Minimalismus, Maximalismus und die Einfachheit dazwischen.

Nachdem ich hier und hier mit Peter Hinzmann und Oliver Peiss wieder einmal über Minimalismus diskutiert habe, musste ich mir natürlich noch weitere Gedanken machen.
Vor allem als ich dann auch noch das kostenlose E-Book von Dusti Arab gelesen habe. Nach einem kompliziertem Abonnier-Verfahren, konnte ich das Buch „Conquer the Clutter“ endlich downloaden und „blätterte“ darin herum. Leider stand auch hier wieder – die mittlerweile ziemlich leidige – Ansage, dass man alles rauswerfen soll, damit man Freiheit erlangt und die Welt beherrschen kann (Oder so ähnlich. Die Bilder darin sind auch eher seltsam, als illustrierend. Vor allem das eher freizügige Foto am Ende finde ich doch recht unpassend…). Dennoch, Dusti Arab erklärt Schritt für Schritt wie man es durchzieht, ein Minimalist zu werden und bietet zusätzlich noch Arbeitsbögen und Checklisten an. Für Leute, die wirklich nicht wissen, wo sie mit entrümpeln anfangen sollen und kein Geld für Ratgeberliteratur ausgeben wollen, können davon vielleicht profitieren.

Dann fiel mein Blick auf folgende Auflistung, die mich zum Nachdenken angeregt hat:

What you need to live:
The answer is less than you think […]
What you need:
1. Something to wear
2. Something to make you not stink.
3. Something to make food with.
4. Something to sleep on.

Ja, heruntergebrochen auf unsere Grundbedürfnisse ist es genau das. Mehr brauchen wir wirklich nicht. Wärmende und schützende Kleidung, Hygiene und Gesundheit, Bewegung, Nahrung und Schlaf stehen ganz unten auf der Bedürfnispyramide nach Maslow bei den körperlichen Existenzbedürfnissen. Alles andere ist schmucker Zierrat. (Oder?)
Und das leben – mehr oder weniger – diese Minimalismus-Blogger. Ein bisschen Yoga, ein bisschen Kaffee trinken bei Starbucks, ein bisschen Bloggen und E-Books ohne Inhalt schreiben, dazwischen immer Ansagen machen, z.B. „Wirf deinen Fernseher vom Dach“ oder die Empfehlung, man möge doch Ninja werden und überall wohnen. Auch bei Freunden auf der Couch.
Gut. Angenommen, ich würde mich entschließen, ein radikaler Minimalist zu werden und meinen Fernseher samt den Kistchen mit CDs und DVDs rauswerfen, dazu dann auch noch meinen Kleiderschrank entfernen, Bettsofa brauch ich auch keins, Gäste müssen dann wo anders pennen, ich werfe meine Papierschnipselsammlung weg, meine Pinsel und Farben auch, braucht dann ja auch keiner mehr und meine Scheren und Klebstoff“sammlung“ ist sowieso auch überflüssig. Und damit es besser aussieht, trage ich nur noch hygienisch einwandfreies Weiß an den Wänden und kein Make-Up.
Puh, alles weg. Dann kann ich ja die Dinge zählen, die ich noch besitze und damit angeben. Denn ich habe ja jetzt viel Zeit, weil ich nicht mehr putzen muss, nichts mehr abstauben muss, nicht mehr so oft Wäsche waschen muss…

Und dann?
Ja. Genau. Und dann???
Dann würde man auf den Moment der Freiheit warten, von dem diese Blogger ständig reden. Aber für mich ist das keine Freiheit, wenn ich mich nicht mehr ohne Computer beschäftigen könnte, wenn ich mich nur noch mit virtuellen Freunden abgeben müsste, weil ich keinen Besuch mehr empfangen könnte (wo sollen die sitzen, schlafen?), wenn ich mich nicht mehr gemütlich auf mein Sofa hinlümmeln könnte, um in Murakami-Büchern schmökern zu können.
Dann wäre mein Leben langweilig. Und in keinster Weise verbessert. Dann hätte ich eine sehr traurige und langweilige Freiheit. Und ich würde mich verändern.

Damit sich das erhitzte Blogleser-Temperament wieder beruhigt, wird immer mal wieder eingestreut, dass ja jeder Mensch anders ist und jeder seinen „eigenen“ Weg finden muss, um Minimalist zu werden. Ja…den eigenen Weg finden, mit Hilfe von E-Books anderer Leute, die einem Dinge vorschlagen, die vielleicht gar nicht so toll sind.
Ein Freund von mir ist Filmfreak und TV-Serienliebhaber. Er hat eine Kollektion von Lieblingsfilmen und weiß, welcher Film wann den Oscar für Kategorie XY bekommen hat. Wenn dieser Freund alles fortgeben würde…was wäre dann? Mag man ihn dann noch so?

Ob wir es wahrhaben wollen, oder nicht: WIR SIND MIT UNSEREN DINGEN VERBUNDEN. Das ist nicht nur das erste Kuscheltier, das irgendwo in einem Karton herumliegt, oder die Lieblingsjacke deines Großvaters, die du dir gegriffen hast und jetzt dein liebstes Andenken ist, weil sein Geruch noch drin steckt. Das kann ein Buch sein, dessen Geschichte dich so sehr verzaubert, dass du es immer wieder lesen musst, weil sich die Geschichte mit dir verändern wird.
Wir werden durch unsere Dinge beurteilt. Warum sonst wäre Macht und Status für einige so ein lohnenswertes Ziel? Warum fühlt man sich ausgeschlossen, wenn man bestimmte Dinge nicht hat und andere schon?

