Minimalismus als Lebensstil der Zukunft?

Neulich wurde ich gefragt, warum ich Minimalismus für DEN zukunftsfähigen Lebensstil erachte und ich solle doch mal Beweise anbringen.
Beweise habe ich natürlich nicht, ich bin ja kein Zeitreisender. Ich kann nur Detektiv spielen und ein paar Indizien sammeln, die diesen Gedanken ein bisschen ausstaffieren. Das ist alles selbst noch nicht fertig gedacht (ist es bei mir nie :D), aber ich wollts mal aufschreiben und natürlich gerne eure Gedanken dazu lesen.

Also checken wir mal kurz, was Minimalismus eigentlich ausmacht:
– weniger Besitz, mehr Zugang
– weniger Dinge, mehr Erfahrung
– weniger Quantität, mehr Qualität; zeitlich, materiell und sozial
– die Idee, dass man sich für die wichtigen Dinge im Leben entscheidet und alles andere, was nicht dazu passt, reduziert

Ja, ich halte Minimalismus für DEN Lebensstil der Zukunft. (Alles andere erscheint mir gerade irgendwie…sentimental?? naja frag mich morgen nochmal, dann seh ich das bestimmt anders)

Warum?

1. Alles ist/wird alles digital.
Das betrachte ich durch die Wirtschaftsbrille. Warum in Zeiten von Ressourcenknappheit Dinge herstellen, die potentiell keiner kaufen wird (weil er es vielleicht nicht kann?) – also auf Nachfrage/on demand. Zum Bespiel Ersatzteile oder Kleidung aus dem 3D Drucker. Ich kaufe nur noch, wenn ich etwas benötige und dann wird es nach meinen Wünschen hergestellt.
Wem das zu abstrakt ist, kann sich mal fragen: Wann hast du zum letzten Mal eine CD/Buch/DVD gekauft?
Ich nutze hauptsächlich die Bücherei und den Rest streame ich oder kaufe ich als Datei. Das einzige was ich noch kaufe sind Comics. Da macht es mir tatsächlich mehr Spaß, sie in der Hand zu haben als online zu lesen. Ich brauche keine Dinge, um meine Identität klarer herausstellen. Das muss für mich auch ohne gehen. Und wen kümmern Dinge, wenn ich ständig online bin? Es zählt nur das was ich auf den sozialen Medien schreibe, zeige und teile.

2. Alles ist/wird smart
Natürlich gibts da auch ein paar Megafails, aber in keinem anderen Bereich ist die Zukunft greifbarer als beim Smart Home. Die Technik wird erschwinglicher, weil die Entwicklung voran geht. Ich brauche keine fünf verschiedenen Geräte sondern nur noch eines oder gar keines, weil alles auf Wände projeziert wird.

3. Robotik/Automatisierung
Alles, was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert. Klingt vielleicht gruselig, ist aber in einem kapitalistischen System logisch. Roboter sind effizent und werden nie krank, arbeiten schneller als ein Mensch es je könnte. Roboter erleichtern uns den Alltag, in dem sie Rasen mähen oder staubsaugen oder kranken Menschen dabei helfen, selbstständig zu werden oder zu bleiben. Ich werde also weniger Arbeiten (müssen)

4. Urbanisierung + Mobilität
Die Menschen drängen in die Städte, doch Wohnraum ist knapp. Und freie Flächen muss man sich erlauben und vielleicht auch erkämpfen können. Mehr Menschen = weniger Wohnraum/Fläche? Wie viel Autos können wir uns in den Städten und Gemeinden erlauben? Wo sind Treffpunkte für Begegnung (und wie soll diese Begegnung aussehen?) Diese Fragen werden uns in Zukunft stärker beschäftigen und da ist weniger Zeug sehr hilfreich.

