Die 13 Namen der Tugenden von Benjamin Franklin

Neulich habe ich die Autobiografie von Benjamin Franklin gelesen und anstelle einer normalen Rezension dachte ich, wir springen gleich ins Thema hinein. Franklin war der typisch amerikanische Selfmade-Man. Vom normalen Buchdrucker aus ärmlichen Verhältnissen zum einflussreichen Politiker, Stadtplaner, Schriftsteller, Verleger und Naturwissenschaftler. Er hat seine Umgebung beobachtet, Missstände erkannt, sich eine Lösung überlegt und so zum Beispiel den Blitzableiter, die Straßenreinigung oder das Leihbüchereisystem erfunden. Wie gelingt sowas?
Nun, er fasste den
„kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vervollkommnung zu streben“ und wünschte leben zu können, ohne irgendeinen Fehler zu irgendeiner Zeit zu begehen; ich wünschte alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnten.

Er scheiterte bei seinen Versuchen fehlerlos zu leben, da die Gewohnheit die Übermacht über die Unachtsamkeit gewann, und

die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft.

Er kam zu der Überzeugung, dass eine bloße Überlegung nicht ausreiche, weshalb er die folgende Methode erfand:

  1. Mäßigkeit. – Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung!
  2. Schweigen. – Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung!
  3. Ordnung. – Laß jedes Ding seine Stelle und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben!
  4. Entschlossenheit. – Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst!
  5. Sparsamkeit. – Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; das heißt vergeude nichts!
  6. Fleiß. – Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützen Tätigkeit!
  7. Aufrichtigkeit. – Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich danach!
  8. Gerechtigkeit. – Schade niemanden, indem du ihm unrecht tust oder die Wohltaten unterläßt, di deine Pflicht sind!
  9. Mäßigung. – Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so übel aufzunehmen, wie sie es nach deinem Dafürhalten verdienen!
  10. Reinlichkeit. – Dulde keine Unsauberkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung!
  11. Gemütsruhe. – Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücksfälle!
  12. Keuschheit. – Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit, Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes!
  13. Demut. – Ahme Jesus und Sokrates nach

Er wollte sich all diese Tugenden als Gewohnheit aneignen, aber nicht auf einmal sondern Stück für Stück um seine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern.

Ich machte mir ein kleines Buch, worin ich jeder der Tugenden eine Seite anwies, linierte jede Seite mit roter Tinte, so daß sie sieben Felder, für jeden Tag der Woche eines, hatte, und bezeichnete jedes Feld mit dem Anfangsbuchstaben des Tages. Diese Felder kreuzte ich mit dreizehn roten Querlinien und setzte an den Anfang jeder Linie die Anfangsbuchstaben von einer der Tugenden, um auf dieser Linie und in den betreffenden Feld durch ein schwarzes Kruezchen jeden Fehler vorzumerken, den ich mir, nach genauer Prüfung meinerseits, an jenem Tag hinsichtlich der betreffenden Tugend hatte zuschulden kommen lassen.

Was hältst du davon? Lassen sich diese Tugenden auch heute noch auf unsere Gegenwart übertragen? War Franklin deiner Meinung nach ein Minimalist?

Zitate aus
Förster, Heinz (Hrsg.): Benjamin Franklin Autobiographie, mit 12 Abb. nach zeitgenössischen Vorlagen, München, Leipzig & Weimar 1983, ISBN 3406094864

5 Gedanken zu “Die 13 Namen der Tugenden von Benjamin Franklin

  1. Liebe Frau Ding-Dong :)

    ich finde das eine sehr spannende Liste!
    Besonders interessant finde ich, dass die Stichworte, die oft tatsächlich nach (spießigen) Tugenden klingen, in der Erläuterung vielmehr eine Anleitung zum Glücklichsein bieten.

    Zum Beispiel der Fleiß: Bei dem Begriff denke ich zunächst tatsächlich an brave Strebsamkeit, im Sinne eines Systems etwas zu erreichen (gute Noten, Karriere…) – die Erläuterung lässt mich dann aber viel mehr an Studienergebnisse denken, nach denen zum Beispiel viel fernsehen unzufrieden macht, da man es unbewusst als Zeitverschwendung wahrnimmt. Nach der oben gegebenen Definition von Fleiß scheint mir, geht es einfach darum, Dinge bewusst und selbstbestimmt zu tun, selbst von ihrem Sinn überzeugt zu sein. Und sei dies, dass man es für richtig und nützlich hält einen ganzen Sonntag lang Müßiggang zu betreiben, in der Sonne zu liegen oder die ganze Staffel einer Serie zu verschlingen ;)

    Den Punkt ‚Schweigen‘ finde ich etwas zwiespältig. Auch ein Austausch über völlig unbedeutende Dinge kann sehr sinnvoll sein, v.a. wenn es um soziale Beziehungen geht. Zu teilen, was einem begegnet und einen bewegt hat vielleicht keinen Nutzen im klassischen Sinne, kann aber sehr befriedigen und verbinden, finde ich. Andererseits ist leeres Geplauder in vielen Fällen etwas, dem man aus dem Weg gehen sollte – bringt niemanden weiter, macht keinen glücklich.

    „geschlechtlicher Umgang (…) um der Gesundheit willen“ scheint mir eine sehr altmodische (und männerzentrierte?) Vorstellung.
    Auch hier würde ich sagen, sollte wieder das bewusste (aus)leben im Fokus stehen (stumpfe Gewohnheit ist eh nie lustvoll), dann sollte auch viel Sex dem Seelenfrieden und dem Ruf nicht schaden, oder? ;)

    Ansonsten finde ich sind viele sehr sinnvolle Anregungen enthalten. Danke.

    – wie insgesamt in deinem blog!
    Den hab ich heute per Zufall entdeckt und bin sehr froh drüber! Toll. Ich werde weiterlesen.

    Liebe Grüße,
    Jana

    http://www.elilos.blogspot.com

  2. Hallo,

    ich denke schon, dass die Tugenden sich übertragen lassen…ab einem bestimmten Alter. Jemand der sich selbst so beschreiben würde, würde sich für mich wie jemand anhören, der ruhig, bedacht und rücksichtsvoll, in seiner Mitte ruhend durch das Leben wandelt. Vielleicht nicht alles zu 100% aber ich halte solche Tugenden durchaus für erstrebens-erlernenswert. …und wenn man dann trotzdem mal ein Glas Wein zuviel hat oder Lust hat Fallschirmspringen zu gehen…so what? :)

  3. Benjamin Franklin war eine der interessantesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Möchte schon lange mehr über ihn wissen und (s)eine (Auto)biografie lesen. Freue mich also, dass Du das Thema aufgegriffen hast. Man kann Franklin durchaus als Minimalisten bezeichnen, aber auch als Perfektionisten und Ethiker. Die meisten der Tugenden haben nichts an Aktualität verloren. Ich versuche zehn der dreizehn zu befolgen ;-)

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