Lagerraum oder Lebensraum?


Okay, neulich blättere ich in dem aktuellen Katalog eines Möbelherstellers. Da stand irgendwas von „Wir glauben, dass es gut ist, wenn man seine Wohnung regelmäßig verändert blabla“ – bin zu faul das richtige Zitat abzutippen, aber der Inhalt war klar: „Kauf regelmäßig unsere Möbel, wirf sie nach ein paar Jahren weg und kauf dann wieder Neues, danke.“

Das ging mir das irgendwie nicht mehr aus dem Kopf.

Ich meine damit nicht die Aufforderung ständig Möbel zu kaufen und wegzuwerfen, sondern der Gedanke, dass das Leben ganz schön schnell stecken bleibt, wenn man nicht aufpasst. Obwohl ich mich für Minimalismus interessiere – und das seit mittlerweile 9 Jahren – habe ich im letzten halben Jahr gefühlt wieder mehr Dinge angehäuft und gekauft und mich so im Alltag eingesperrt. Bei genauerer Überprüfung habe ich gar nichts Neues angehäuft sondern eher tatsächlich aussortiert und ausgetauscht, aber es fühlt sich nach mehr an. Wie kommt das?
Aus diesem Steckenbleiben-Gefühl wird ein Lagerraum, weil sich nichts an der Menge der Sachen ändert und an dem Drumherum auch nicht. Das Regal wurde an diese Ecke gestellt und da blieb es auch die letzten 10 Jahre. Die Bücher wurden so geordnet und setzen Staub an, werden aber nicht gelesen. Alles verkommt zu einem Lager von nicht fertiggestellten Projekten, von ungelesenen Zeitschriftenstapeln, von klobigen Möbeln, die rumstehen aber sinnlos sind.
Aber sollte unsere Wohnung nicht Lebensraum sein? Etwas, das lebt, ist lebendig. Die Dinge sind im Fluss. Aber wann sind sie es schon?
Versteh mich nicht falsch. Ich liebe diese klinisch-minimalistischen Penthouse Wohnungen aus den Architekturzeitschriften und auf pinterest, aber ist das nicht auch starr? Klar, wir wohnen in Wohnungen oder Häusern aber wir wollen doch ein ZUHAUSE. Kuratiert von den Bewohnern nach ihren individuellen Bedürfnis nach Schönheit und Ordnung.
Aber viel zu leicht verfällt man im Alltag in diese Starre (Ich merke das übrigens nur, weil ich selbst in dieser Starre stecke und mich ja dieses Jahr das Motto „Freiheit“ beschäftigt. Diese Dissonanz is wie ne Bratpfanne, die mir jemand überzieht. Mehrmals.Kräftig.Hintereinander.) und ich glaube, das tut uns nicht gut. Wir entwickeln uns. Die Wohnung sollte sich auch mit entwickeln. Oder?

Wann hast du das letzte Mal den Flur gestrichen?
Hast du das angefangene Projekt, das Staub ansetzt und erstmal zur Seite geschoben hast, schon fertig?
Macht die Aufbewahrung, die du dir für Bastel- und Nähkram ausgedacht hast noch Sinn oder behindert sie dich?
Passt der Stil deiner Wohnung noch zu dir?
Liegt unter der Wandfarbe und unter den Tapeten dein wahres Ich vergraben?

Wir verändern uns ständig, aber unsere Wohnung nicht so oft.
Es ist Herbst und deshalb Zeit für Veränderung.
Keine Panik, ich will nicht, dass du los gehst und dir neue Möbel kaufst oder Duftkerzen und so nen Müll den niemand braucht.
Aber vielleicht mal was weglassen, was nervt. Und hinzufügen, was Freude macht.

Ich habe eine Wand mehr mit türkis angemalt und es fühlt sich gut an.

9 Gedanken zu “Lagerraum oder Lebensraum?

  1. Das ist fast gruselig wie der Post genau dann kommt wo ich selber ganz ähnliche Gedanken hab! O.O

    Bei mir ist es so, dass meine Schwester ausgezogen ist, eh schon vor längerer Zeit, und ich jetzt ihr Zimmer zu meinem Schlafzimmer gemacht habe. Dadurch, dass ich ja trotzdem nicht mehr Zeug hab, fühlt sich meine Wohnung jetzt ein bissl leer an. Und unfertig, undurchdacht. Mehr Lagerraum als Lebensraum. Oder sind das nur die Erwartungen von außen??

    Lagerraum.
    Teilweise ist es so, dass gerade meine Mutter mir Dinge vermachen will, die sie nicht weggeben will aber für die sie keinen Platz hat. Sie missversteht da was, ich bin kein Dachboden.
    Vielleicht ist es das Schicksal der jüngsten Kinder, aber ich hab viele Möbel und Geschirr usw. das nicht „mir“ gehört. Also schon mir gehört, aber mir eben vermacht wurde, immer schon da war usw. Und das ich erst zu „meinem“ machen muss, nur wie? Daran knüpfen sich dann wieder Gedanken in der Art von „mach ich das weil das meine Familie/die Gesellschaft von mir irgendwie erwartet?“

    Ein Beispiel ist der Polstersessel den ich von meiner Oma geerbt hab. Er ist aus dem frühen 19. Jh, ist zwar irgendwann mit Stoff neu bespannt worden, der ist aber fast wie der Originalstoff. Es ist ein gelblicher Blumenjacquard und dieses gelbliche macht mich traurig und wahnsinnig. Es schaut aus wie eine Mischung aus Nikotin und von der Sonne ausgeblichen (ist es aber nicht). Mein Vater meint, ich soll das nicht neu tapezieren lassen, weil das dann aus dem historischen Kontext gerissen ist und nicht mehr passt. Allein jetzt wo ich das hier schreibe denk ich mir, gehts doch alle scheißn ich lass den jetzt neu tapezieren. Jawoll.

