Minimalismus ist auch Konsum

Jetzt, wo die Minimalismus-Welle Deutschland erreicht hat und viele anfangen, sich dafür zu interessieren, ploppen natürlich auch viele Blogbeiträge, Interviews und Kommentare auf. Ich finde das großartig, weil es mich dazu „zwingt“ selbst über meine Definition nachzudenken und vor allem weiter zu denken.
Leider fällt mir in letzter Zeit auch auf, dass anscheinend nur ein Gedanke in der breiten Masse ankommt: Dinge wegwerfen, reduzieren, spenden und schon ist man Minimalist. Ist ja klar, dass da die Kritiker daherkommen und wir ausgelacht werden. Sie sagen: Früher nannte man das „Frühjahrsputz“ oder „umziehen“ oder „entrümpeln“ – wenn es nur das wäre, hätte Leo Babauta schon längst aufhören können über Vereinfachung zu schreiben. Minimalismus ist so viel mehr. Minimalismus ändert einfach alles. Und dann gibt es kein zurück mehr.

Ja, es stimmt schon: wenn man überflüssiges Zeug in seinem Heim loswird, dass es einem dann besser geht. In einer Welt, die immer mehr im Müll erstickt und voll ist von Menschen, die man nicht ernähren kann, ist Platz zu haben purer Luxus. Aber Dinge loswerden ist nur das eine, man muss – finde ich – auch sehen, wo das Zeug herkommt.

Ob man will oder nicht, als Minimalist fragt man sich irgendwann, warum es all das Zeug gibt, das wir kaufen können. Zeug, das wir kaufen SOLLEN. Warum jede Stadt gleich aussieht, warum alles voll ist mit Werbung, die einfach nur „visual noise“ generiert. Man fragt sich, wie das Zeug hergestellt wird, wer oder was darunter leidet (sind es Menschen, Tiere oder die Natur?), ob überhaupt jemand leidet und was passiert, wenn man seinen Müll entsorgt. (Hier haben wir auch ein moralisches Problem: In der Entrümpelungsphase wandert ja auch einiges auf den Müll…)

Minimalismus generiert nicht nur Seelenruhe und Platz für seine Träume und Leidenschaften, Minimalismus hat auch die Kraft, die Welt zu ändern. Wenn wir weniger, anders oder gar nichts kaufen bzw. uns bewusst sind, wie die Dinge hergestellt wurden (Stichwort „Nachhaltigkeit“ und „fairer Handel“) hat das Einfluß auf die Umwelt und vor allem auf die Unternehmen. Wenn ich gar nichts kaufe, weil ich alles habe, produziere ich keine Herstellungskosten und auch keinen Müll.
Vielleicht klingt dieses Gefasel allzu idealistisch, aber mein Güte, warum nicht? :D
Ich kann mit jedem Euro für oder gegen ein Produkt stimmen; ich kann mich entscheiden, ob ich Kaffee kaufe, der arme Bauern unterstützt oder ob mein Geld in den Topf eines Konzerns geht, damit das wirtschaftliche Wachstum schön brav weiter wächst (wohin soll es denn eigentlich wachsen?! und: reicht es nicht schön langsam? Wann haben Unternehmen genug?)

In Wirklichkeit wissen wir doch alle, dass wir so nicht weitermachen können. Mutter Erde pfeift schon lange aus dem letzten Loch und wir sind zu bequem etwas zu ändern. Ist ja auch ziemlich schwierig, hilft uns ja auch kaum jemand (an dieser Stelle ein zynisches „Hallo“ an alle Politiker und Produzenten; und ein herzlichens „Hallo“ an Menschen, die es versuchen und mir als Inspiration dienen!)
– aber Minimalismus gibt uns die Kontrolle über unser Leben zurück und es liegt an uns, etwas Sinnvolles daraus zu machen.

Wollen wir versuchen den Planeten zu retten? :) Wir können sofort damit anfangen!

17 Gedanken zu “Minimalismus ist auch Konsum

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag!

    Meiner Meinung nach ist der große Unterschied zwischen einem minimalistischen Leben und einem Frühjahsputz folgender: Während du dich als Minimalist für immer/lange Zeit von Teilen oder der Mehrheit deines Besitzes verabschiedest, um dich auf die wichtigen Aspekte deines Lebens zu konzentrieren, schaffen die Menschen bei einem Frühjahrsputz nur aus einem Grund Platz – um mehr neue Sachen zu kaufen!

    Minimalismus bedeutet aber für mich nicht nur diese Freiheit von materiellen Dingen, sondern beinhaltet auch die Chance für nachhaltigeres Leben und für Kritik an unserer Konsumgesellschaft. Leider geht dieser Gedanke bei den vielen Gesprächen der (anglophonen) Minimalisten über „Stuff“ oft vollkommen verloren. Umso mehr freue ich mich über die Beiträge auf diesem Blog, die bewusstes Leben eben auch als nachhaltiges Leben verstehen und zeigen, wie man beides im Alltag umsetzen kann!

