Die Haut spricht!

Confession-Time! :D
Eines meiner Laster sind alte Haushalts-, Schönheits- und Benimmratgeber aus den 50er Jahren und früher. Ich fand sie früher einfach nur ulkig, aber seit ich mich mit Minimalismus beschäftige sind sie eine Quelle der Inspiration, wo man natürlich auch noch ordentlich lachen darf.
Wenn ich mir Möglichkeiten ausdenke, wie ich mein Leben vereinfachen kann, weil die Welt da draußen so kompliziert geworden ist, stelle ich mir zuerst diese Frage: „Was haben die Leute/meine Großeltern damals gemacht, als es xy noch nicht gab!?“ Meistens finde ich in solchen Büchern gute Tipps. Da fällt mir wieder ein, ich wollte noch meine Oma fragen, was sie eigentlich davon hält, dass es Menschen gibt, die Geld dafür ausgeben, um braun zu werden (im Solarium), obwohl es die Sonne für Lau gibt…

Sorry. Zurück zum Thema. In dem Büchlein „Plauderei über die Schönheit“ klärt Olga Tschechowa über die Geheimnisse ihrer Schönheit auf, weil Damen jeglichen Alters ganz frustriert sind. Neben ein paar allgemeinen Hinweisen (Sport, gesunde Ernährung), plaudert sie natürlich auch aus den Zeiten ihrer Kindheit und erzählt eine Geschichte über ihre Kusine, die heulend vorm Spiegel stand, weil sie pickelig ist und sich dadurch häßlich fühlt. Die Mutter tröstet sie:

Heute Abend werde ich Dir eine Geschichte erzählen und wenn Du alles befolgst, was Dir diese Geschichte sagt, dann wirst Du nie mehr wegen Deines Gesichtes weinen müssen.

Und diese Geschichte, wenn auch etwas lang, will ich euch nicht vorenthalten! Die Geschichte hat ein bisschen was von einer Splatter-B-Movie Qualität mit eingestreuten Schönheits- und Pflegetipps von damals.

Ein junges Mädchen stand vor dem Spiegel und war ganz verzweifelt ob ihrer schlechten Haut und besonders wegen der kleinen Flecke, die sie im Gesicht hatte. „Was soll ich nur tun!“ – rief sie voller Verzweiflung und brach in Tränen aus. Da fing die Haut an zu reden und antwortete ihr: „Vernachlässige mich nicht andauernd so sehr, wie Du es bis jetzt immer getan hast. Du bist doch zu Dir selber nie so grob wie zu mir! Mit Dir selbst hast Du immer Mitleid. Wie oft tue ich Dir weh, indem ich meiner Leibgarde, den Hautnerven, Befehle gebe, mich in Schutz zu nehmen, um mich gegen Deine groben Angriffe zu verteidigen, damit Du endlich merkst, daß du mich falsch behandelst und Deine groben und oft unsauberen Finger von mir läßt!“

Das Mädchen war ganz erstaunt, führte das Gespräch weiter und fragte die Haut: „Aber liebe, liebe Haut, wie soll ich Dir und mir helfen?“ – „Duhättest schon als Kind daran denken müssen, daß ich mich nicht wohl mit Dir fühlte, wenn Du, nur um eine viertel Stunde länger zu schlafen, mich atemlos in die Schule schlepptest, ohne mir nur ein Tröpfchen Wasser zukommen zu lassen oder wenigstens mich mit einem Tuch abzupolieren. Eine Tasse oder einen Löffel machst Du ganz selbstverständlich sauber. Du trinkst doch nicht gerne aus einer unsauberen Tasse? Oder denke nur mal an gestern! Wie lange waren wir unterwegs in Staub und Wind und haben auf Deinen Freund gewartet (den dummen, dummen Fritz), der wieder mal zu spät kam. Oh, wie warst Du böse mit ihm und zogst dauernd Dein Gesicht in Falten. – Glaubst Du, das tut mir nicht weh? – Was kann ich denn dafür, daß Dein Freund so unpünktlich ist! – Und nachts fingst Du zuerst an zu schluchzen, dann weintest Du und steigertest Dich immer mehr hinein in Deinen Schmerz. Ich hatte gar kein Mitleid mit Dir, so wie Du mit mir auch keines hattest.
Im Gegenteil, ich habe mich sogar noch gefreut, denn deine Tränen machten wenigstens einen Teil meiner staubigen Oberfläche sauber, den Du versäumt hattest zu reinigen. […] Ist es denn so schwer, mir den Staub un den Schmutz abzunehmen, damit ich besser atmen kann? Nun gut, wenn Du es nicht tust, bitte ich meine besten Freunde, die kleinen Fettdrüsen, mir zu helfen. Sie erhalten mich jung und elastisch und meinen es stets gut mit mir. Du brauchst mich nur abzureiben und schon kann ich strahlen. Aber Du warst auch dazu zu bequem und so fing ich an, mich zu grämen.

