Warum ich (noch) kein Minimalist bin…

Lange denke ich nun schon über Minimalismus nach und über die Frage, warum ich keiner von diesen „absoluten Minimalisten“ werden kann, die nur 50 Dinge oder weniger besitzen. Obwohl ich es mir manchmal wünsche. Es wäre ja so vieles einfacher! Man muss nicht mehr so viel Putzen und Aufräumen, hat mehr Zeit für sich, anstatt seinen Dingen hinterherzuräumen. Stell dir einen leeren Raum vor. Nackter Boden, weiße Wände. Und nun, stell dir die Dinge vor, die da rein müssen. Ein Sofa? Ein Tisch? Ein Blumenstrauß? Was ist wichtig? Diese Dinge kommen dann voll zur Geltung. Wenn der Raum nur ein Sofa enthält, auf dem du Platz nimmst, kommst DU voll zur Geltung. Und das ist es, was ich so attraktiv finde. Man findet Ruhe und kann sich zuhören, das ist wie Meditation, man wird durch nichts abgelenkt. Vielleicht finden die Menschen im Urlaub deshalb so viel Erholung, weil sie immer nur das Nötigste dabei haben, die Hotelzimmer immer nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind und sie Zeit haben, das zu tun, was ihnen wirklich Spaß macht.

(via everydayminimalist)

Nachdem ich vor meinem Umzug und in meiner Anfangszeit hier in HH viel ausgemistet habe und ich feststellen durfte, dass ich nicht viel brauche, fing ich an, mich anders zu fühlen. Ich konnte plötzlich logisch denken, konnte plötzlich ordentlich und organisiert sein (das finde ich am erstaunlichsten!!) und alles war klar und fokussiert. Das ist bis heute so und das finde ich klasse! Ich habe gemerkt, wie sehr man mit seinen Sachen verbunden ist und das es gut tut, mal etwas loszulassen. Ich fühlte mich kreativer als jemals zuvor.
Genau. Kreativität. Das ist der Haken an der Sache. Ein kreativer Mensch mit einem Hobby wie Malen, Töpfern, Basteln, Tischlern, das einem unendlich viel Freude bereitet, kann meiner Meinung nach niemals ein absoluter Minimalist werden.
Klar, die Radikal-Minimalisten haben dieses Problem nicht, sie leben vom Schreiben und vom Bloggen, gehen ab und zu ein bisschen Sport treiben und hängen in Coffeeshops rum. Aber was ist, wenn jemand, der gerne bastelt und malt – so wie ich! – Minimalist wird? Was wäre, wenn ich meine ganze Papierschnipsel-Sammlung wegwerfen würde, dazu meine tausend Pinsel und diverse Klebstoffsorten? Dann hätte ich mein liebstes Hobby verloren! Und das fände ich ziemlich langweilig.
Deshalb muss man immer differenzieren, wie weit man als Minimalist gehen will. Ich will mich mit meinen Hobbys ausbreiten, aber trotzdem alles andere auf einem minimalen und vereinfachten Level halten.
Z.B. gebe ich jetzt mehr Bücher her als früher, weil 1. viele Bücher nicht automatisch beweisen, dass ich belesen bin, wenn ich was im Regal zum „herzeigen“ hab und 2. mir in der Bibliothek sowieso alles offen steht. Wozu dann Bücher und DVDs kaufen , die zuhause nur die Regale vollstopfen?!
Genauso wie bei Klamotten. Ich zieh sowieso immer nur die gleichen Sachen an, deshalb kann ich mich hier auch von vielem trennen.
Und durch dieses Vereinfachen ändert man auch sein Konsumverhalten. Ich brauche nichts, also kaufe ich nichts. Shoppen macht mir keinen Spass, also lasse ich es.
Wenn man sich weniger um das kümmern muss, das einem langweilig ist, hat man natürlich mehr Zeit übrig, für die Dinge, die einem wirklich Spass machen. Das ist für mich Minimalismus.
Das ist das Ziel:
1. Herausfinden, was einem wirklich wichtig ist bzw. Spass bringt, und zwar in allen Lebensbereichen
2. alles andere auf das Minimalste reduzieren bzw. sich davon komplett befreien

…Minimalismus hat auch seine Schattenseiten…

Ich sehe schon, ich muss da noch weiter drüber nachdenken. Wie siehst du das?

