Ab ins Kunstmuseum – aber langsam

Ich gehe gerne ins Kunstmuseum. Egal in welcher Stadt – ich muss rein. Und bin hinterher ganz entspannt, begeistert und inspiriert.
Nur leider geht fast nie jemand mit. Was nicht schlimm ist, denn Gemälde kann man sich ja auch alleine anschauen. Schlimm ist der Satz „ich kann mit Kunst nichts anfangen“.
Dieser Satz macht mich nicht nur traurig, sondern bricht mir immer das Herz.
Ich weiß, woher der Satz kommt. Der hat sich irgendwann in der 3. oder 4. Klasse eingenistet, als ne blöde Handarbeitslehrerin oder ein strenger Werklehrer gesagt hat, wie unsinnig dein Werk ist, wie hässlich etwas gestrickt wurde, wie unsauber gearbeitet wurde. Ein anderes Kind in der Klasse konnte alles viel besser und schöner und du hast dein Gekrakel betrachtet und beschlossen: Kunst ist blöd.
Das wars dann.

An dieser Stelle übrigens einen Gruß an meine Handarbeitslehrerin der 4. Klasse, die mich immer vor der ganzen Klasse bloßgestellt hat, weil meine Arbeiten immer so unglaublich hässlich waren. Anscheinend hat ihr das Kopfschmerzen verursacht :D
Mein Kerzenlichthalter in Engelsform war nicht rosa und hellblau bemalt, sondern hatte lila-orange Streifen (mehr Farben hatte die Alte nich zur Auswahl) und ich fand ihn gut und sie war scheisse. Also Frau S. – ich rufe Ihnen ein fröhliches „Fuck-you!“ entgegen und sage Ihnen nun etwas, was ich ihnen schon vor 22 Jahren hätte sagen sollen: Tennissocken in Pumps gehen gar nicht! (ich mein…sie zog sich SO an und hat mich fertig gemacht, weil ich ein Stirnband in blau und rot gestrickt habe??? Ich war 10 und mochte damals schon keine Stirnbänder)

Ich will eigentlich damit sagen: Wühl dich da heraus, weil es sich lohnt. Geh ins Museum und entdecke dich selbst. Da drin ist es kühl, still, seltsam und wunderbar. Ja, manchmal ist es auch nervig und anstrengend.

Als die hiesige Kunsthalle fertig renoviert war und „1 Monat Eintritt frei für alle!“ ausrief, sind Herr DingDong und ich auch hingegeangen. Es war Sonntag und wir wussten, dass es voll wird. Also haben wir uns diese Klappstühle an der Museumskasse geschnappt und haben ausgemacht: Es wird geschlendert und wenn uns etwas auffällt, schauen wir es an. Wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir wollen. Auch wenn wir dann nur 3 Bilder sehen. Da saßen wir in mitten des Gewusels und starrten abstrakte Kunst und alte Meister an. Nicht jedes Bild war schön. Aber es hat uns interessiert und wir kamen ins Gespräch. Und hinterher? Beseelt und glücklich.

Hier also ein paar Tipps und Fragen für einen interessanten Museumsbesuch:

    Was sehe ich? ruhig auch mal näher ans Werk oder weiter weg gehen (nur nix anfassen!!)
    Welche Farben und Muster nehme ich wahr?
    Weiß ich etwas über die künstlerische Epoche oder den Künstler? Wie hängen diese Aspekte mit dem Bild zusammen?
    (ja, per Handy bei Wikipedia nachlesen ist erlaubt :D)
    Wie fühle ich mich? Was fühle ich, wenn ich das Werk anschaue? Welche Reaktionen beobachte ich bei mir? Ist es Langeweile? Überforderung? Faszination? Ekel?
    Was hat das Werk mit mir zu tun? Warum mag ich es, warum nicht? Was genau mag ich daran bzw. daran nicht?
    Kann ich etwas vom Kunstwerk für eine bestimmte Situation lernen? Und wenn ja, was genau?

