Das Schönste am Minimalismus ist…

Vor ein paar Tagen erreichte mich per Kontaktformular die Frage (danke Sinan!), was für mich das Schönste am Minimalismus sei.
Ich hatte schon den Antwortknopf gedrückt, musste allerdings dann feststellen, dass ich so spontan gar nicht antworten kann, deshalb wollte ich noch mal drüber nachdenken. Was ich auch getan habe.

Ich glaube, das Schönste am Minimalismus ist für mich die Klarheit, die dadurch entsteht. Es ist zum einen eine visuelle Klarheit, weil alles immer (naja, fast immer…*räusper*) aufgeräumt und ordentlich ist und das in unserer reizüberfluteten Welt ein echter Segen ist.
Es ist aber auch Klarheit im Geist und in der Seele. Seit ich versuche, mein Leben bewusst einfacher zu gestalten, kann ich logischer denken, ich bin nicht mehr nachtragend, kann zwar immer noch herrlich dramatisch und emotional sein, aber ich finde leichter zu meiner Mitte zurück. Ich lasse „Fünfe g’rade sein“ und habe keine Angst mehr vor Kontrollverlust. Ich habe dadurch gelernt, was ich brauche um klar im Kopf zu bleiben. Und ich habe dadurch gelernt, was mir gefällt. Wenn man 5 Mal im Jahr den Bücherschrank ausmistet und immer wieder die gleichen Schriftsteller im Regal bleiben, weiß man irgendwann, wer sein Lieblingsautor ist. Wenn man die CD-Sammlung weggibt und sich anschaut, was übrig bleibt, weiß man, auf welche Musikrichtung man abfährt. Wenn man sieht, was im Kleiderschrank übrig bleibt, stellt man fest, was einem wirklich gefällt. Und man erfährt auch umgekehrt, was man nicht mehr will. So schält man Stück für Stück seine antrainierten Hüllen von sich ab und lernt sich wirklich kennen.

Und dann wird alles leicht, weil man in den Kategorien „Brauche ich/Brauche ich nicht“ denkt und sich entspannt und mit einem Grinsen zurücklehnen kann, wenn man festgestellt, was man alles nicht braucht.

Was ist für dich das Schönste am Minimalismus?

7 Gedanken zu “Das Schönste am Minimalismus ist…

  1. Weniger Zeug und die Übersichtlichkeit ist schön … obwohl es immer noch eine Menge ist. Aber ich steh ja auch noch am Anfang meiner Minimalismuskarriere. Ich versuche aber schon mich aufs wesentliche zu beschränken und gehe bewusster einkaufen.
    Weniger Zeit zum Einkaufen brauche ich noch nicht, weil ich ja nebenher noch nach alternativen für bestimmte Produkte suche, aber wenn ich die dann habe, wird es einfacher.

  2. Danke Frau DingDong, das hast du wunderschön ausgedrückt. Ich liebe am Minimalismus die Ordnung, die Klarheit, die Struktur. Unser Haus ist durch die Kinder und die Katze nicht wirklich prädestiniert, aufgeräumt und strukturiert zu sein. Durch Minimalismus ist es das aber dennoch und darüber freue ich mich original jeden Tag.
    Ich habe ja auch eine ausgeprägte Entscheidungsschwäche – Minimalismus bedeutet für mich zum Beispiel seit Kurzem auch, Dinge, die sich bewährt haben, immer wieder zu tun. Nachmittags zum Beispiel, der Snack für die Kinder. Immer. das. gleiche. Immer. im. Haus. Einfach. Praktisch.
    Schöne Grüße von Fruchtschnitte

  3. Liebe Frau Ding Dong,

    vielen Dank für den Post und die Anregung auch mal innezuhalten und darüber nachzudenken.
    Wie ich gerade spontan getwittert habe, fielen mir direkt die Schlagworte Übersicht, Klarheit und Schönheit ein und ich musste an meinen verstorbenen Onkel denken, der ein leidenschaftlicher Mathematiker war und mir relativ kurz vor seinem Tod (im Bezug auf eine seiner Lösungen auf mathematisches Problem) sagte,

    „Eine einfache Lösung ist immer auch eine schöne Lösung.“

    Ich denke, dass das sehr wahr ist – z. B. denke ich da insbesondere an klares, funktionales (Industrie-)Design von Gebrauchsgegenständen oder klar strukturierte Produkt- bzw. Funktionsbeschreibungen, wie z. B. diese hier http://www.onlyindie.com/how-it-works, über die ich mich kürzlich sehr gefreut habe.

