Lass dich überraschen

Ich bin neulich über das hier gestolpert:

…und so cheesy der Jingle und die Show auch sind – ich habe mich sofort gewundert, ob wir uns eigentlich noch überraschen (lassen) können?

In der Show ging es um Kandidaten, deren größter Wunsch erfüllt wird. Diese Wünsche wurden von Freunden und Kollegen verraten und Rudi Carrell kam diese Kandidaten dann überraschen. Zack! Wunscherfüllung. Und die Bäckerin konnte ihre Brötchen mal mit dem Porsche ausfahren.
Heutzutage wäre die Show ja undenkbar! Intime Wünsche, die man im Gespräch verraten soll? Die vielleicht ein bisschen peinlich oder seltsam sind? Und dann noch ein beliebter aber alter Fernsehmoderator mit Migrationshintergrund, der den Wunsch erfüllt?
Wie soll das gehen?
Innerhalb von 10 Minuten hätte man auf seiner Facebook-Seite die Info, dass Herr Carrell in der Heimatstadt gespottet wurde. Verdächtigerweise haben sich die Kollegen neulich in der Whatsapp-Gruppe über Träume und Wünsche unterhalten, dann blitzt es einem, man reimt sich alles zusammen, schließlich is man ja nicht blöd!
Überraschung? Nee. Man kommt ja ins Fernsehen. Oder auf Youtube. Da müssen die Brows on Fleek sein.

Bevor wir ins Restaurants gehen, checken wir im Internet Bewertungen.
Wir sehen an der Statusmeldung, wie die Stimmungslage bei der Freundin oder beim Freund ist.
Lohnt das Tinder-Date? Erstmal alles durch stalken, bis wir diese Person treffen.
Es gibt Online-Wunschlisten und Pinterestboards, Testberichte und Blogbeiträge – alles wird geteilt, kann eingesehen und als Lesezeichen gemerkt werden.
Man wird getrackt und geortet und alles ist irgendwie immer unter Kontrolle.
Der Rest wird von einem Algorithmus ausgesucht, aber Entdeckungen machen wir selbst keine mehr, is zu anstrengend. Double Tap.

Das Ganze ist wirklich sehr praktisch. So wissen wir immer worauf wir uns einlassen und was wir zumindest grob erwarten können. Manchmal ist das wirklich sehr hilfreich, z.b. bei Bildern und Bewertungen von Ärzten. Aber vorher gings doch auch ohne diese ganzen Sternchen und Bewertungen!?
Das war so einfach.

Ich frage mich, warum wir uns nicht mehr erlauben, uns überraschen zu lassen.
Ein bisschen Nervenkitzel.
Ein bisschen Spannung.
Ein bisschen Vertrauen.
Ein bisschen die Kontrolle loslassen und gucken was passiert und was das mit einem macht.

Sich verirren.
Auf das Bauchgefühl hören.
Sich beraten lassen.
Echte Menschen um Empfehlungen bitten. Was begeistert sie? Wovon waren sie enttäuscht? Warum?
Und vor allem: Mut zum Ausprobieren.

Was hat dich zuletzt überrascht?

8 Gedanken zu “Lass dich überraschen

  1. Heelo! Ein schöner Artikel, der mich dazu angeregt hat, darüber nachzudenken, was mich berrascht. Was in mir sofort Freude auslöst. Danke!!!
    Mich hat mein achtjähriger Knirpsi überrascht. Ich bin Morgenmuffel. Er war vor mir wach und hat auf Notizzettel lachende Gesichter gemalt und an meine Schränke geklebt. Als ich schlaftrunken in die Küche stolperte war ich sehr überrascht von dieser lieben Geste und das innere Muffel hat sich ins Bett zurück gelegt, ich hingegen konnte gar nicht anders als mich freuen.

    Immer wieder überraschen mich auch wundervolle Postkarten :-D :-D :-D
    Es überrascht mich wenn der Nachbar klingelt und fragt ob ich etwas brauche, weil er einkaufen fährt. Es überrascht mich wenn die große schreckhafte Katze von nebenan auf einmal meine Nähe sucht (naaa gut nur weil sie Hunger hat, aber eeegal).

    Und ja ich glaube auch, dass mit den Überraschungen ist so eine Sache.
    Da in Wartesituationen das Smartphone zur Ablenkung dient, wird die Überraschung die soeben vorbeigeht nicht wahrgenommen.

    Zu meiner Überraschung hab ich jetzt auf jeden Fall einen tollen Ohrwurm:
    Laaaass Dich uuuberraaaschen! Danke!
    Überraschenderweise und völlig unerwartet bin ich krank und zugleich scheint die Sonne! Da hab ich Zeit und Muse mit einer Tasse Tee bei Frau Ding Dong im Blog herumzutingeln :-D

    Umarmung
    Jean*

  2. Voll! Und dann krigt man überall mit Algorithmen seine eigene Bubble gespiegelt. Spotify, Youtube, so wirklich überraschen tut mich das ja beides nicht. Das 10jährige Maturatreffen war für mich ohne Facebook schon interessant. Für die anderen tlw nicht so, weil sie eh alle auf FB jeden Kack mitkriegen. Es hat früher Mal die Suchoption „Zufallsposting“ gelegentlich in Blogs gegeben. Das ist eigentlich schon ganz cool, so eine Funktion sollte viel öfter eingebaut werden in eigentlich eh alles. Hab ich mich auch erst wieder erinnert, jetzt wo du das schreibst. Macht schon nachdenklich, dein Post.

  3. Ist es nicht so, dass man beinahe schon verdächtigt wird, wenn man nicht alles preisgibt?
    Das ist zumindest mir damals so vorkommen, als sich gefühlt die ganze Welt plötzlich vernetzt hat.
    Posten ist das neue rechtfertigen. Dabei wollte ich mir letzteres gerade abgewöhnen….
    Danke für die immer wieder guten Anregungen durch deine Artikel.
    Bringt mich immer wieder zum Nachdenken!

    Lg und schönen Sonntag

  4. Cloudy, was für ein wunderbarer Artikel! Ich kam gar nicht umhin, ihn direkt bei mir zu verlinken. :)

    Diese Überraschungslosigkeit stört mich insbesondere auf Reisen, weshalb ich es mir da besonders wichtig ist, ohne Smartphone und Laptop unterwegs zu sein. Mein Freund ist das komplette Gegenteil: Er hasst Überraschungen, sogar positive! Dabei würde ich so gern eines Tages unerwartet vor seiner Haustür stehen. :D Vielleicht mache ich das eines Tages einfach trotzdem mal…

    Lieber Gruß
    Philipp

    PS: Die URL besagt, dass dieser Beitrag eigentlich eine Blogpause ankündigen sollte. Ist die jetzt überraschender Weise abgesagt oder habe ich dir die Überraschung jetzt verdorben? :P

    1. oh ups…stimmt! das muss ich noch ändern. Danke für den Hinweis. Und danke für deine Verlinkung.
      Ich hasse eigentlich nur „soziale“ Überraschungen…das würde mich schon überfordern, wenn plötzlich jemand vor der Tür stehen würde. Aber manchmal denke ich auch, ich solle mich nich so anstellen :D

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