Es reicht?! oder der Versuch einer Definition

In den vergangenen Tagen habe ich mich wie so oft mit den üblichen Fragen beschäftigt: „Was soll ich hier?“, „Ist es gut und sinnvoll was ich hier auf diesem Planeten treibe?“, „Was ist richtig, was ist falsch und was liegt dazwischen?“ usw. Ich persönlich betreibe immer zwischen Geburtstag, Weihnachten und Silvester eine persönliche Rückschau (oder wie Peter Hinzmann es treffender ausdrückt: „Jahres-Kehraus“) und überlege mir, was gut war, was nicht so gut war, was man hätte besser machen können, wohin die Reise weiter gehen soll. Mein Ziel dabei ist nicht „irgendwo ankommen“, denn ich glaube daran, dass man schon immer „angekommen“ ist. Man muss auch nichts erreichen, denn ich glaube, alles was man braucht, trägt man bereits in sich. Alles andere ist unwichtig. Dieses innere Leuchten sollte ohne Leiden zu verursachen in die Welt getragen werden – in welcher Art und Weise auch immer. Und genau diese bestimmte „Art und Weise“ – gilt es herauszufinden. Wie mache ich das am Besten? Ich habe mich schon vor ein paar Jahren für Vereinfachung entschieden und das klappt ziemlich gut, obwohl ich manchmal den Faden verliere und im Chaos des Alltags zu versinken drohe. (Was aber gottseidank nicht so oft passiert, wie ich es eigentlich erwarte…)

Nun, die letzten Tage habe ich viel in den „großen“ amerikanischen Minimalismusblogs gelesen um weitere Ideen zu sammeln. Nach einer Stunde herumklicken fühlte ich mich schlecht, weil ich das Gefühl hatte, mit sinnlosen Infos übersättigt zu sein und jetzt nicht genau weiß, wie ich damit umgehen soll:

  • die meisten besitzen nur noch wenige Dinge, von 47 bis 100, es wirkt fast so wie bei einem Wettbewerb mit dem Motto „Wer bietet weniger?“
  • die meisten haben ihren 9 to 5 Job gekündigt, weil sie es dort doof fanden und leben nun vom bloggen oder von den Verkäufen ihrer E-books
  • die Blogger beschreiben ständig wie toll es ist, ohne Auto unterwegs zu sein und wie es ist, Fahrrad zu fahren. Wusste gar nicht, dass das so was Besonderes ist….
  • die meisten schreiben darüber, dass sie nun so wahnsinnig viel Zeit für xy haben und erzählen die ganze Zeit, wie toll es ist xy zu machen.
  • sie erzählen oft und ausführlich über gesunde, oftmals vegetarische Ernährung
  • alle reden von der Freiheit, die man durch den Minimalismus erlang, aber ist das wirklich so?

Ich bleibe verwirrt zurück. Denn ich liebe meinen „9 to 5“ Job, bin schon seit fast 10 Jahren Vegetarier, mache aber nicht nur Yoga, sondern auch Pilates und gehe gerne Wandern. Ich habe kein Auto, gehe nicht gern Shoppen, habe nicht viele Bücher, CDs und DVDs, sondern leihe sie, anstatt sie zu kaufen, besitze viele Malutensilien und mehr als 5 T-Shirts, achte auf Inhaltsstoffe in Nahrungsmittel und Kosmetika und gucke wenig bis gar kein TV, um mich nicht mit Sinnlosigkeiten und Werbung vollkreischen zu lassen und kategorisiere permanent zwischen „Wichtig“ und „Unwichtig“. Und das alles ist irgendwie schon ziemlich lange so. Andere würden sich mit diesen Vorraussetzungen schon als Minimalist bezeichnen, aber kann man das so wirklich sein? Und da frage ich mich schon wieder: Was also ist das eigentlich, Minimalismus? Welchen Nutzen habe ich von dieser Minimalismusbewegung, die dort herrscht? Ich habe versucht, mir die Dinge rauszufischen, die zu meinem Leben passen, aber selbst das hat nicht funktioniert. Und mit diesem radikalen Minimalismus wird sich leider keine Bewegung in weiteren Gesellschaftskreisen etablieren, weil es einfach nicht für jeden passt. Ist das wirklich Freiheit, die man dadurch erlangt, oder verliert man dadurch auch die Orieniterung?
Weil man nicht weiß, wie man es definieren soll, wie man beginnen soll, weil man nicht weiß, wo man aufhören soll, weil man eigentlich nur verwirrt vor dem Rechner sitzt und sich nichts mehr ausdenken kann.

Deshalb musste ein neuer Plan her. Ich habe noch weiter recherchiert und bin auf diesen Artikel gestoßen und habe dann noch diesen Artikel hier gefunden. Da wurde mir schon ein bisschen leichter ums Herz…

…und bin bis jetzt zu dieser Definition gekommen, die ich als momentanen Ausgangspunkt für mein weiteres Vorgehen nutze: Minimalismus ist nicht nur Vereinfachung, Reduktion und Elimination von xyz sondern auch (vielleicht nur?) – Genügsamkeit und die daraus resultierende Zufriedenheit.
Minimalismus ist, wenn man genug hat und Überflüssiges vermeidet bzw. wieder auf ein ausreichendes Maß reduziert.