14 Gedanken zu “Warum ich (noch) kein Minimalist bin…

  1. interessanter gedanke und viel wahres dran. ich kann meinen ganzen kram null organisieren. zu viel von allem und dennoch nicht genug um mal mehr als 3 leute zum essen zuhause zu haben…

    fokussieren und nur noch das behalten, was effektiv von nutzen ist. klingt erstmal gut, aber das setzt voraus, dass man sich auch auf gewisse dinge festlegt. ich glaube aber nicht daran, dass menschen so festgelegt sind. ich glaube menschen sind recht begeisterungsfähig, der eine vielleicht mehr als der andere, aber dennoch.

    wenn du neuerdings beispielsweise lust bekommst auf bogenschießen, und es macht dir so viel spass, dass du dir einen eigenen mit allem drum und dran zulegst und du mehr oder weniger deine gesamte freizeit darein investierst, schmeißt du dann dein bastelzeug weg? oder räumst du es beiseite?
    klar, du räumst es (erstmal) beiseite um zu sehen, ob du es nicht in einem halben jahr DOCH wieder nutzen möchtest. schon stehst du vor dem problem… wohin mit dem bogen, oder wohin mit dem bastelzeug?!?
    jetzt brauchst du mehr stauraum.

    deswegen glaub ich, dass stauraum bei dem ganzen organisieren von kram ganz wesentlich ist. am besten man hat viel schließbaren davon und man macht beim verstauen von dingen einen zettel mit datum dran. wenn man es in einem einen gewissen zeitraum nicht wieder genutzt hat, schmeißt man es weg. so schafft man dann raum für etwaige neue dinge.

    hmmm… und blöd ist es auch bei dingen, die sich nicht so gut verstauen lassen oder erstmal stundenlang ab- und aufgebaut werden müssen.

    egal, jetzt bin ich selber verwirrt… auf jeden fall liegst du richtig wenn du sagst, es gibt immer viel zeug, das man hat und das eigentlich weg kann. ich will seit 2 jahren sperrmüll machen und finde immer einen neuen grund es nicht zu tun. der haupt grund ist der, dass das meiste, was ich los werden will nicht wirklich SPERRmüll ist sondern eher kleinscheiss und den soll man in der mülltonne entsorgen. meine nachbarn werden sich bedanken, wenn ich unsere tonne immer mit irgendwelchem nippes vollstopfe und sie keinen platz mehr für ihren hausmüll haben.
    eigentlich ich sollte es dierekt zum wertstoffhof bzw zur müllverbrennungsanlage bringen…
    oder fragen, ob es wer anders will?!?
    oder bei ebay anbieten…?!?
    vor die tür stellen mit einem zettel „zu verschenken“?!?
    tja, so gehen die tage ins lande und jo wird seinen scheiss nie los…

    1. Hmm, das mit dem „Festlegen“ ist ein interessanter Gedanke. Vielleicht haben die meisten Angst davor, sich wirklich festzulegen und deshalb machen sie niemals Nägel mit Köpfen…
      Das mit dem „Zuviel Zeug“ (wirst ja sehen, wenn du mal da bist…hehe) kenn ich nur zu gut! Das Problem an der Organisation von solchen Dingen ist, ist nicht nur der Stauraum, den man dafür braucht sondern auch ein besonderes Geschick. Und „organisiert“ bedeutet noch lange nicht „aufgeräumt“ – das sind zwei unterschiedliche Dinge.

