Das Internet, der zweite Wohnort in der Heimatlosigkeit

In meinem Urlaub musste ich notgedrungen auf das Internet verzichten. Ich konnte einmal kurz in der Bücherei online gehen und habe meine E-Mails gecheckt, bin kurz zu Twitter, hab mich dort in den Gedankenfluß anderer Leute ertränkt und habe gemerkt: Das Internet braucht mich nicht. Überhaupt nicht. Es ist dem Internet völlig egal, ob ich online bin oder nicht.
Verrückt, nicht wahr? In ein paar Stunden werde ich wieder so „drin“ sein, dass mir der Gedanke bis zur nächsten Zwangspause gar nicht mehr kommen wird. Ich könnte meine Gedanken so lange weiterspinnen, bis ich in eine Bloggerexistenzkrise gerate und nicht mehr weiterbloggen will, obwohl es mir eigentlich viel Spaß bringt (und auch viel Arbeit ist).
Was mich aber an diesen Gedanken interessiert, ist der Fakt, dass wir uns alle doch unheimlich wichtig vorkommen, wenn wir unser Blabla loslassen und uns damit gegenseitig verrückt machen oder abstumpfen.

Kommen wir uns denn im Netz überhaupt wichtiger vor? Ist das Netz der einzig mögliche Ort, wo man überhaupt wichtig sein kann und darf? Es sogar muss, weil es da draußen in der echten Welt gar nicht mehr geht? Kann man überhaupt noch unterscheiden zwischen offline und online? Was wäre mit der Welt, wenn es kein Internet gäbe?

Das sind nur ein paar der Fragen, die mir durch den Kopf geistern und wie gesagt, in ein paar Stunden wird das alles wieder vorbei sein. Ich gehe gleich Kuchen essen und erforsche das Gefühl der Langeweile, dass mir ein paar Mal im Urlaub untergekommen ist.

9 Gedanken zu “Das Internet, der zweite Wohnort in der Heimatlosigkeit

  1. Ob man sich mit dem Netz oder darin „wichtig“ oder „wichtiger“ vorkommt, hängt immer davon ab, wozu man es nutzt. Natürlich kann man im Netz einfach Kontakte pflegen , darf dabei aber nicht vergessen, dass es sich dabei eben um Online-Kontakte handelt. Und die sind meist recht oberflächlich. Denn im Netz kann man sich nunmal so darstellen wie man will, man kann sein wer man will und sich Fassaden bauen. Das kann man zwar auf offline, aber nur begrenzt. Ich denke zu echten, zwischenmenschlichen Kontakten gehört auch soetwas wie Vertrauen, Offenheit und auch Verletzlichkeit. Und vor allem eine Exklusivität, die den jeweils anderen dann wieder einzigartig und eben wichtig macht. Diese Exklusivität und Vertrautheit ist im Netz kaum gegeben. Wenn man jemanden zum Reden sucht, findet man im Netz immer jemanden. Dementsprechend sind die Kontakte aber auch austauschbar, so kühl das klingen mag.

    Natürlich ist man schnell wieder im normalen Alltagsfluss drin, aber es ist ebenso wichtig seine täglichen Gewohnheiten zu hinterfragen, sich selbst zu hinterfragen und zu wissen, warum man dies oder jenes tut.
    Das Internet ist sicherlich eine hervorragende Informationsquelle, ein guter Zeitvertreib, macht einiges leichter, aber es ist definitiv kein Ersatz für Dinge die man entweder offline oder in sich selbst finden sollte.

    Ein Satz, der in meinem Freundeskreis gern scherzhaft eingeworfen wird: „Deine Offline-Freunde vermissen Dich …“.
    Ich glaube das drückt das ganz gut aus, was ich mit dem ganzen Gebrabbel sagen wollte.

  2. Ob’s dem Internet egal war … ich fand, auf Twitter haste schon gefehlt, schön dass Du wieder da bist :)

    Ich glaube, dass Innen und Aussen im Bezug auf das Netz immer mehr verschwimmen. Es wird immer mehr realer Teil der eigenen Lebenswelt und wir lernen immer besser damit umzugehen. Somit gibt es keine „wichtig im Netz“ oder „wichtig im Leben“. Dass was wir ernst nehmen und mit Liebe und Leidenschaft tun, dass versehen wir mit der Wichtigkeit, die es braucht und verdient.

    Aber immer wieder mal schön, zwischendurch (Zwangs)Pausen von-was-auch-immer zu haben, Beschränkungen können dann dazu führen, das Vorhandene neu zu entdecken.

