Gelesen: Malina von Ingeborg Bachmann

Dieses Buch hat mich die letzten Wochen begleitet und durch den Lernwahnsinn gerettet. Eigentlich wollte ich es nur ausleihen, um für ein Handout in Deutsch eine Textpassage abzutippen, aber in der U-Bahn fing ich an zu lesen und wusste nach einer halben Seite, dass ich nicht mehr würde aufhören können.
Ich dachte ab und zu, dass es schade ist, dass ich es erst so spät gelesen habe, aber vielleicht ist es der richtige Zeitpunkt gewesen. Vielleicht braucht man für bestimmte Bücher doch eine Art Reife, ein anderes Gehirn, damit es wirkt.
Die namenlose Ich-Erzählerin ist eine in Wien lebende Schriftstellerin, Geliebte von Ivan und Freundin von Malina. Sie beschreibt im inneren Monolog im ersten Teil des Buches ihre Beziehung mit Ivan, mit den Ängsten, dem Chaos, die Verwirrtheit, Unsicherheit, Verliebtheit, sie geht sogar soweit und beschreibt die Liebe zu Ivan als Krankheit und Ivan als ihr einziges Heilmittel. Die Sätze reihen sich fast ohne Punkt aneinander und man rast durch die Zeilen von Seite zu Seite. Das „Traumkapitel“ was danach folgt, war für mich schwere Kost, weil „ich“ einen psychischen Zusammenbruch erleidet, davon spricht, dass „ich“ wahnsinnig wird und in den Traumsequenzen dauernd gehetzt und ermordet wird. Vom eigenen Vater, der sich auch mal zur Mutter verwandelt. In diesem Kapitel wird zwischen den Zeilen deutlich, dass es sich um eine Aufarbeitung der Täter-Opfer Beziehung zwischen Eltern und Kind im 2. Weltkrieg handelt. Das dritte Kapitel besteht aus einem Dialog zwischen Malina und „Ich“, den man oft nicht ganz folgen kann. Es geht um Briefgeheimnisse, das Schreiben und die Zerstörung von Freiheit und Gleichberechtigung. Insgesamt wird im Verlauf des Romans die Aufspaltung des Ich in einen männlichen und einen weiblichen Teil deutlich, der dann im dritten Kapitel ein Ende nimmt. Das „Ich“ verschwindet.

Fazit: Anfangs wollte ich nur herausfinden, warum einige meinten, dass Buch sei „schwer zu lesen“ und keine „Abendlektüre“ – ich weiß nicht genau was das bedeutet. Für Leute, die Dostojewski lesen oder Virginia Woolf oder James Joyce (Ulysses!) gelesen haben und sich auf Textcollagen einlassen können ist das Buch nicht schwer zu lesen. Der oft zitierte Feminismus, die Unterdrückung der Frau war für mich nur im Traumkapitel überdeutlich, stand aber für mich nicht so sehr im Mittelpunkt. Eher war für mich das Scheitern des weiblichen Individuums die Hauptaussage. Menschliches Scheitern interessiert mich total, dabei sind die genauen Gründe eher zweitrangig. Obwohl „Ich“ ja absolut in Ivan verknallt ist, alles stehen und liegen lässt und nur auf seine Anrufe wartet, ist „Ich“ ja doch nur die Geliebte und immer die, die passiv bleiben muss. Ivan kommt und geht, wann es ihm passt, „ich“ wird nicht so wirklich einbezogen. Als Gegensatz dazu ist sie in der auf Vernunft basierenden, leidenschaftslosen Beziehung mit Malina verstrickt, der ihr zwar Aufmerksamkeit schenkt, sie aber trotzdem eher als chaotische Kindfrau sieht, die nicht wirklich was auf die Reihe kriegt. Sie ist abhängig von ihm, und das als eigentlich bekannte, unabhängige Schriftstellerin! Hier stellt sich die Frage, warum „Ich“ nicht fähig war, sich aus diesen ungesunden Beziehungen zu befreien. Sie hätte ja auch einfach gehen können. Sie hätte doch auch einfach drauf scheissen können. Hat sie aber nicht. Das hat für mich nichts mit Feminismus und der Unterdrückung durch Männer zu tun, sondern einfach nur mit persönlicher Unfähigkeit.

Ich spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus, schon allein wegen dem ersten Kapitel! Habe selten so eine geniale Textkomposition (im Sinne einer Collage) gelesen. Vor allem die aneinander gereihten, zuweilen recht grausamen symbolisch aufgeladenen Bilder im Traumkapitel sind absolut lesenswert und charakterisieren den entstehenden Wahnsinn erschreckend gut.
Für Männer, die wissen wollen, wie sich verliebte Frauen fühlen. Für Frauen, die lernen wollen, wie man es nicht machen sollte.

Ein Gedanke zu “Gelesen: Malina von Ingeborg Bachmann

  1. Für meinen Begriff ist das keine persönliche Unfähigkeit, sondern erlernte Unfähigkeit.

    Das eine ist das einem Gefühle/Handlungen erstmal auf der logischen Ebene bewußt werden müssen/können/sollen und erst dann die eventuelle Möglichkeit besteht das sie einem auch in ihrer kompletten Reichweite emotional bewusst werden und das ist nicht einfach auszuhalten.

    Und selbst dann ist es noch ein langer Weg all´die Erkenntnisse/Emotionen auszuhalten und damit umzugehen/sie zu lenken (versuchen sie zu verarbeiten soweit möglich).

    Auch dann empfinde ich es als immer noch sehr schwer „richtig“ damit umzugehen/zu leben und im Optimalfall die traumatischen Erfahrungen loszulassen damit sie nicht unserer restliches Leben zerfressen (trotzdem wird irgendeine Art Narbe zurückbleiben – so oder so).

    Ich denke man muss auf diesem Weg auch lernen sich selbst zu lieben (ist nicht so einfach wenn du es im früheren „Aussen“ nicht bekommen hast, eben wie in ihrem Fall sogar Gewalt und Geringschätzung der eigenen Person), denn erst dann wird man Grenzen ziehen können wenn die eigene Wertschätzung gewachsen ist.

    Gerade Kinder (sie war ja auch mal eins) sind sehr abhängig von den Emotionen ihrer Eltern ( und so einigem mehr) und das Verhalten der Eltern in dieser Zeit (später auch) prägt deine eigene Selbstliebe/Wertschätzung sehr.

    Ich denke sie wiederholt einfach nur die Erfahrungen die sie bereits kennt.

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