      Und Dinge loswerden…klingt erstmal einfach, aber auch hier muss das Gewohnheitstier Mensch erstmal Zeit und Power aufbringen, um das ganze in Ebay einzustellen oder mal einen Samstag oder Sonntag aufm Flohmarkt zu stehen…(und das Zeug da hin fahren und wieder mitnehmen müssen, weil man evtl. nix verkauft hat)
      Aber es muss ja keine Hauruck-Aktion sein! Kleinkram kann man z.B. gut über Oxfam Shops loswerden. Die verkaufen das und das ist dann auch noch für einen guten Zweck. (Bücher, Hausrat, Klamotten, Spiele usw.)
      „Zu verschenken“ funktioniert erstaunlich gut in Straßen mit viel Laufvolk. Die nehmen da gerne was mit, denn was der eine für „Müll“ hält, findet der andere spitze! Was ich auch schon mal gebracht habe, ist hässliche Gartendeko in unserem Vorgarten stehen lassen. Heimlich. Nachts. Die Bewohner freuten sich darüber, weil die Hühnchen so schön bunt sind und jetzt, wo sie nicht mehr da sind (geklaut? weggeworfen? kaputt? man weiß es nicht…) wundern sich alle und es fühlt sich auch für mich so an, als ob irgendwas fehlen würde…und das obwohl wir es absichtlich mit dem Gedanken: „ach, zum Wegschmeissen zu schade, aber wenns geklaut wird, isses auch ned schlimm“ da hingebaut haben…

      Verrückt, was Dinge mit uns anstellen können. Auf jeden Fall wird es dir gut gehen, wenn du mal so richtig entrümpelst, das kann ich dir aus Erfahrung garantieren. Es lohnt sich!!

  2. Hallo,
    schön, daß jetzt auch langsam gute Artikel über Minimalismus auf deutsch kommen. Das lesen der englischen Blogs ist zwar auch schön und man lernt nebenbei noch englisch, aber das freut mich jetzt, daß es langsam Menschen gibt, die auf deutsch darüber schreiben.
    Ich finde du bringst es auf den Punkt. Es geht nicht darum, mit immer weniger auszukommen. Das ist extrem und Extremismus, in welcher Form auch immer, ist ungesund. Sondern es geht darum eine Entscheidung zu treffen, Auszuwählen, was einem im Leben wirklich wichtig ist und das dann mit Freude und Leidenschaft zu tun.
    Also last es uns tun, denn „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

    Gruß und weiter so, Tobias

  3. Hallo Frau DingDong!

    Wunderbarer Artikel! Da stand GENAU DIESES THEMA doch schon auf meiner Artikelliste – denn nun hast Du dieses Thema (auch noch viel besser als ich das gekonnt hätte…) wirklich schön auf den Punkt gebracht.

    Die Schattenseiten des Minimalismus (Bindungsprobleme, keinen Rückzugsort (die Höhle!) mit schönen Dingen drin, komplette Funktionalität bei Null Emotionalität in Bezug auf Dinge…). Und mal ehrlich: wer will denn schon alle Familienfotos/ gemalten Bilder der Kinder einscannen und sich auf dem Rechner anseehen( wie Leo Babauta es vorschlägt?).

    Für mich ist Minimalismus ein Mittel zum Zweck: ausgewählte Lebensbereiche (z.B. mein Schreibtisch im Büro) organisiere ich ultra-minimal, andere hingegen (wie Du mit deinem Bastel-Zeug) lasse ich wild wachsen…

    Minimalismus ist jedoch auch nur ein Lifestyle-Ding. Denn nahezu alle Elemente des Minimalismus (Reduzierung der DInge, Konzentration auf das „Wichtige“, das Wählen des kürzesten Weges) sind Kernelemente des ZEN (und deshalb ist Leo Babauta’s Blogname auch so gut gewählt…).

    Meiner Ansicht nach ist es genau dieses spiritiuelle Element, was das Theme für viele Menschen so attraktiv erscheinen lässt.

    Cloudy: Wunderbarer Artikel. Weiter so! Hast die Latte ganz schön hoch gelegt…

    1. hmm..interessant der Gedanke mit dem „spirituellen Elemente“ – vielleicht ist es auch einfach nur das im Minimalismus: Spiritualität so weit wie möglich im Alltag entdecken.
      Vielen Dank für den Impuls, ich denk da mal weiter drüber nach :)

