Der totgesagte Minimalismus lebt weiter – oder?

Schon lange habe ich nichts mehr über Minimalismus geschrieben, aber das hatte auch einen besonderen Grund. Nachdem ich mir in diesem Beitrag Gedanken über dieses sinnlose „wer bietet weniger“ gemacht habe, tauchte nach ein paar Tagen auch ein Minimalisten-Verarscher-Video auf, das ich sehr erheiternd fand und mir zeigte, dass ich nicht die Einzige bin, die so darüber denkt.
Und nun ist es vor ein paar Wochen tatsächlich passiert: Der Super-GAU.
Grund hierfür ist das von Everett Bogues (den ich zukünftig nicht mehr verlinken werde…) proklamierte „fuckminimalism“(.com): Minimalismus ist tot und deshalb sollten wir Cyborgs werden.
Da kommt so ein Mittzwanziger daher und wirft einfach mal eine verbale Handgranate in die Menge, redet nur noch über Twitter, Cyborgs und angereicherter Menschheit, und will, dass man ihm für dieses Gelaber auch noch Geld bezahlt! (und zwar mehr als 20 $!!!)
Und nicht nur das: Er reicht die virtuelle Fackel weiter an zwei andere arrogante Minimalismus-Schnösel (die ich auch nicht verlinken werde), deren Blog es zwar erst seit letzten November gibt, die aber überhaupt kein Problem damit haben, auf den von Everett totgesagten Minimalismus-Zug aufzuspringen. Everett kann es ja egal sein, er hat ja jetzt Besseres zu tun, nämlich die Leute davon zu überzeugen, dass es doch besser für uns alle wäre, wenn wir nur noch über Twitter kommunizieren würden und ihm möglichst viel Geld zustecken würden.

Und natürlich kotzt das die anderen Minimalismus-Blogger total an. Immerhin hat er ihr Lebenskonzept und ihre Blogthemen niedergemacht, u. a. weil er glaubt, dass mit IHM die Bewegung angefangen hat und mit ihm jetzt aufhört. Seine grundsätzlichen Argumente, dass sich die Menschheit stetig weiterentwickeln müsse und Minimalismus nur ein Werkzeug dafür ist, finde ich zwar richtig, aber sein Blabla drumherum nervt mich tierisch. Es geht im Minimalismus nicht um Idole.

Das kann sich ein angehender Yogi, der er anscheinend ist, eigentlich nicht erlauben und ich finde das doch sehr anmaßend. Vielleicht kreisen seine Gedanken ja „nur“ um die kollektive Intelligenz, die sich durch die geschaffene Technologisierung unserer Gesellschaft immer mehr vernetzt, aber wie er das rüberbringt, nämlich eingebildet, hysterisch und unhöflich – finde ich absolut nicht in Ordnung. Gerade dieses Missionarische an seinem Verhalten passt exakt gar nicht zur Yoga-Philosophie – und deshalb ist er für mich absoluter Fake. Er versteht es aber geschickt, sich seine Internet-Marketing-Blase aufzupumpen. (Danke Peter für die Erklärung!)

Mich hat die ganze Sache extrem verwirrt. Ich bin ja gerade mal über meine eigene Definition hinausgekommen und schon kommt so ein Verrückter und will mir erzählen, dass es vorbei ist. Prinzipiell bin ich für Neues offen, aber sein Cyborg-Geschwätz finde ich anstrengend. Und letzten Endes ändert er doch gar nicht so wirklich viel an seinem Leben, oder?
Er lebt immer noch mit paar Sachen, trifft sich mit anderen Leuten, die ihm Bier ausgeben und wenn er das nicht tut, hockt er die ganze Zeit vorm Computer und schreibt merkwürdige Sachen auf…

(puh, genug davon. Aber das musste ich jetzt endlich mal loswerden…)

Minimalismus ist plötzlich nicht mehr cool, aber war es das jemals? Und: Ist das nicht völlig egal?!