    1. ey, würd ich auch machen! Du kannst ihn ja einfach noch mal hübsch abfotografieren für die Party, wo dich alle Gäste fragen werden, woher du diesen geilen Sessel hast und dann zeigst du das Foto und sagst BAM! UPCYCLING! Jawoll!!! (Die vorher-nachher-Fotos interessieren mich aber auch)

  2. Hallo,
    frag mich gerade ob du in meinem Gerhirn warst *lach – genauso ähnlich geht es mir gerade.
    Ja und manches passt auch nicht mehr. Wie die Kommode ja sie war und ist schön ich wollte sie vor ein paar Jahren unbedingt haben aber deswegen auf Lebenszeit aufheben?
    Hmm gut ich könne jetzt Farbe in die Hand nehmen, sie woanders hinstellen – das versuch ich mal.
    Minimalismus ist gut und ja so ein Wohnzimmer klar und rein Sofa, Tischchen, Lampe Bild an der Wand und eine Zeitung sonst nix ja hat was aber ist ja nicht das Leben.
    Mal sehen mir fällt sicher was ein.
    LG
    Ursula

  3. Danke danke danke! Ein Beitrag, den ich gerade sehr dringend gebraucht hab. Wirklich. Hab ne ähnlich sehtsan erschreckende Sicht auf die Welt (sowas wie der doofe Satz im Katalog, macht mich n halben Tag fertig.) Und denke, ich bin die einzige,die das so sieht und fühlt. Alle anderen konsumieren , als ob’s kein Morgen gäbe… Und auch bei mir ist Stagnation. Keins, gar keins, meiner Projekte ist im letzten Jahr (das miese, gut dass es vorüber ist,) fertig geworden. Überall nur diese Kack unfertigen Ecken. Nichts repräsentiert mich mehr! Nach all den Krisen bin ich nun wer anders, aber ausräumen oder auch nur aufräumen überfordert mich maßlos. Und so sitze ich lieber am Flussufer in der Sonne und lese oder philosophiere, anstatt endlich das Loslassen, Ausmisten, neu Anrichten anzugehen. Möbel kaufen muss ich dafür nicht, nur einiges müsste repariert, gestrichen, umgestellt werden. Davor hab ich regelrecht Horror. Bekloppt, ne?
    Insofern danke für die aufmunternden, klären Worte! Freiheit!!

  4. Oh, ein spannender Beitrag, auch wenn ich selbst gerade in einer ganz anderen Phase bin. Was die Möbelhäuser mit ihren Sprüchen so bezwecken, ist klar. Aber wir sind ja nicht das Möbelhaus und irgendeine Designer-Loft-Wohnung will ich auch nicht.

    Ich finde, ein ganz genialer Nebeneffekt von Minimalismus ist, dass es sich vergleichsweise relativ einfach umräumen lässt. Ich liebe Umräumen und würde mich mal als „Inhouse-Nomadin“ bezeichnen: Innerhalb der Wohnung immer mal wieder was verändern und die Möbel hin und herschieben. Herrlich, das mochte ich immer schon. Das bringt Leben ins eigene Leben und macht irgendwie den Kopf auch wieder klarer.

  5. Hey Cloudy,

    bei mir verändert sich meine Umgebung ja vergleichsweise oft und ich frage mich tatsächlich, ob nicht ein guter Zeitpunkt wäre, mal etwas zu bremsen und mich mal neu auszurichten. Aber so wie ich mich kenne, ist das wieder nicht von langer Dauer.

    @materialfehler: Bitte mach den Sessel unbedingt so, wie du ihn gern hättest! Er gehört ja jetzt schließlich dir! Deiner Oma ist es wahrscheinlich egal, weil sie jetzt eh nichts mehr mit ihm anfangen kann. Außerdem hätte sie ja wohl am ehesten gewollt, dass er dir Freude bereitet.

    Liebe Grüße
    Philipp

  6. Huhu,

    das war einer der Artikel warum ich doch immer wieder zu deinem Blog zurückkehre – wenn auch unregelmäßig. Was du beschreibst lässt sich nicht nur auf meine Wohnung sondern auch ein bisschen auf mein Leben anwenden. Danke, für den Denkanstoß!

    Grüße Kät

  7. Ich habe mein Wohnzimmer um 90° gedreht und es fühlt sich an, als hätte ich eine komplett neue Wohnung! :-D

    Tolle neue Frisur übrigens! Kurze Haare sind total wandelbar, ich trag sie seit 2 Jahren kurz und bin total zufrieden damit!

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