

    Am Ende kann man sich doch nur mit minimalen Ausgaben befreien. Es ist wie im Handel. Da liegt der Gewinn auch im Einkauf.
    Wer schon 500-600€ Miete zahlt und 200-300€ für ein Auto, der muss halt immer kleechen gehen. Und die Begründung dazu ist dann, man hat sich doch auch etwas verdient. blaaaa

    1. Hi Mathias,

      danke für deinen tollen Kommentar unter einem wirklich tollen Artikel.

      Ja, es gibt heute so viele Möglichkeiten wie nie zuvor etwas an seiner Situation zu verändern. Aber vermutlich ist es auch das erste Mal so krass, dass sehr viele einer Veränderung nicht aus dem Weg gehen können.

      Für mein Leben habe ich die Vision, wie ich leben und arbeiten möchte, bereits ausformuliert. Hierfür werde ich auch mit weniger Geld und Dingen auskommen müssen, dafür habe ich aber mehr Zeit. Und vielleicht lässt sich mit dem ein oder anderen Hobby dann noch nebenbei etwas verdienen.

      Am schlimmsten finde ich aber nicht mal die Menschen, die 40+ Stunden pro Woche arbeiten und sich dafür etwas gönnen wollen oder meinen sie hätten dadurch noch etwas on top verdient. Nein, ich denke das ist menschlich und der Wunsch nach mehr Zeit für sich, der sich mit Konsum auf bequemste und schnellste Art und Weise kompensieren lässt. Leider oft nur kurzfristig.

      Schlimmer finde ich, wenn bereits junge Menschen nach ihrer Schule oder ihrem Studium meinen, jetzt stünde ihnen nach der ganzen Plackerei ein Auslandsjahr oder ähnliches zu. Hier haben viele, zumindest nach meinem Gefühl und meiner Wahrnehmung, den Bezug zur Realität verloren, dass es sich bei einer derartigen Ausbildung und diesen Möglichkeiten, um ein Privileg und nicht um eine Verpflichtung handelt.

      Gruß,
      Marco

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