Apokalypse light oder: ein Leben aus Eimern

apokalypse light - mein leben aus dem eimer

Mein Pfingstwochenende war gesegnet mit einer – für hiesige Verhältnisse und mit weichgespülten Charakteren – Katastrophe.
Im Nachbarhaus, mit dem wir zusammen an der Wasserversorgung hängen, gab es eine geplatzte Leitung. Das Treppenhaus stand unter Wasser, ebenso die Erdgeschosswohnungen. Ein Nachbar ist im Urlaub, der weiß noch nix von seinen schwer durchnässten Polstermöbeln…
Das bedeutete für mich und andere: Von Sonntagvormittag bis Dienstagnachmittag gabs kein Wasser aus der Leitung. Hamburgwasser hat netterweise einen Tank in die Straße gestellt (leider nicht direkt vor das betroffene Haus, sondern in die Nebenstraße) und wir konnten uns dort mit Eimern und Wasserbeuteln unseren Wasservorrat abzapfen. Dort traf man auch hin und wieder nette Leute, mit denen man sofort ins Gespräch kam.

Auch wenn es nervig war, war die ganze Erfahrung interessant.

Wie viel Wasser braucht man eigentlich täglich?
Welche Gefäße im Haushalt lassen sich gut befüllen und tragen?
Wann drücke ich tatsächlich mal die Klospülung und wann gönne ich mir einen Tee oder Kaffee?
Was mache ich, wenn ich nicht mal mehr Strom habe?

Hahn auf. Hahn zu.
So einfach. Jeden Tag.
Ein Reflex.

Hahn auf. Hahn zu.
Duschen mit warmen Wasser.
Hände waschen.
Wäsche waschen.
Ein Glas Leitungswasser trinken.
Plötzlich ein Luxus.

apokalypse light - mein leben aus dem eimer

Interessant an dieser Lightversion der Apokalypse fand ich, dass das ganz eng mit den Fragestellungen „Was brauche ich?“ und „Was ist wirklich nötig?“ zusammenhängt. Und auch über meine Sachen mache ich mir wieder Gedanken. Herr DingDong hat wundersame Dinge aus seinem Globetrotter-Sortiment gezogen! Einen Wasserbeutel zum Aufhängen, damit konnte man prima duschen und Haare waschen. Vor allem, wenn der Sack über Nacht auf der Heizung lag und man WARWMES Wasser hatte. Oder das Faltwaschbecken. Das hat das Hände waschen enorm erleichtert, weil man es endlich wieder alleine tun konnte und man niemanden brauchte, der einem Wasser über die eingeseiften Hände schütten musste. Alles Dinge, die man zwar nicht unbedingt als Großstadtminimalist braucht, die aber plötzlich ein Mehr an Komfort boten in diesem Szenario und das wiederum ist gut, um die Laune oben zu halten.
Wäsche haben wir gottseidank am Freitag schon gewaschen, daher war das kein Problem. Aber was wäre, wenn ich nur eine Mini-Garderobe hätte, wo ich jeden spätestens jeden zweiten Tag hätte waschen müssen? Klar – Waschsalon. Aber was wäre das in einem wirklichen Notfall geworden, wenn es nirgends Wasser gäbe?

Das sind für mich furchtbar interessante Gedankenspiele. Und es geht auch viel ums Aushalten können.

apokalypse light - mein leben aus dem eimer


Was ich gelernt habe und über was ich noch nachdenken muss:

  • In Krisenzeiten (auch wenn sie so lahm auf Level 0 sind wie gerade beschrieben) halten die Menschen zusammen. Ich glaube fest daran, dass das irgendwie in uns drin steckt
  • Pragmatisch denken und nicht jammern ist ein Key Skill. Immer.
  • Bei guter Laune bleiben hilft auch immer
  • Smalltalk mit Fremden ist in solchen Situationen überhaupt kein Problem mehr. Anlassbezogen kann man sofort gut ins Gespräch kommen. Das lässt sich sicherlich auf den Alltag übertragen. Irgendwie.
  • Keine Scheu vor Reden über Fäkalien. Wenn die Klospülung nicht funktioniert, ist alles anders.
  • besondere Lebensstile (z.B. Ernährungsformen, Diäten, müllfrei u.ä.) können unter katastrophalen Umständen nicht unbedingt berücksichtigt werden. Wie flexibel ist der eigene Lebensstil? Wie komm ich damit klar?
  • man kann anderen besser helfen, wenn man selbst weiß, was zu tun ist

Hier in Schland gibts weder große Tornados, Mega-Erdbeben oder Tsunamis, aber wir kennen starke Herbststürme und Hochwasser und den dazugehörigen stinki-Schlamm. Interessant sind Katastrophenszenarien trotzdem. Oder warum sonst schauen wir uns die Hollywood-CGI-gemachten Krisenfilme an?

Deshalb gibts für Interessierte noch ein paar Links:
Ratgeber für die Notfallversorgung
Eine persönliche Checkliste für eine Notfallausrüstung
Ein Buch, das schon länger auf meiner To-Read-Liste steht: Apokalypse jetzt – ein Selbstversuch von Greta Taubert
Und hurra – eine Liste mit apokalyptischen Katastrophen zu jedem Thema und wer Bücher mit dem Thema „Endzeit“ lesen will, kann ja mal in meine Liste gucken.


Welche Erfahrungen hast du ohne Strom oder Wasser gemacht? Wie lang war der längste Zeitraum, den du ohne fließend Wasser oder Strom verbringen musstest? Warst du mal von einem Hochwasser direkt betroffen?