  1. Klappsessel mitnehmen. Auf diese schwarzen Dinger kann man sich auch gut abstützen und sind nicht nur was für alte Leute
  2. am Besten viel Zeit mitbringen. Mit Genuß trödeln und ein Bild auch ruhig mal 20 Minuten anschauen. Das entspannt total!
  3. Wer von knarzendem Parkett oder Gemurmel alter Leute in hässlichen Pullundern genervt ist, nimmt sich bitte Ohrstöpsel oder Musik mit
  4. ein Notizbuch ist vielleicht auch nützlich
  5. anstatt Kunstwerke abzuknipsen, lieber ne Postkarte im Museumshop kaufen

Das wars schon, mehr wollt ich gar nich erzählen. Und wem der Eintritt zu teuer ist, der guckt sich mal diesen tollen Kunstblog an.

Gehst du gern ins Museum? Hast du ein Lieblingsmuseum, das du immer wieder aufsuchst? Magst du Kunst? Oder wurde dir Kunst und Handwerksarbeiten in der Grundschule auch verleidet?

4 Gedanken zu “Ab ins Kunstmuseum – aber langsam

  1. In Handarbeit hatte ich ne 3.:-) Stricken etc.ist so gar nicht meins. Und in Kunst konnte ich mich nur durch Bildinterpretation auf knapp 2 retten. Und doch liebe ich grundlegend Museen aller Art: Technik, Naturkunde, Altertum, Wattenmeer, Bergbau, Gemälde, Porzellan, u-Boote,…. ! Und ich von wie Du ein Genießer und Schlenderer. Ich lese die ErklärSchilder oder Programmheft, notfalls auch Wiki.;-) Ich hab jein künstlerisches Auge, aber gucke mir gerne Kunst an. Inzwischen verstehe ich auch mehr, dank Lesen und Bekanntschaft mit Kunstverständigen. Danke für diesen klugen, dringend mal notwendigen Artikel! Geplant hab ich noch Besuch der Ausstellung Mattheuer in Rostock. ;-)

  2. Ach so – ich bin eine alte Frau in hässlichem Pullunder oder Pulli. Ich murmele zwar nicht, aber anscheinend nerve ich die anderen im Kunstmuseum – da bleibe ich doch lieber draußen und mach’s mir auf der Wiese im Park davor mit einem Buch gemütlich. Oder in einem Café in der Nähe.

    Ageism ist anscheinend das neue Schwarz. *heftiges Augenroll*

  3. Liebe Frau Dingdong,
    habe mir lustigerweise gerade „Kunst für Dummies“ aus der Bibliothek geholt, um mein schlechtes Epochenwissen aufzubessern…
    Kunstunterricht killt wahrscheinlich jede Kreativität – vielleicht sollten wir die Kinder einfach malen/basteln/stricken lassen, je nach Interesse und ohne Benotung?
    In München kann man übrigens sonntags für nur 1€ in die Pinakotheken. Ein tolles Konzept, wie schön wäre es, das auch in anderen Städten zu können?
    Was auch immer Spaß macht: In jedem Raum ein Lieblingsbild auswählen und sich mit der Begleitung darüber austauschen.
    Und ja: keine schlechten Photos von guten Bildern!

    Herzliche Grüße in den Norden!

  4. Liebe Frau DingDong,
    ich gehe auch gerne ins Kunstmuseum. Die Führungen aus der Schulzeit durch die Museen haben mich oft eher gelangweilt und eigentlich erinnere ich mich auch an nichts davon.
    Ich habe kein wirkliches Kunstwissen, schaue mir die Bilder aber gerne an und schaue, was dann in mir passiert. Manchmal muss ich im Museum aufpasse, dass mich nicht der Effizienzgedanke erwischt: also möglichst viel in kurzer Zeit anschauen. Da muss ich mich dann selbst bremsen und mir erlauben an Bildern hängen zubleiben.
    Viele liebe Grüße
    Annika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*