„Aber liebe Haut, Du vergißt, wie oft, wenn es zum Tanze ging, ich Dich mit Seife und Bürste bearbeitet habe!“ –

Ja, Du hast recht, Du hast auch meine Freude darüber gemerkt. Meine Farben wurden frischer, obwohl Deine Bürste viel zu hart und Deine Seife viel zu scharf war. Du hast mich so gerieben, daß mir jede Pore weh tat und ich wie ein gekochter Krebs aussah! – Ich hatte solch einen Hunger nach ein wenig Fett. Warum hast Du nicht daran gedacht, mir auch zu essen zu geben? Da ich mit chemischen Laboratorien oft schlechte Erfahrungen gemacht habe, bevorzuge ich das natürlichste Produkt der Sonne: Öl! Sonnenblumenöl, Rapsöl, Mandelöl. Nein, lieber verkochst und verspeist Du das Öl, anstatt wenigstens einen Teelöffel davon für mich übrig zu lassen.

Ihr merkt schon, die Haut ist eine kleine Zicke. Jetzt geht das Gemecker erst richtig los!

Siehst Du, ich lege Dir all meine Wünsche ans Herz, und Du beachtest sie so wenig! – Nun gut, Du hast vergessen mir zu essen zu geben, aber Du hast nicht vergessen, meine Gespanntheit noch zu verschlimmern, indem Du mich dick mit Puder einriebst. Und wenn Du dies schon tust, warum wählst Du nicht die zarte Farbe meiner Haut, sondern vergröberst mich durch künstliche Sonnenhautfarben? – Wie beleidigend ist es für mich zu hören: Sieh nur, wie fleckig die ist! Ach, wenn Du wüßtest, wie gut ich es mit Dir meine und was ich alles für Dich tue und wie traurig ich werde, wenn ich an die späteren Jahre denke! –

Dann folgt noch mehr Gezeter, weil die Kleine vergessen hat, nach getaner Arbeit die Hände zu pflegen („ein bißchen Fett“ […] „Du weißt ja, daß ich an den Händen und an der Halspartie am schnellsten verwelke, weil man mich da am schlechtesten behandelt“ -) und die Füße in zu engen, dunklen Lederschuhen stecken. Eingecremt werden die Füße ja auch nicht, gott, ist die Haut böse! Sie rächt sich mit Hornhaut, die ihr „sehr wehe tut“ aber: „wer nicht hören will, muss fühlen!“

Luftige Sommerkleidchen lassen die Haut zwar atmen, „aber warum denn untätig am Strande oder auf dem Balkon in der Sonne liegen und sich wie einen Gänsebraten bräunen lassen? Ich leide unsagbar dabei und kann es Dir gar nicht sagen!“

Am Ende der Geschichte wird die Haut ein bisschen versöhnlicher und schlägt dem Mädchen vor, all ihre Ratschläge zu befolgen um wenigstens etwas Schadensbegrenzung zu betreiben:

„Wenn Du alles, was ich Dir jetzt erzählt habe, befolgst, so wirst Du keinerlei Schwierigkeiten mit mir haben, du wirst Dich nie mehr grämen müssen, und immer gut aussehen!“

Wir lernen: viel Wasser, wenig Sonne, ab und zu ein bisschen einölen und gut ist. Mehr braucht es nicht. Wenn das mal nicht minimalistisch ist, weiß ich auch nicht :D

2 Gedanken zu “Die Haut spricht!

  1. Ich mag es auch alte Bücher zu wälzen. Eine Freundin von mir hat ein wunderschönes altes Kochbuch von ca. 1880. Es enthält Rezepte wie „die Zubereitung eines Wildschweins“ – für viele in der heutigen Zeit unvorstellbar.

    Vor ein paar Jahren gab es auch eine wunderschöne Seite die die Begriffe aufgelistet hat die aus den jeweiligen Lexikon Auflagen verschwunden sind. Besonders auffällig war das mit dem aufkommen des Benzin/Dieselmotors viele gute Erfindungen nicht weiter verfolgt/entwickelt wurden weil der Sprit so billig war und diese Erfindungen recht schnell aus den Lexika verschwanden um dann 70-80 Jahre später wieder entdeckt zu werden. (z.B. der Flettner-Rotor)

    Auf der auch sehr interessanten Seite (http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de/rezepte/012_hk.htm) hab ich folgendes schöne alte Rezept von Catharina Elisabeth Goethe gefunden:
    „Man nehme 12 Monate, putze sie ganz sauber von Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und Angst und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.

    Es wird jeder Tag einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor.

    Man füge 3 Esslöffel Optimismus hinzu, 1 Teelöffel Toleranz, 1 Körnchen Ironie und 1 Prise Takt.

    Dann wird die Masse sehr reichlich mit Liebe übergossen!

    Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen kleinster Aufmerksamkeiten und serviere es täglich mit Heiterkeit und mit einer guten erquickenden Tasse Tee …“

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