5. Klimakrise und Ressourcenverbrauch
Okay, das ist bitter. Aber sollte man bei dieser Aufzählung nicht außer Acht lassen. Wenn ich in einem Hochwasser-Gebiet (optional: insert x-beliebiges Land und wahrscheinlichste Naturkatastrophe here) leben würde und jedes Jahr aufgrund der Klimakrise absaufen würde, würde ich rein aus Bequemlichkeit weniger Zeug anhäufen, damit es mir hinterher nicht so schlecht geht, wenn ich meine liebsten Sachen verliere und ich schneller fliehen kann. Hierzulande ist das vielleicht jetzt übertrieben und das erscheint dir vielleicht zynisch, aber ich denke da gerade nur praktisch. Ich frage mich, wie es den Menschen im Hyperkonsumland USA während einer Hurricane Saison geht. Bis alles wieder einigermaßen aufgeräumt ist, kommt schon der nächste Sturm. Was bringt einem ein Haufen Zeug, wenn man jedes Jahr vor den Trümmern steht?

Irgendwie steht in meiner Gedankenblase noch das Wort „Globalisierung“. Könnte man eher als Oberbegriff sehen, der alles ummantelt. Die Länder der Welt sind miteinander durch Handel und Kaptialflüsse verbunden. Sie werden auch weiterhin zusammen wachsen zusammen und sind wechselseitig immer stärker voneinander abhängig. Katastrophen jeglicher Art sind nicht auf Kontinente oder Ländergrenzen beschränkt. Und vielleicht sind wir sogar früher oder später dazu gezwungen aufgrund von Klima oder Krieg zu flüchten und ein nomadisches Leben mit kleinem Gepäck zu führen?

Das sind wie gesagt nur Gedanken, die natürlich auch problematisch sind, aber auch Chancen bieten, wenn man es klug anstellt. Ich halte es daher für extrem wichtig, sich jetzt darüber Gedanken zu machen und darüber zu diskutieren. Das gelingt mir besser, wenn man sein Leben von überflüssigen Plunder befreit hat. Und natürlich ist bei all dem eine individuelle Balance wichtig, aber die gesellschaftliche Komponente darf man auch nicht aus den Augen verlieren.

Weiterlesen:
Emi von Downgrade Deluxe zählt Gründe auf, warum Minimalismus und Nachhaltigkeit zusammen gehören
Minimizing out impact on the environment
Minimalism trend: Will it save the planet?
5 ways to live minimally and save the environment


Also, wie siehst du das? Ist Minimalismus zukunftsfähig oder doch nur ein Trend der gerade von Hygge abgelöst wird? Welchen der Punkte würdest du so unterschreiben, wo siehst du es anders? Was fehlt in der Aufzählung? Warum interessierst du dich für eine minimalistische Lebensweise und ist das bei dir (noch?) aus individuellen Gründen geprägt oder gesellschaftlich-politisch?

9 Gedanken zu “Minimalismus als Lebensstil der Zukunft?

  1. Huhu,
    eine spannende und pragmatische Aufzählung (spannend übrigens, dass die Philosophie des Pragmatismus kaum etwas mit unserem heutigen Gebrauch des Wortes zu tun hat). Mir fehlt allerdings der Aspekt, dass unser heutiger Umgang mit Konsum und die Tatsache, dass der Earth-Overshoot-Day jedes Jahr früher ist, unser Planet einfach in dieser Form nicht leisten kann. Klar, wir können in Kauf nehmen, dass für eine Jeans 8000 Liter Wasser verbraucht werden, aber wir könnten natürlich auch aufhören unserem Heimatplaneten die Lebensgrundlage wegzukonsumieren.
    Vielleicht fehlt das in deiner Aufzählung, weil du nicht davon ausgehst, dass das handlungsweisend für den modernen Menschen ist, aber ich mag nicht aufgeben zu hoffen, dass das Bewusstsein für unsere Umwelt jeden Tag größer werden kann – bevor wir bitter dafür bezahlen müssen.

    1. hi Lena,
      es fehlt deshalb in der Aufzählung weil das für mich ein bisschen mit dem Thema Globalisierung zusammenhängt und Konsum von allem die Grundlage ist, deshalb wollte ich da nicht explizit drauf eingehen. Ich gebe dir aber völlig Recht, das gehört da unbedingt mit rein und ist definitiv handlungsweisend für den modernen Menschen. Ich frage mich, wann da mal der Verzicht von staatlicher Seite angeordnet wird, damit wir uns eben nicht die Lebensgrundlage wegkonsumieren.

