Minimalismus heißt: sterben lernen

Wir kommen mit nichts auf die Welt und sind auf die Fürsorge anderer angewiesen.
Wir sterben und hinterlassen ein Haufen Zeug, mit dem sich die anderen herumschlagen dürfen.
Dazwischen geht es um Angst und Liebe. Sterben ist Loslassen.

(Mehr Liebe, weniger Angst.)

Minimalismus heißt: sterben lernen im Jetzt. Wir tragen Stück für Stück die Mauer der Angst ab und geben der Liebe mehr Raum. Wir lernen, keine Angst mehr vorm Sterben zu haben, weil wir JETZT loslassen können.

Was wollen wir hinterlassen, wenn wir sterben? Ein Haufen Zeug oder Gefühle, Gedanken, Inspiration? Können wir die Hinterbliebenen in ihrer Trauer unterstützen, weil sie sich nicht damit aufhalten müssen, eine Wohnung oder ein Haus leer zu räumen?

11 Gedanken zu “Minimalismus heißt: sterben lernen

  1. Schöner Gedanke! Doch, schon, seit ich Minimalist bin, freue ich mich richtig auf den Tod! Es ist einfach einfacher zu gehen, weil man weiß, dass man kaum Ballast, weder materiellen noch seelischen, zurücklässt. Sehe das gerade bei meinen Eltern, die mit Mitte 70 immer reduzierter leben, auch weil sie uns Kindern nicht so viel zurücklassen wollen.

    Andererseits bin ich seit ich einfach und bewusst lebe auch zufriedener, kann mehr genießen und lieben, und werde vielleicht auf mehr von meinen Mitmenschen geschätzt. Ist es dann nicht viel schwieriger zu gehen? Hängt man an den Menschen dann nicht stärker als zuvor an Dingen? Ich schon! Oh, Gott, nein, ich freue mich doch nicht auf den Tod ;)

    Viele Grüße,

    Christof

  2. Ein Urlauber verbringt einige Tage in einem Kloster. Er ist erstaunt über die einfache Ausstattung der Zellen und fragt einen Mönch: „Wo habt ihr denn die Möbel?“ Schlagfertig antwortete der: „Ja, wo haben Sie denn Ihre?“ Der Besucher: „Ich bin doch nur auf der Durchreise.“ Der Mönch sagt daraufhin: „Sehen Sie, wir auch!“ (gefunden im „TE DEUM aus Maria Laach“, wo viele Mönche in der Eifel leben).

  3. Oh! Das ist gut, Frank! Das gefällt mir sehr.

    Die Auseinandersetzung mit dem Tod finde ich schwierig. Mir geht es da auch mehr wie schlussendlich Christof. Man lebt bewusster. Ist zufriedener. Und ich hänge mein Herz tatsächlich noch viel mehr an die Schönheit dieser mitmenschlichen Beziehungen. Der Gedanke der Durchreise… Der macht das Ganze wieder etwas erträglicher, leichter. Danke.

  4. Hallo Frau Schwigenswingeldingdong
    Dieses Blog-Eintrag hat mich jetzt ein bisschen ausser Tritt gebracht.
    So einfach liess mich dein Text nicht los. Sterben lernen? Kann ich das?, will ich das?
    Nein.
    Ich will nicht sterben lernen, sondern leben lernen. Im Jetzt.
    Sterben kommt dann, wenn es Zeit ist, oder auch nicht.
    Ob es dann weiter geht oder nicht weiss ich nicht, kann ich nicht beantworten, weder für mich noch für andere.
    Aber was ich lernen will ist, für andere jetzt präsent zu sein. Für meine Frau, für meine Kinder. Ob ich in Erinnerung bleibe? Für eine Kinder hoffe ich das. Und mehr kann man wohl kaum hoffen, sind wir doch nur fähig 3-4 Gernerationen zu überblicken – Erinnerungen an meine Grosseltern. Mehr liegt nicht drin. Weder für mich noch für dich.
    Wir sind wie schon oben geschrieben auf der Durchreise. Kurz und hoffentlich intensiv. Aber selbst an Durchreisende wird man sich käumlich erinnern. Traurig?, aber wahr.

  5. Auf den ersten Blick hab ich das Thema auch eher befremdlich gefunden.
    Ich fühle mich ein bisschen zwiegespalten, denn einerseits sehe ich es so wie Martin schreibt. Ich möchte leben und das Positive sehen.
    Aber andererseits sind wir umgeben vom Ignorieren und der Angst vor dem Sterben. Es geht darum, jung und dynamisch und faltenfrei zu sein. Geht es doch einmal ums Sterben, geht es um Versorgungsängste und um Schmerzen. Viel zu selten kann man sich frei von diesen Bildern mit dem Thema befassen.
    Ich sehe es auch wie Frau Dingdong. Was hinterlassen wir denn der Welt? Unseren Kindern? Abfall, Müll, Schulden, eine ungewisse Zukunft. Wir verbraten jetzt die Ressourcen, die unseren Kindern und Enkelkindern noch zustehen sollten.