  4. Sehr schöner Artikel und schöne Argumente, sowohl im Artikel als auch in den Kommentaren, das Ganze nicht aus überzogenen Gründen zu einem Extremismus werden zu lassen.
    Danke dir, Cloudy, für deinen Kommentar auf meinem Blog.
    Schön dass du das auch kennst mit den Büchern, ist in etwa so, wie es dir schwerfällt, Malutensilien wegzuwerfen. Kommt eben auf die Prioritäten an, die man sich setzt und inwieweit man verbrauchbare Gegenstände wie Pinsel und Farbe mit einkalkuliert.. :)
    Kennt ihr Colin Wright? Er hat bei sich ja z.B. auch Zeichenutensilien für seine Designgeschichten drin, ZenHabits Leo hat keinen Bock zu zeichnen und machts deswegen nicht. Wie Peter es so schön formuliert hat : Minimalismus ist jedoch auch nur ein Lifestyle-Ding.
    Und da gibt es ja, auch bei den Radikalen, nur selbst festgelegte Regeln – und letztendlich interessiert es ja doch niemanden, was man besitzt und was nicht. Hauptsache es geht einem selbst gut damit und man schadet niemand anderem. Und dieses ganze klammern im amerikanischen Raum, wer jetzt am wenigsten von allen besitzt ist nur Schall und Rauch. Man muss sich da ja nicht gegenseitig unterbieten ;)

    Danke für den tollen Input!

    Liebe Grüße

  5. Hi Cloudy & Oliver!

    So, nun können wir ja die Diskussion hier fortsetzen…

    Es sind nur selbst festgesetzte Regeln. Richtig. Es interessiert tatsächlich keine Sau, wie viel man hat, nicht hat oder warum.

    Aber: man kann dieser ganzen „Szene“ ja auch etwas positives abgewinnen. Mich erinnert das nämlich sehr stark an die Hippie-Geschichten der 60s (von wegen wenig besitzen, back to nature und so.)

    Insofern ist es vielleicht doch wichtig, wie viel (und auch was) wir besitzen oder konsumieren wollen, können, müssen. Denn wie Colin Beavan (The No Impact Man) ja so schön vorgemacht hat: jede/r kann etwas ändern. Und in diesem Sinne kann die Minimalism-Szene auch zu Vorrreitern eines neuen Bewusstseins werden…

    LG

    Peter

  6. Hallo Peter!
    Genau in dem Sinne liegt auch mein Interesse an dieser Bewegung und nicht in irgendeinem Trend-Mitläufertum.
    Schön, dass hier so ähnliche Meinungen zusammentreffen, liebe Leute!
    „Minimalismus“ ist letztendlich auch nur ein neumodischer Begriff für das Ganze, der sich jetzt im Internet durchgesetzt hat. Früher war es ja eher nur ein Begriff für Kunst- und Architekturstile.
    Und mit der Thematik hat sich Erich Fromm schon sehr tiefgründig in seinem Buch „Haben oder Sein“ auseinandergesetzt, auch das schon in den 70ern -> siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Haben_oder_Sein

    Ich bin gespannt was sich hier in Deutschland noch so tut!

    Auf ein weiteres!

    Oliver

  7. Das Problem (wenn man es so nennen kann), das du mit deinen „Basteleien“ hast, habe ich mit meinem Schlagzeug. Das Schlagzeug ist eigentlich die einzige Sache, die absolut unminimalistisch ist und wo man auch nichts daran ändern kann :-)

    Man kann es weder kleiner machen, noch ist es einfach zu transportieren.

    Bücher kann man aufs die Nötigsten reduzieren, den PC durch ein Notebook ersetzen und das Haus durch eine Wohnung, aber ein Schlagzeug kriegt man einfach nicht kleiner.

  8. mir geht es ganz genauso wie dir. hab erst vor ner kurzen weile angefangen, über minimalismus nachzudenken und in den letzten tagen ganz viel ausgemistet. bei klamotten und büchern fiel es leicht, aber den bastelkram einfach zu verkaufen/verschenken oder wegzuwerfen geht eben einfach nicht, zumal, wenn man seine hobbys behalten möchte. da muss man sich dann damit abfinden, lauter kleine textilfarbentöpchen, ne riesen pinselsammlung und einen haufen mosaikfliesen und scherben aufzuheben :)

    1. hehe, das kann ich verstehen. Ich rede so viel über Minimalismus, aber wenn meine Freunde dann vorbei kommen und sich wundern warum ich „Müll“ (Collagen) aufbewahre, fragen sie sich schon was das Ganze überhaupt soll. Obwohl…die wundern sich eigentlich über nichts mehr *lol*
      Ich bin dafür in anderen Bereichen extrem minimalistisch: Klamotten, Kosmetik/Körper- und Haarpflege (siehe Mai-Experiment), Medien usw.

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