LORAF

Neulich habe ich ja „Selbst denken“ von Harald Welzer gelesen (Besprechung folgt). Und was ploppt mir da auf Seite 154 ins Auge?
Das hier:

Lebenskunst, zwanzig Jahre später

Wir schreiben das Jahr 2033. Schon vor zwanzig Jahren hatte sich über die rasche Verbreitung von Car-Sharing-Modellen und Giveboxen in den Städten der Paradigmenwechsel vom Besitzen zum Nutzen angekündigt, der heute im vollen Gange ist: Es gilt mittlerweile als cool, nur noch so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu haben. Es ist der Lifestyle des Loslassens (neudeutsch LORAF = Lifestyle of Relief and Fun): Was man nicht hat, braucht keinen Raum, was man nicht hat, kann nicht geklaut werden, was man nicht hat, braucht nicht umzuziehen, was man nicht hat, kostet nichts.

Interessanter Begriff, ne? Kommt uns auch irgendwie bekannt vor…
LORAF = Minimalismus
-=+

Zukunftsfähig sein. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

Zitat entnommen aus: Welzer, Harald: „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“, S. 154, 4. Aufl., Frankfurt a. M.: S. Fischer Verl., 2013

9 Gedanken zu “LORAF

  1. Klingt super! Aber wenn ich mir dieses Buch aus der Bücherei hole, lerne ich dann wirklich selber denken, oder so zu denken wie Welzer?

    LORAF, das ist aber kein formschönes Wort. Vielleicht klingt es umgedreht besser? Die Franzosen drehen ja alle Abkürzungen immer um. Farol?
    Je suis un farol. Très chic, non?
    Ja, ein farol möcht ich gern sein, klingt fast wie Pirol, ein freies Vögelchen ohne Ballast :D

  2. Na ja, du liest doch gerade ‚Haben oder Sein‘ – im Prinzip die gleichen Gedanken, nur schon 1976 aufgeschrieben. Auch damals gab’s schon eine begeistere Anhängerschaft dieser Gedanken – zahlenmäßig größer als die heutige, würde ich mal behaupten. Und auch davor gab’s immer wieder solche Utopien – und das fängt auch nicht erst bei Thoreau an.

    Ein Blick über den zeitlichen Tellerrand in die Vergangenheit zeigt halt, dass so etwas nie in der Mehrheitsgesellschaft angekommen ist – von daher wüsste ich nicht, woher ich den Optimismus nehmen sollte, dass dies nun in den nächsten 20 Jahren unbedingt anders werden sollte.

  3. WolfR, dann sollte dir aber auch aus der Geschichte klar sein, dass das wohl daran liegen könnte, dass bis jetzt die Notwendigkeit nicht gegeben war. Entweder weil die breite Bevölkerung sowieso ein einfaches Leben gelebt hat, oder weil die Rahmenbedingungen (industrielle Revolution, 1950er Syndrom) dieses nicht notwendig gemacht haben. Aber jetzt oder spätestens bald brennt uns der Hut und dann ist das keine Frage von Eliten-Lebensstil und Eliten-Herumphilosophiererei mehr. Sondern vielleicht sogar eine Frage des Überlebens.

    Ich nehme auch wahr, dass das mit dem Downsizing nix ist, was in der (akademisch) gebildeten oberen Mittelschicht steckenbleibt. Oder bei uns Jungen. Es hat irgendwie eh schon jeder die Schnauze voll.

    Ja, ich bin optimistisch. Man überlege sich einmal, wie plötzlich es passiert ist, dass Rauchen uncool geworden ist (ohne klaren Auslöser!), oder dass alle Vegetarier und Flexitarier werden. Denn dass Rauchen ungesund ist, das wissen wir doch schon ewig. Und Vegetarier gibts auch schon ewig.
    Außerdem hat es in der Geschichte nie so schnelle Paradigmenwechsel gegeben wie heute, das springt heute echt von Generation zu Generation. Vor der industriellen Revolution zum Beispiel waren gesellschaftliche Strukturen viel viel langlebiger und Fortschritt (egal ob sozial oder technisch) war nichts, was Menschen wahrgenommen hätten.
    Ich bin auch guter Dinge, dass wir nicht mal so lange warten müssen, bis unsere Elterngeneration ausgestorben ist (obwohl ich die Macht der Pensionisten und ihren Politikern schon als eine gewaltige Bremse empfinde).

    Meine Wahrnehmung ist, dass es ganz schön gärt. Weil die Notwendigkeit gekommen ist.

  4. Oh, oh, oh … was gibt es bei Dir viel zu lesen. Nur, wenn man lange nicht bei Dir neigeschaut hat.

    Das Zitat von Welzer, super. Hoffentlich schütteln die Kinder 2033 den Kopf: „ZWEI eigene Autos?! Stimmt das wirklich Mama?“

    Liebe Grüße. Alles Gute für Deine Vorhaben.
    Toffel

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