    Klar ist es ein unangenehmes Thema. Aber kann man denn nicht noch erfüllter im Jetzt leben, wenn man weiß, dass es kein Morgen geben könnte?
    Mich hat genau diese kleine Provokation „sterben lernen“ inspiriert.

    Abgesehen davon ist diese Sache für mich auch sehr konkret ein Thema, weil ich eine 93jährige Großmutter habe, die – ganz Kriegsgeneration – niemals etwas wegwirft. Sie ist mittlerweile heillos überfordert und ständig am Suchen, was mit stark eingeschränkter Mobilität besonders lustig ist – ständig muss die Verwandtschaft in diesem Chaos Erlagscheine oder auch „sinnlose“ Zeitungsschnipsel suchen. Und wie wird das werden, wenn sie stirbt? Mir tut meine Mutter jetzt schon leid.
    Ich sehe das auch ein bisschen als Beispiel, wie ich es einmal nicht machen möchte.

    Wobei ich manchmal überlege, ob Minimalismus nicht doch einmal nachteilig werden könnte. Jetzt grade leben wir in einem Überfluss und Minimalismus ist unsere Strategie, damit zurechtzukommen. Die Generation meiner Großmutter lebte in einer Zeit, wo es überhaupt nichts gab. Hamstern und knausern war deren Strategie.
    Wir Minimalisten gehen ja auch irgendwie davon aus, dass Gegenstand X notfalls nachkaufbar ist. Wir verlassen uns stark auf Infrastruktur. Wir brauchen keinen 5kg Sack Reis zuhause, weil der Supermarkt eh immer offen hat. Mit geringeren Ressourcen können wir Sparfüchse ja umgehen. Ich wage aber zu behaupten, dass wir einen Krieg nicht so easy überleben würden. Oder ist so eine Überlegung anmaßend?
    Frau DingDong, was meinst du?

  6. Loslassen von Dingen hat schon etwas von sterben. Zum einen befürchten wir, dass mit einem fortgegebenen Erinnerungsstück auch unsere Erinnerung stirbt (inwiefern das stimmt, ist eine andere Geschichte). Zum anderen hinterlassen wir weniger Materielles, was anderen als Erinnerungsmanifest an uns dienen kann.

    David von Raptitude hat schon aus verschiedenen Blickwinkeln zum Thema „Besser Leben“ und „Sterben“ geschrieben, so z.B. den schönen Artikel „Die on Purpose„, der meines Erachtens dabei hilft, Dinge in Perspektive (und hin zum Essentiellen, zum Minimalismus) zu rücken. „Bin ich noch auf dem meinem Weg?“ Um das rauszufinden, immer mal wieder bewusst sterben.

    @Tordis: ich würde mal in den Raum stellen, dass im Krieg alle Minimalisten sind. Oder anders: dass es da keinen Minimalismus gibt, weil dessen Prinzip erst zutage tritt, wenn die lebenswichtigen Grundlagen (Essen, Kleidung, Dach über’m Kopf) gegeben sind.

  7. Ich denke, ein Krieg würde vielen Menschen mal wieder den Kopf gerade rücken. Ich weiss, dass das jetzt provokant ist und ich wünsche mir um Gottes Willen keinen Krieg, aber es ist leider so, dass die meisten Menschen ihre Maßlosigkeit gar nicht mehr wahrnehmen.

  8. Dein Gedanke @Tordis kam mir auch schon des öfteren: Was ist, wenn es mal zu einem Krieg kommt? Ich kenne eben auch Menschen, die sich jetzt schon auf den großen Knall vorbereiten, hamstern, überall PfefferSpray deponieren und finde das ab und wann sehr erschreckend.
    Deswegen tue ich mir auch immer noch schwer, mich als Minimalistin zu bezeichnen. Mein Ziel ist es bewusst zu leben. Ähnlich, wie @Martin es umschreibt. Und natürlich, wir hinterlassen wirklich viel Müll, verbraten Ressourcen, aber nicht nur. Ich meine, ich versuche mich persönlich einzuschränken und unabhängig von all dem zu werden. In der Hoffnung, dass meine Kinder sich was abgucken oder drüber nachdenken. Aber meine Kinder sollen leben lernen. Es gibt einfach auch so viele unglaublich wunderbare Dinge in dieser Welt! Auf die will ich mich konzentrieren und meine Kinder sehr viel mehr blicken lassen. Denn dann wird ihnen doch die Notwendigkeit bewusst, zu schützen, oder? Unsere Umwelt, die Meere, die Tiere, unser Klima, Nächstenliebe… Was meint ihr?

