Gelesen: Das letzte Kind im Wald? von Richard Louv

Der eine oder andere Leser fragt sich vielleicht, warum ich ein Buch über Kinder(erziehung) und Pädagogik gelesen habe. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen habe ich in einer Ausgabe der Psychologie heute einen Artikel darüber gelesen und das hat mich brennend interessiert, zum anderen dachte ich mir: Wenn das für Kinder gilt, gilt das bestimmt auch für Erwachsene. Denn irgendwie muss es doch einen Grund geben, warum wir alle so bekloppt sind.
Tatsächlich ist es so, dass es zu dem Thema in erster Linie etwas für Erwachsene gibt und jetzt erst die Kinder dran kommen.
Achso, worum es überhaupt geht?
Um den fehlenden (oder stark reduzierten) Kontakt zur Natur. Durch die veränderte Kindheit (mit Internet, Handy, Videospielen, Ganztagesschulen etc.) gehen die Kinder kaum mehr raus. Für freies, unorganisiertes Spiel mit Baumhaus bauen und Staudämme basteln bleibt durch Flötenunterricht und Fußballtraining keine Zeit mehr. Und dadurch, dass die Eltern kaum mehr Zeit haben bzw. sich mehr ins Private zurückziehen und evtl. auch Angst um die Sicherheit der Kinder haben, haben diese Eltern natürlich auch keinen Anreiz mehr mal mit den Kindern rauszugehen.
Mit dieser Problematik beschäftigt sich der Autor Richard Louv in dem vorliegenden Buch. In verschiedenen Kapiteln wird über Studien und in Interviews berichtet, was diese „Naturdefizit-Störung“ bei Kindern bewirkt: Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörungen, Gewalt und Suchtverhalten. Die Kinder lernen, warum der Regenwald abgeholzt wird, aber können keinen einzigen Baum benennen, der im Park nebenan steht. Richard Louv setzt sich dafür ein, dass die Natur wieder direkt erfahren werden kann und muss. Denn was nützt es, wenn man durch den Wald spaziert wie durch ein Museum? Wenn ich etwas nicht kenne, muss ich auch nicht helfen, um es vor Zerstörung zu retten. Ein fataler Kreislauf…
Im Anhang gibt es einen hilfreichen Maßnahmenkatalog zur Inspiration für Eltern, Kommunen, Schulen, Pädagogen, Stadtplaner usw.
Fazit: Gut recherchiert, flüssig und emotional geschrieben, sehr informativ. Eine klare Leseempfehlung! Mir war das bisher nicht so bewusst, dass die heutigen Kinder kaum mehr Kontakt zur Natur haben, weil es für mich damals selbstverständlich war. Bis jetzt habe ich mich immer über die Kinder gewundert, aber dieses Buch hat mir einiges erklärt!
Ich war zwar zwischendurch immer ziemlich traurig, gleichzeitig aber auch sehr hoffnungsvoll, denn ich glaube, es ist nie zu spät für Naturerfahrungen. Also: gehen wir raus in den Wald!

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