Neue Krise, neue Chancen – Minimalismus reloaded

Minimalismus, Klappe, die Dritte.

Die Welt steht still, die Menschen verstecken sich zwischen Türmen aus Pastaboxen und Klopapierrollen. Jeder der laut niest, hustet oder eine Haltestange im Bus anfasst, wird mit empörtem Blick zurecht gewiesen. Es ist Frühling in Deutschland, im Zeichen des Coronavirus.
Willkommen in der Zukunft.

Nach 2 Wochen Dauerberieselung durch „Liveticker“ auf allen Kanälen war mein Hirn so voll, dass ich gestern in der Natur war. Dort gabs keine Nachrichten und ich konnte Nachdenken und in meinem Gehirn sortieren.

Red Cross Christmas Parcels / 1952. Photograph. Britannica ImageQuest, Encyclopædia Britannica, 25 May 2016.
Accessed 16 Mar 2020.

Funfact: Ich bin unfähig, mir die nächsten zwei Wochen vorzustellen. Ich kann nur langfristig denken und mich nicht gut auf Details konzentrieren. Also denke ich an die Zeit nach der Pandemie, falls es sie gibt, und ich frage mich, wie sich unsere Gesellschaft entwickeln wird. Denn plötzlich scheint alles möglich, was in den letzten Jahren frustriert im Zuge des Klimawandels gefordert, verhandelt und ausgedacht wurde.
Plötzlich gibt es Ansagen der Politik. Mobilität wird eingeschränkt, wir sollen zu Hause bleiben. Keine Hamsterkäufe tätigen, Ruhe bewahren, Treffen abblasen. So viele Ansagen ist man gar nicht gewöhnt.
Aber die hätte man sich oftmals gewünscht: Auf unnötige Reisen wegen CO2 Ausstoß verzichten. Home-Office is okay, bitte allen ermöglichen. Bitte denkt an Mehrweg-Geschirr, wer Einweg nutzt und erwischt wird, zahlt Strafe.
Plötzlich geht alles, was vor ein paar Wochen noch als UNMÖGLICH angesehen wurde.

Faszinierend, oder?

Das Leben so wie wir es kennen, ist ausgesetzt. Wir sind im Warte-Modus. Sind vorsichtig und kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind, den man weder riechen, hören noch schmecken kann.
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es mich/uns erwischt“ denke ich und gehe mit der Angst spazieren.

Und doch, da, mitten in der Krise, sehe ich die Chance blühen wie die sich ausrollenden Blättchen an den Bäumen und Sträuchern, denen der Virus völlig egal ist:
Die Chance, etwas ganz bewusst anders zu machen als bisher.
Das ist ein sehr großes Geschenk und eine massive Verantwortung.

Wir brauchen einen angespannten, vorsichtig-produktiven Optimismus, damit wir da heil durchkommen. Das Beste daraus machen und gucken, wie sich das für uns anfühlt.

  • Ist mein Job home-office tauglich? Ist er überhaupt zukunftstauglich, oder kann die Gesellschaft auch darauf verzichten!? Will ich was anderes machen und merke ich das jetzt erst, dass er mir gar nicht fehlt? Was und wie kann ich anders arbeiten?
  • Muss ich immer durch die Welt jetten? Für Meetings und Geschäftsreisen sind E-Mails und Videotelefonie doch gar nicht so schlimm, wie man immer dachte und vielleicht sogar besser?
  • Reicht der Urlaub zuhause in der Heimat auch? Oder muss es immer für das beste Instagram-Bild von möglichst weit weg sein? Was erwarte ich von „Urlaub“ und „Erholung“? Für wen mache ich das? Geht es auch anders? Was entspannt mich eigentlich?
  • Wie sieht mein Sozialleben aus? Was brauche ich, damit ich mich wohlfühle? Oder ist es auch ganz schön mal, nicht immer irgendwo sein zu müssen?
  • Kann ich Langeweile aushalten und was macht das mit mir?
  • Wie schnell ist mein Leben und ist langsamer nicht besser für mich/meine Familie/meine Partnerschaft?
  • Was brauche ich, um mich wohl zu fühlen?
  • Wie viel von dem Zeug daheim tut mir gut? Muss ich wirklich hamstern und mich eindecken oder kann ich das nutzen, was ich habe? Was fehlt mir, was brauche ich wirklich?

Wir erproben anders zu lernen und arbeiten als sonst.
Wir erproben einen ÖPNV ohne Kontrollen.
Wir erproben eine neue Wir-Kultur.
Wir erproben neue Konsummuster.
Wir erproben eine neue Umwelt.

Manchmal muss man das Leben einfach ausprobieren. Wann, wenn nicht jetzt?

2 Gedanken zu “Neue Krise, neue Chancen – Minimalismus reloaded

  1. Wo, wenn nicht hier. Wie,wenn ohne Liebe,
    wer, wenn nicht wir?!

    Danke Dir für diese schöne Reminiszenz an Rio Reiser, und für den freundlichen, unreißerischen, gefühlsklugen und positiven Artikel!

    Ich sehe vieles ähnlich, aber dank zuviel Nähe zur „dunklen Seite der Macht“ bin ich heute nicht mehr so hoffnungsvoll positivistisch eingestellt wie in jungen Jahren. Doch jede gute Äußerung, abseits von FB und IG Kalendersprüchen :-p, macht mir Mut und schenkt etwas Licht.
    Auch die Leute aus der WG,die im Treppenhaus ein Angebot für alte und eingeschränkte Nachbarn aufgehängt haben, zwecks Hilfe, haben dieser Tage schon mein Herz erfreut. Die Krise bringt doch nicht nur die schlechten Seiten der Menschen zum Vorschein! Sondern auch einsichtige Gedanken. Hoffentlich zünden sie bei vielen. Ich bin dabei!

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