15 Gedanken zu “Apokalypse light oder: ein Leben aus Eimern

  1. Kennst du „Blackout“ von Elsberg? Ich hatte das einige Zeit vor dem großen Stromausfall in der Türkei gelesen. Hat uns nur einen Tag betroffen und die Istanbuler waren wunderbar drauf eingerichtet. Trotzdem war ich froh, die Jüngste bei der Oma zu wissen und mit meinen drei erwachsenen Männern unterwegs zu sein.
    glg Petra

    1. Das Buch hab ich noch nicht gelesen, klingt aber interessant. Ich frage mich sowieso, wie wir als Kollektiv mit so einem Stromausfall umgehen. In einem Haus ist das ja noch kein Problem, aber wenn plötzlich ein ganzer Stadtteil oder eine ganze Stadt davon betroffen ist?? Hm..

  2. Auch eine Katastrophe Level 0: Bei mir war es „nur“ die Heizung, die drei Tage lang ausgefallen war. Im Winter. Ich konnte meine Wohnung abends erfolgreich mit Herdplatten und Kerzen auf kuschelige 16 Grad hochheizen. Dann mit drei dicken Lagen Klamotten und allen Decken, die ich hatte ins Bett. Aber am nächsten Tag bei 12 Grad in der Wohnung zu duschen, tut schon irgendwie weh… :D Nachdem ich am dritten Tag mit Mietkürzung gedroht hatte, ging es überraschenderweise abends wieder…

  3. Das kommt mir sehr bekannt vor, vieles ist so selbstverständlich. Bei uns gab es mal 1 Tag keinen Strom: mh, die Heizung war aus, koch ich mir einen Tee, ach nee, ohne Strom geht das ja auch nicht….. und so zog sich das durch den Tag.
    Eine lohnende Erfahrung :-)

    LG von der Maus

  4. Huhu Frau Dingdong,
    Ich bin mal Samstags in eine Wohnung gezogen, in der der Strom erst am darauffolgenden Montag angestellt wurde.
    Da es im Sommer war, musste ich wenigstens nicht frieren (Die Heizung ging nämlich stromlos nicht.)
    Warmwasser gabs auch nicht. Aber 2 Tage waschen mit kaltem Wasser hält man (besonders im Sommer) locker aus. Und mit den überall verteilten Teelichtern als „Notbeleuchtung“ wars sogar ganz romatisch.
    Tee fürs Frühstück hab ich mir auf meinem Campinggaskocher gekocht. Gegessen hab ich halt kalt. Und furchbar viel verderbliches Zeug, das mir ohne Kühlschrank verdorben wäre, hatte ich wg. des Umzugs ohnehin nicht im Gepäck.
    War eigentlich ganz lustig, so als Erfahrung.
    Liebe Grüße
    Astrid

  5. Seht schön beobachtet und berichtet. Wir haben im letzten Jahr Urlaub in einer Hütte gemacht. Dort ist auch für einen Tag das Wasser ausgefallen und wir haben das den ganzen Tag gespürt. Das es generell keinen Strom gab, war dagegen sehr erholsam

    1. Wir haben auch überlegt, was weniger blöde ist, wenn man es sich aussuchen könnte…
      Ich hätte mit Stromausfall glaub ich auch keine Probleme. Aber das ist schon ziemlich lange nicht mehr vorgekommen…mal sehen. Hoffentlich habe ich es jetzt nicht heraufbeschworen :D

  6. Ich habe jahrelang im Dachgeschoss gewohnt und es passierte mehrmals im Winter, dass nicht mehr genug Druck im Heizsystem war und die Wohnung kalt blieb. Ich fühlte mich irgendwann sehr genervt dadurch, besonders wenn der Vermieter zwei-drei Tage zum Auffüllen des Systems brauchte. In meiner Wohlfühlzone war ich dann nicht mehr.

    Bei meinen Eltern gab es vor ca. 1 1/2 Wochen einen Stromausfall für 2-3h, der einige Straßen betraff. Auch die Sparkasse war betroffen und ein Supermarkt. Der Supermarkt hat danach alle Kühl- und Tiefkühlprodukte entsorgt, da die Kühlkette unterbrochen wurde. Da ist dann leider zu viel in der Tonne gelandet, was doch noch hätte gegessen werden können… . Allerdings standen alle Nachbarn auf der Straße und haben miteinander geredet.

  7. Hallo Cloudy,

    lieber ohne Strom, als ohne Wasser.

    Diese Checkliste ist so grausam typisch deutsch. :D „Ihr Ziel muss es sein, 14 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können.“ -> Wenn ich das befolgte, würden wesentlich mehr Lebensmittel verfallen. Wie die 5,8kg tierischen Lebensmittel zwei Wochen ohne Kühlschrank überstehen, ist mir beispielsweise ein Rätsel. 28l Wasser für 14 Tage wären selbst ohne Zuschlag für Trockenlebensmittel stark an der Grenze zu Dehydration. Dann lieber weniger Essen. (Und das aus meinem Mund…)

    Lieber Gruß,
    Philipp

    1. Najaaaa, so dramatisch würd ich das jetzt nicht sehen. Die tierischen Lebensmittel würd ich einfach in nen Plastiksack tun und in der Badewanne oder Eimer mit kühlem Wasser lagern bzw. einfach drauf verzichten. Und 2 Liter pro Tag finde ich völlig ok, wenn man sich nicht körperlich anstrengen muss. Kommt natürlich immer auf die Situation an…

  8. Weißt du, das ist wieder mal eines dieser Postings von dir, das auch von mir sein könnt wenn du weißt was ich mein <3 Also natürlich niemals so prima dingidongi, aber wir ticken oft echt sooo gleich (und doch wieder nicht). Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Ich freu mich grad so, dass ich mich dir so verbunden fühl. Mal wieder heftiges Cloudyfangirlen hier, fast schon schmalzig und alles auch noch öffentlich :D

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