Das ist meine Definition und damit fange ich an.

Ich habe genug.
Ich habe genug, deshalb brauche ich nichts.
Alles Überflüssige wird eliminiert.

Macht das Sinn? Was meinst du dazu?

8 Gedanken zu “Es reicht?! oder der Versuch einer Definition

  1. Hi Frau Ding Dong.

    Vielen Dank für die Erwähnung meines Artikels. Das ehrt natürlich immer, wenn jemand „Fremdes“ die eigene Arbeit lobt…

    Aber ich muss das Lob zurück geben: für mich ist das hier der beste Artikel, den ich bisher von Dir gelesen habe. Und Du sprichst mir aus der Seele: bei Lektüre der ganzen Lifestyle-Blogs (und das ist das Minimalismus- Ding meiner Ansicht nach ohne Frage) fühlt man sich hinterher oft irgendwie „komisch“ (so im Sinne von „Alle-wissen-total-gut-Bescheid-nur-ich-irgendwie-nicht“. Erinnert mich an meinen ersten Tag an der Uni…

    Wenn alle ihren Job kündigen und Ebooks verkaufen, wer macht dann noch die Arbeit? Wenn alle zu Couchsurfern werden – wer besitzt dann noch eine Couch? Ich habe mich hier ( http://peterhinzmann.blogspot.com/2010/11/lebensstil-minimalismus-nun-geht-es.html) auch schon damit auseinander gesetzt: Minimalismus wird kein Megatrend – aus verschiedenen Gründen.

    Also, ich finde Deinen Einwurf wirklich gut (und auch wirklich TOLL GESCHRIEBEN :-).

    Das Resümee: die Anderen kochen (auch) nur mit Wasser. Keine/r hat in Wirklichkeit einen „Plan“ – doch manche „machen“ einfach. Und das ist es, was am Ende zählt: nämlich das Ergebnis.

    Und da hat nichts mit 100 Dingen, 50 Dingen oder 47 Dingen zu tun – sondern mit der persönlichen Einstellung zu Dingen, zum Leben und zu der eigenen Lebensgestaltung.

    Und in diesem Sinne reicht es wirklich…

    Vielen Dank nochmal für Deine Artikel, die ich immer gerne lese – und von denen ich hoffe, dass sie nicht nur mich, sondern auch andere inspirieren…

    1. ui, gottseidank bin ich anscheinend nicht die Einzige in diesem Amerikanischen Minimalismusuniversum die da keinen Peil davon hat :D Das ist schön!
      Wahrscheinlich ist es wirklich nichts anderes als „learning by doing“ und die Sachen dann aufschreiben…?!
      Vielen Dank für deinen tollen Kommentar!

  2. Ah! Das gefällt mir. Während ich las, kam der Gedanke „hm, ist Minimalismus dann nicht einfach Bescheidenheit?“. Gut finde ich es Tips zu finden, wie man sein Leben vereinfachen kann. Doch so stolz und besonders zu sein weil man bescheiden ist, ist dann ja doch auch schon wieder „Thema-verfehlt“? Nicht wahr? Wenn man Lob dafür erhaschen möchte, dafür dass man so wenig braucht, wie echt ist dann die ganze Sache? Ist es dann nicht pure Verschwendung (die der Zeit nämlich) den lieben langen Tag darüber zu plaudern wie wenig man braucht?

    Ist man dann nicht mehr Minimalist, obwohl man vielleicht sogar mehr Sachen besitzt als ein „selbsternannter Minimalist“, weil man einfach zufrieden ist mit dem was man hat, ohne daraus einen Wettbewerb zu machen? Hm hm hm. Interessante Sache.

    Meine Mutter ist demnach also ein Minimalist, obwohl sie in einem großen Haus wohnt und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt, besitzt sie nur das was sie wirklich braucht.

    Und ich? Hm. Ich der Chaot, der möglicherweise der Minimalist im Herzen ist und es im Aussen noch nicht so ganz geregelt bekommt, weil der Geist, jaja der Geist…

    Danke für Deine tollen Beiträge, regt zum nachdenken an.
    Ich geh dann mal wieder Dinge wegwerfen und umso mehr sich das Chaos lichtet umso klarer kann ich denken.
    Schneeglitzer in der Sonne, was gibt es schöneres?
    Der Winter ist einfach immer so herrlich aufgeräumt :)

  3. „Ich habe genug.
    Ich habe genug, deshalb brauche ich nichts.
    Alles Überflüssige wird eliminiert.“

    Genau das sind momentane Gedanken und mit diesem Bewusst-sein – minimalisiert sich alles fast von alleine

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