  2. Zu deinem Punkt „2. Alles ist/wird smart“
    Das macht mir Angst und Sorge. Und zwar aus datenschutzrechtlichen Aspekten. Ich möchte mich eben nicht dauerhaft mit dem Internet vernetzen und rund um die Uhr online sein. Ich möchte nicht in einem smarten Haus leben, in der ich übers Netz die Heizung fernsteuern kann oder die Waschmaschine starten lassen kann, während ich noch auf dem Weg nach Hause bin. Auch will ich nicht, dass mein Kühlschrank selbst Einkaufslisten schreiben kann. Ich möchte auch nicht, dass ich ein Gerät (z.B. Alexa von Amazon) habe und alle Gespräche gespeichert werden. Auch wenn die Unternehmen mir weismachen wollen, dass das ja alles so supertoll und innovativ und fortschrittlich ist.

      1. Ein spannendes Thema. Abnehmender Wohnraum in den Städten wird auch meiner Meinung nach ein wichtiger Treiber sein.

        Bei dem „alles wird smart“ habe ich aber auch meine Bedenken.
        Datenschutz ist ein Aspekt, Ausfallgefahr eine andere. Vernetze Systeme können bei Strom-, Netzwerk- und Serverausfällen natürlich ausfallen. Während wir aktuell vll abends im Dunkeln sitzen, wären wir beim SmartHome vll den ganzen Tag im Dunkeln, weil die Jalousien nicht hochfahren oder wir kommen gar nicht erst rein, weil das smarte Schloss uns nicht erkennt.
        Zudem stellt sich aktuell die Frage, ob SmartHome-Anwendungen zu geringerem Verbrauch führen. Das größte Einsparpotential besteht aktuell beim Heizen. Als Reboundeffekt ist aber zu beobachten, dass bei smarten Systemen die Einsparungen oft von det Bequemlichkeit gefressen werden, da man dem Haus sagt, es soll schon mal heizen, man ist bald zu Hause.

  3. Hallo zusammen,
    ich möchte hier mal einen Gegenpol zu den SmartHome- und Automatisierungs-Bedenken liefern.
    Während ich diesen Kommentar verfasse, zieht vor mir ein Staubsaugerroboter fröhlich seine Bahnen und neben mir spielt Alexa entspannende Musik.
    Auch ich hatte diesbezüglich datenschutzrechtliche Bedenken („die hören alles, was ich sage“), doch dann las ich davon, wie ein Hacker herausfand, dass tatsächlich nur dann Daten übertragen wurden, wenn das „Aktivierungs-Wort“ erkannt wurde.
    Was den Roboter angeht: den möchte ich nicht mehr missen! Er hat meinen Putz-Aufwand nahezu halbiert. Die mir zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit verbringe ich gern mit meiner Familie oder anderen Dingen, die mich mehr erfüllen, als Putzen ;-).

    Ich bin ausdrücklich für einen kritischen Blick auf all die tollen neuen Gadgets, blicke der „smarten“ Zukunft aber äußerst freudig entgegen.

    Vielen Dank für einen äußerst inspirierenden Artikel!

  4. Hallo Frau Ding Dong,

    ich hinterlasse jetzt mal nur kurz den Link zu einer Ausstellung die leider schon vorbei ist (Sonne scheint, Hund will raus). Er passt zum Punkt neue Stadtplanung/Ansätze beim wohnen..
    da besteht noch viel Raum für Wachstum, denke ich..

    https://www.design-museum.de/de/ausstellungen/detailseiten/charles-ray-eames-the-power-of-design/together-die-neue-architektur-der-gemeinschaft.html

    Liebe Grüße aus Südbaden, Cornelia

    PS Es hat mich riesig gefreut als ich auf Instagram gesehen habe dass es dem Eichhörnchen nach dem Sturm gut geht :)

    1. Danke für den Link! Das ist total spannend. Hier in Hamburg wurde schon mal im Rahmen von zero city überlegt und im Stadtteil Billwerder sollen auch neue Formen des gemeinschaftlichen und umweltverträglichen Wohnens probiert werden. Bin gespannt was sich da tun wird.

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