Wichtig ist doch nur eines: Wie kann ich erfüllt leben? Was ist wichtig auf diesem Planeten, in dieser Gesellschaft, in meinem Leben? Mit welchen Methoden kann ich mich auf die (spirituelle) Reise machen?

Oder wie hier besser beschrieben:

Every blogger who has blogged on minimalism this week made the point that minimalism is just a tool. The question is what are you going to build with it? An empire for yourself or a better world for everyone?

Nachlese:
Weitere Artikel, die sich mit Everett Bogues Aussage beschäftigen (ruhig auch mal die Kommentare durchlesen!)

Minimalism and Blogging are here to stay von bemorewithless.com

It’s still cool to be a minimalistvon artofminimalism.com


Bye Ev, now how about we all learn to get along
und Out of the Ashes something magical is born von minimalistpackrat

Gerade der letzte Artikel beweist dann doch wieder, dass diese „verbale Handgranate“ doch einige zum Nachdenken angeregt hat…
– ups, mich ja auch ;)

Trotzdem mag ich ihn nicht. Gottseidank hilft auch hier das Internet:
farbeyondmyego – finde ich seehr amüsant :D muhaarrrr!!!

Um regen Meinungsaustausch wird gebeten!

4 Gedanken zu “Der totgesagte Minimalismus lebt weiter – oder?

  1. Hi Cloudy!

    Wieder einmal ein toller Artikel – und dass das Thema Dein Herz berührt, merkt man auch! Vielen Dank auf für die Erwähnung und Verlinkung!

    ABER ich weiß nicht, ob Dir das hier gefällt: Networking als digitale Selbstevolution @ http://bit.ly/gN4w4d

    Über DEINEN Kommentar freue ich mich besonders…

  2. da lese ich doch in einem der Links, die Du gesetzt hast (sinngemäß): nun hat ev die „Bewegung“ verlassen.

    Hier zeigt sich, wie doof manche sind (sorry). Abermal erhlich: irgendwann ist doch alles gesagt. Bogues leben hat sich nicht verändert, er lebt weiter „minimalistisch“. Nur die Themen, die er intellektuell bearbeitet und mit denen er sein geld verdient haben sich geändert.

    ist doch besser als die 15tausendste wiederholung von „weniger ist besser“ zu posten, oder?

    1. Mich würde interessieren, inwiefern er nun ganz konkret Minimalismus als Basis zu seinem neuen Gedankenschlonz nutzte. Und das Argument „weniger Arbeit, mehr Zeit, mehr Yoga, mehr Vernetzung“ ist ein bisschen mau… Denn letztlich arbeitet er ja genauso viel wie manch anderer, nur das er das nicht für einen anderen Chef macht sondern für sich oder wie er es nennen würde: für sein digital/ second self (da kommt dann wieder dieses „jeder ist seine eigene Marke“ ins Spiel) – Und ja, natürlich gibt es nicht mehr allzu viel Neues, weil die meisten immer nur davon schreiben, wie sie ihre Wohnung ausmisten und alle ihre Sachen weggeben. Und dann dieses Blabla mit radfahren und Yoga machen. Mich interessiert da viel mehr der philosophische Aspekt dahinter, der einem hilft im Alltag nicht unterzugehen. Oh, und ich glaube Minimalistisch zu leben wäre auch gut, um unseren Planeten vor dem Untergang zu bewahren, dem gehts nämlich schlecht. Und das erzählen die meisten Blogger leider nicht…
      Ich glaube einfach, dass er es Leid geworden ist, über Minimalismus zu bloggen, weil es so viele andere tun. Und Exstenzängste haben wir doch alle, egal ob wir Messies oder Minimalisten sind, deshalb hat er sich was Neues gesucht. Und weil die Themen Semantic Web/Cyborg Anthropologie gerade so hip sind, dachte er sich „cool, nehm ich mit“. Vielleicht ist er ein guter Geschäftsmann, aber sein „digital self“ interessiert mich nicht mehr.

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