    Ja und dann fiel mir da noch das folgende Zitat ein:

    „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
    (Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes)

    Was die o. g. Schönheit angeht, so kann diese meines Erachtens natürlich auch in der Vielfalt und im (vielleicht nur scheinbaren) Chaos liegen.
    Aber wie Du schon richtig erkannt hast, je besser wir uns selbst kennen, desto eher, bzw. besser wissen wir, was wir wirklich brauchen und was eben nicht – müssen so auch weniger darüber nachdenken, weil viele unserer Auswahl- und Entscheidungsprozesse mehr und mehr unbewusst ablaufen (können).
    Und da wir dann öfter „den Kopf frei“ haben, können wir evtl. auch besser, weil freier und gelassener, mit chaotischen Situationen umgehen oder auch einfach mal (im Rausch) die Vielfalt und den Überfluss an Farben, Formen, Strukturen, Geräuschen, Düften, Geschmacksnoten usw. genießen.

    Komisch, ich denke jetzt gerade an Geschirrspülen und Küche-schön-sauber-machen, nur um sie direkt danach beim Kochen, Backen, Braten und Brutzeln wieder herrlich einzusauen. Ach, was für eine Freude.

    Ich bin doch noch sehr weit vom Minimalismus entfernt.
    ;-)

  4. Eine schöne Frage, es tut gut, darüber nachzudenken.

    So ein bißchen passt jede der hier schon verfassten Antworten zu mir. Ich denke aber, das Entscheidende ist für mich, daß ich mir durch Minimalismus der absoluten Essenz bewusst werde, dessen, was wirklich wichtig ist.
    Mir gefällt das Bild, das Du von den „antrainierten Hüllen“ gezeichnet hast. Ich denke das trifft es ganz gut, Minimalismus ist für mich eine Form des „Häutens“. Ich möchte Schicht für Schicht ablegen um zum wirklichen Kern vorzudringen.

  5. Hallo,
    ja vor allem die Klarheit in Geist und Seele erhoffe ich mir, durch mehr Übersichtlichkeit.
    Diese ständige Verzettelung und die 1000 Möglichkeiten die mir offen stehen, überfordert mich, verwirrt mich, läßt mich schlechte Laune haben.
    Leben kann so einfach sein. So angenehm. So schön :)
    Z.B. Thema Haare: Seit ich endlich akzeptiert habe, dass ich in meine Haare keine Locken bekomme (außer durch viel Chemie-was ich nicht will), laß ich es und mach nur noch die Frisuren die mir stehen und die funktionieren.
    Außerdem ist es befriedigender, wenn man mehr Zeit für die Dinge hat die man wirklich gerne tut ( wandern, mit Hund spielen, Gitarre lernen) als sich um die Dinge zu kümmern-die man tun sollte, oder machen muss (die aber irgendwie dich völlig unnötig sind)…

    Lebenszeit ist kostbar!

  6. Stimme dir absolut zu und füge hinzu:

    Hinterfragen lernen

    Durch Minimalismus habe ich mir eine hinterfragendere Grundeinstellung angewöhnt, die sich über den Gebrauch von Sachen („Brauch ich das?“) auf mein Leben ausdehnt. Einmal aus dem gesellschaftlichen Weg ausgeschert, fällt der Perspektivwechsel auch in anderen Bezügen einfacher. Dazu hab ich übrigens gerade noch eine interessante Rede von David Foster Wallace (On Life and Work) gelesen.

  7. Mir gefällt daran, dass es so wenig dogmatisch zugeht:
    Ich muss nicht das oder dies tun, um Minimalist zu sein.
    Und schön finde ich auch, dass es immer vorwärts geht: Wenn ich so nebenbei jemandem etwas in die Hand drücken kann „Du kannst das gebrauchen, sagst du? Hier hast du’s …“ ;-)
    Wenn ich darüber nachdenke, wo in meinem Leben immer noch „weniger“ möglich ist, dann fällt mir da immer etwas ein.
    Ganz besonders finde ich es, mit anderen Menschen darüber zu reden und sich zu inspirieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*