  3. „das Gefühl der Langeweile“ – etwas, was uns in Zeiten des exzessiven Medienkonsums, speziell Internetkonsums, ja abhanden gekommen ist. Schade eigentlich, denn einfach mal nichts tun, so richtig „nichts tun“, würde einfach mal wieder Raum schaffen und die Heimat vielleicht irgendwann in uns selbst finden lassen….

    1. Danke für deinen Kommentar! (Und ein herzliches „Hallo“ ganz nebenbei geflüstert)
      …ich gebe dir vollkommen Recht, heutzutage haben wir es regelrecht verlernt, wie man Langeweile aushalten kann. Ich unterscheide aber noch zwischen Müßiggang und Langeweile. Müßiggang, diese süße, beabsichtigte Faulheit, die äußerst einladend ist, kann einem wirklich die „Heimat“ in sich selbst finden lassen. Daraus entstehen die großen, revolutionären Ideen, die alles verändern.
      Langeweile dagegen finde ich schwer und zähflüssig, die einem das Gehirn so weich macht, dass man in Trägheit zerfließt. Man will nicht nachdenken, nichts lesen, keine Spaziergänge unternehmen und hängt in negative Gedankenkreisel fest. Und wenn dann noch eine katholische Kleinstadt während der Feiertage dazukommt, ist das alles mehr als unschön. Mir ist selten langweilig, eigentlich war es das erste Mal seit einer halben Ewigkeit, dass ich den Gedanken „Mir ist langweilig“ hatte…das fand ich dann doch interessant. Aber ja, vermutlich hast du Recht, mit Internet wäre das gar nicht aufgefallen.

      Übrigens, das Buch das ich gerade lese, „Payback“ – handelt genau von diesem Thema (und ist besser geschrieben als mein Gefasel ;D) – hast du es bereits gelesen?

  4. Pass mal auf, Frau DingDong!

    Dem Internet ist es vielleicht egal, denn dem Internet an sich, ist alles egal – vielleicht ist es aber auch einfach nur sehr großzügig und tolerant.
    Fakt ist jedoch, dass „das Internet“ ein „anderes Internet“ und in jedem Fall „weniger Internet“ und somit auch „weniger gutes Internet“ ist, wenn Du (auch nur zeitweise) nicht mitmachst.

    Momente der Langeweile sind bestimmt auch für etwas gut – doch bevor Du das „Projekt Langeweile“ unnötig ausbaust, investiere lieber (mir zu liebe) noch ein bisschen ins Netz.

    Des Weiteren bleibt zu kritisieren, dass Du Deinen Urlaub weder in der Timeline beantragt, noch die Genehmigung des Urlaubs durch Deine Follower abgewartet hast – so kann das natürlich auch nix werden mit der Offenheit und dem Vertrauen in der virtuellen Welt ;-D

  5. ich war ja auch eine woche unfreiwllig off. und als ich meinen eigenen artikel zum thema schreiben will – finde ich dieses wunderbare aretikelchen hier.

    @goldgraeberin: da hast du aber ganze arbeit geleistet. #cyborg, was?

    ich synchronisiere mich gerade wieder mit diesem daten und social media flow. und es ist wirklich eine eigenartige erfahrung. und nun wird auch klar: das web ist wirklich, real eine erweiterung für menschen.

    vielen dank noch einmal für diesen feinen beitrag! wir sehen uns auf twitter…

    1. #cyborg? ja total…vielleicht sollte ich einfach mal aufhören, mich dagegen zu wehren ;D
      grade lese ich ja „Payback“ interessant, was da alles so zum Thema drin steht. Wie das Internet unsere Hirnstruktur verändert usw.
      bin mal gespannt was der Schirrmacher noch so zu erzählen hat…

      bis twitter!

  6. *räusper* Guten Tag Frau Ding Dong,
    ein Kommentar an dieser Stelle von Deinem Offline-Zwerg
    Dich in echt zu sehen, mit Dir schwitzend und vollgefressen das erste Mal gemeinsam einen Super-schweren Kinderwagen durch das Kleinidyll
    im bayuwarischen Kongo zu rollen,
    dabei kaum noch Luft für eine Unterhaltung zu finden,
    aber dafür noch Tage später dieses Elfenglitzern in der Luft zu bewundern, an den Plätzen wo Du warst. Wow.
    Durch die Entfernung ist es mir eine Freude Dich auch im Online-Leben zu sehen, aber Offline, einfach unvergleichlich.
    Und immer Wichtig, egal ob Off-line oder On-line oder Mental-line.

    Sometimes I call you with my mental telephon
    Sometimes it makes Ding Dong in my Head
    Then a big fat smile runs over my face
    Connection with my turquoise fairy

    Jean*

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