Für Minimalimus braucht man starke Nerven. Und wenn man die noch nicht entwickelt hat, nützt es auch nichts, andere permanent zu „Freedom Fighters“ erziehen zu wollen. Das ist irgendwie wenig hilfreich.

Und dann gibt es genau das Gegenteil. Leute, die alles MAXIMALER gestalten. Die denken, dass „mehr“ besser ist. Weil es einem Sicherheit und Wohlstand vermittelt und man sich wunderbar darin einlullen kann. Die losheulen, wenn sie alles verlieren.

Versteh mich nicht falsch, ich will hier jetzt nicht einen auf „bloß alles immer schön aufheben, man kann es bestimmt noch mal brauchen“ machen, aber ich finde diesen radikalen Minimalismus einfach nur noch langweilig. Genauso wie ich diesen Maximalismus nicht verstehe und den Dauerkonsum total anstrengend finde.
Und anscheinend geht es nicht nur mir so. Ich habe den Eindruck, schön langsam formiert sich eine Abwehrhaltung, weil einem dieses „pubertäre“ Minimalismusgekreische doch irgendwie aufn Senkel geht…

Charlie’s Blog: The Element of Simplicity
Hier beschreibt der Blogger den momentanen Minimalismus-Hype als „Lifestyle-Anorexie“ und wählt lieber die Einfachheit mit der buddhistischen Philosophie des Mittleren Weges als Lebensart. Klingt vernünftig.

Auch Courtney Carver von „be more with less“ versucht zu erläutern, dass im Minimalismis nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Ergänzt durch Ratschläge von vielen Minimalisten – die sich aber alle irgendwie ähneln…

Simple Llama beschäftigt sich auch lieber mit Einfachheit anstatt mit seinem Rucksack als „location independent“ durch die Welt zu jetten.

Serena von everydayminimalist wohnt immer mal wieder im Hotel und liebt Filme und Fernsehen, kann aber darauf verzichten. Will sie aber gar nicht.. Es geht also minimalistisch, nur anders. Oder ist das jetzt doch wieder Einfachheit?

Wer auf das gute alte Print-Medium Zeitschrift (:D) zurückgreifen möchte, kann sich ja mal „das Magazin“ näher anschauen. In der Januarausgabe dreht sich alles um Hab & Gut.

Edit 13.1.: Auf www.ridiculouslyextraordinary.com wird in dem Artikel: Has Minimalism Turned Into A Sick Game Of Keeping Up With The Joneses? fleißig in den Kommentaren diskutiert.

Und auf fabulissime gibt’s auch noch einen Artikel: „Why extreme minimalism doesn’t appeal to me“

So, und zum Schluss gibt es noch die These, das dieser extremer Minimalismus nichts anderes ist als eine andere Form von Materialismus. Nicht schlecht, oder?

Und nun? Back to the Roots. Ich diäte digital und lösche ein paar „Kreisch“-Blogs. Ich bastel mir weiterhin meine eigene Form von Minimalismus/Einfachheit zurecht und hoffe, das Ganze ein bisschen Alltagstauglicher und praktischer beleuchten zu können.

Was denkst du darüber?

6 Gedanken zu “Minimalismus, Maximalismus und die Einfachheit dazwischen.

  1. Cloudy!

    Mir fehlen die Worte. Ich weiß gar nihct,was ich noch sagen soll…

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Du bist eine Bereicherung. Mach bloß weiter mit dem Blöoggen – Deine Artikel würden sonst echt fehlen…

    1. Dankeschön, nur leider ist mir erst NACH der Veröffentlichung eingefallen, dass ja die Idee von Oliver kam, mit dem gemeinsamen Artikel…das habe ich völlig verschwitzt! Tut mir Leid, aber wenn was dringend ist, muss es raus :D
      Sorry!

  2. Das hier ist neben Peter’s „Minimalismus ist pubertär“ der ehrlichste und realistischste Beitrag zu dem Thema. In mir wächst auch so eine Unzufriedenheit neben diesen ganzen Pupsern, die jetzt meinen nach Vorbild von Babauta und Bogue sich mit genau dem selben Scheiss selbständig machen zu müssen und all das wiederkauen, was schon 1000 mal gesagt wurde, das dann als 60 Seiten Ebook zum Preis von 20 Dollar verkaufen (wo man ein echtes Buch mit 360 Seiten für 10 Euro lesen könnte) und verkaufen darin, wie Peter so schön sagte, ihr Leben als das Maß der Dinge und alle anderen, die das nicht so machen sind „Society Slaves“ die nicht so ultra „awesome“ sind. Dazu noch der Post hier (Danke fürs RT, Frau Ding Dong):

    My Arch-Nemsis: Bloggers Behaving Badly: Everett Bogue http://bit.ly/h5UWaV

    Und damit wäre alles gesagt. Die schöne Minimalismus Bewegung, die ich beim Urvater Leo Babauta noch so fast romantisch fand, weil er über philosophische und geistige Aspekte und zum Thema Nachhaltiges Leben MIT der Natur schrieb, ähnlich wie der von Peter erwähnte „No Impact Man“, hat sich in einen riesigen Haufen kommerzieller Informationsproduktohnewertvolleninalt-Scheisse gewandelt. Schade drum.
    Deine Meinung find ich dufte, Frau Ding Dong.
    Schön, dass sich so nicht alle davon anstecken lassen.
    Weiter so!

  3. Hallo, Frau DingDong!
    Sehr schöner Artikel und nett, den Blog gefunden zu haben, außerdem liebe ich Murakami-Bücher. Ja, wollte nur was gesagt haben, damit Sie wissen, dass Ihre Mühen geschätzt werden, werte Dame. Und jetzt stöbere ich noch ein bischen :)

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