  9. Hallo Frau Ding Dong,
    ein sehr später Kommentar zu deinem Post :D Hab diesen Post vor laaanger Zeit gelesen und der ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich finde es ist ein sehr schöner Gedanke. Ich bin Muslima und seit etwa 6 Jahren auch Freund von Minimalismus. Habe deshalb bisschen nachgeforscht ob es auch im Islam etwas vergleichbares gibt. Habe einiges darüber gefunden wo auch du und ihr als Minimalisten vielleicht etwas Inspiration tanken könnt.

    Zuhd ( der Verzicht auf weltliche Freuden )

    Hier einige Definitionen:
    ,, Zuhd ist jene Dinge zu verlassen, die einem im nächsten Leben nichts nützen.“

    ,,Zuhd ist einen begrenzten Umfang an Erwartungen (sehr wenige Hoffnungen) zu haben und Zuhd ist nicht, wie viele denken, grobe Nahrung zu essen und billige Kleider und Mäntel zu tragen.“

    ,,Zuhd ist zu wissen, dass dieses Leben weltlich ist, welches vergehen wird. Weder sollte es im Herzen einen überhöhten Stellenwert beigemessen werden, noch sollte ihm viel Augenmerk gewidmet werden. Stattdessen sollte man sich von ihm (dem weltlichen Leben) abwenden.“

    ,,Zuhd bedeutet das Herz vom ständigen Verlangen zu befreien.“

    ,,Zuhd in dieser Welt ist nicht entzückt zu sein über das, was man besitzt und nicht bekümmert darüber zu sein sich davon abzuwenden. So wurde Iman Ahmed über einen Mann befragt, der eintausend Dirham ( ca. 90 €, wird hier als viel Geld empfunden). Könne so jemand als Zaahid (jemand der Zuhd praktiziert) betrachtet werden? So antwortete er: Ja, aber unter einer Bedingung, welche ist, dass wenn sein Besitz sich vermehrt er nicht zu entzückt wird und wenn es sich vermindert er nicht bekümmert oder unglücklich wird.“

    ,,Zuhd bedeutet Vertrauen in Gott zu haben und in Zeiten der Armut zufrieden zu sein.“

    ,,Es bedeutet das jetztige Leben und ihre Merkmale vom Herzen weg zu putzen.“

    ,,Zuhd ist sein Nafs ( Begierde oder „innerer Schweinehund“) zu kontrollieren.“

    (…) So gibt es 6 Dinge, die wenn der Diener (Gottes) sie besitzt, den Titel eines Zaahid verdient:

    1. Mäßigung im Ausgeben von seinem Besitz (für Unnötiges)
    2. Mangel an Verlangen der Führerschaft (an einer hohen Position)
    3. Mäßigung in seiner Erscheinung
    4. Nicht zu sehr mit den Menschen beschäftigt sein ( z.B. was sie über einen denken)
    5. Lernen seine Begierden zu kontrollieren
    6. Mäßigung in Dingen die nicht die Religion betreffen

    Der Prophet Mohammed (sas) sagte: ,, Lebe auf dieser Welt, als wärst du nur ein Fremder oder ein Reisender auf der Durchreise.“

    Auch sagte er: ,,Verlange nur wenig von dieser Welt und Gott wird dich lieben. Siehe davon ab, von dem, was die Menschen besitzen und die Menschen werden dich lieben.“

    Er sagte außerdem: ,, Was habe ich mit dieser Welt zu tun! Wahrhaftig das Gleichnis von mir gegenüber dieser Welt ist das eines Mannes, der im Schatten eines Baumes einen Mittagsschlaf macht und dann aufsteht und davongeht.“
    (eine Anspielung auf die kurze Dauer des Lebens)

    Puh, ganz schön viel auf einmal :D

    Liebe Grüße

    1. Vielen liebe Dank liebe Mo für Dein Kommentar. Für mich als Muslima waren sehr interessante Aspekte dabei. Mein Mann und ich versuchen auch – religiös motiviert – Abhilfe im Thema „zu viel Konsum und zu viel Besitz“ zu schaffen; insbesondere da wir sehr gerne und lange Reisen und spätestens dann merken, wie glücklich uns das wenig, was wir auf solchen Reisen mit uns herumtragen, machen.

      In dem Sinne!

      Danke nochmals und Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*