    – Einige Gedanken vom Apfelmädchen –

    1. ….oh, das trifft es aber gut! Bei manchen kommt nach dem Frühjahrsputz ja wirklich der Gedanke auf: „so, jetzt hab ich so schön gepützt/entrümpelt/aufgeräumt, jetzt mach ich es mir richtig nett und belohne mich mit Shopping“ – mensch, das war mir gar nicht sooo klar. Aber du hast völlig Recht!

      Ich versuche sehr gut auf die Umwelt aufzupassen, obwohl ich mich dadurch in einen bissigen alten Rentneropi verwandle. Letztens hab ich doch auf der Straße ein junges Mädchen (13? 14?) auf der Straße angemacht, weil sie ihr Kaugummipapier einfach so dem Wind überließ. Tze.
      Momentan beschäftige ich mich mit „plastikfrei leben“, da wird es demnächst auch ein paar Blogbeiträge geben. :)

  2. EIn sehr schöner Beitrag mit guten Kommentaren. Für mich bleibt das Fazit bestehen: Minimalismus ohne Nachhaltigkeit ist nur ein oberflächlicher Lifestyle, der schnell gegen den nächsten Trend ausgetauscht werden kann.
    Und wer die Frage, warum er Minimalist ist und was er mit dem gewonnenen Freiraum tuen möchte, nicht beantworten kann, der befindet sich noch nicht auf dem richtigen Weg.

    Minimalismus bedeutet für mich deshalb auch, statt drei Sonderangebotspackungen Billigtee zu kaufen, zu einer vergleichsweise teuren Packung von fairgehandeltem Tees zu greifen und diesen Tee dann auch so bewußt wie möglich zu trinken.

    In meinen Augen eine Winsituation für alle, von Mutter Natur, dem Teebauer bis zu mir.
    Verlieren tut nur der Kapitalismus, der sein Wachstum daraus generiert, daß wir sinnloserweise und unbewusst und vor allem auf Kosten der Natur und anderer Menschen, mehr konsumieren, als nötig ist

  3. Der minimalISMUS?

    Ich bin vor einigen Tagen über einen Fernsehbeitrag zu „Mr.Minimalist“ auf das Thema „Minimalismus“ gestoßen und verfolge seitdem die verschiedenen Blogs zu der Thematik mit großem Interesse.
    Ich kann sagen, dass mein Interesse am „Minimalismus“ schon lange begonnen hat, bevor ich von dieser Bewegung überhaupt gelesen habe. Meine Gedanken in diese Richtung entzündeten sich damals beim Studium der alten Stoiker, hier vor allem Seneca. Ich bin ein großer Bewunderer Senecas und lese immer wieder in seinen gesammelten Werken. Später bin ich dann auch auf die Philosophie des Zen gestoßen, die ganz ähnliche Ansätze verfolgt wie die Stoiker. Den Stoikern geht es ja darum eine innere Gelassenheit, eine Seelenruhe gegenüber den Ereignissen des Lebens zu entwickeln und so zu einem tugendhaften Leben zu finden. Ich kann jedem nur empfehlen sich einmal mit den Werken Senecas auseinander zu setzen. Für mich war das DIE Bereicherung meines Lebens. Mit Erstaunen stellte ich nun fest, dass ich viele der über zweitausend Jahre alten Grundsätze auch in dieser neuen „Minimalismus-Bewegung“ wiederfinde. Zum einen erfreut mich das, weil sich dort auch viele nützliche Anregung finden lassen, wie man ein solches Leben erfolgreich umsetzen kann.
    Was mich sehr beschäftigt an diesem neuen „Minimalismus“ ist der „-ismus“ den ich aus immer mehr Beiträgen in verschiedenen Blogs herauslesen kann und mit dem ich so nicht einverstanden bin. In vielen Blogs, so auch hier, konnte ich lesen, dass der Minimalismus eben nicht einfach nur daraus bestünde Dinge abzugeben, sondern beinhalte ein ethisch besseres, weniger auf Konsum ausgerichtetes Leben zu führen. Dagegen ist selbstverständlich an sich nichts einzuwenden. Mich stört aber der missionarische Unterton, der sich in diese Entwicklung einschleicht. Eben der „-ismus“, dem ich generell immer mit Misstrauen entgegentrete.
    Konsum ist nicht per se schlecht. Konsum ist Konsum. Nichts weiter. Ich stimme darin überein, dass ein zu viel an Konsum zu negativen Auswirkungen führen kann, ich stimme hingegen nicht darin überein, wenn es darum geht sich selbst im Konsumverzicht zu übertreffen. Das ist Blödsinn und ich sehe am Horizont schon die Diktatur der Besitzlosigkeit im Namen höherer Ziele auftauchen. Was!? Du benutzt noch einen Laptop der Marke XY? Schäm dich! – Eine solche Entwicklung halte ich für einen Irrweg, der langfristig abschrecken muss und genauso sein Ende finden wird, wie die einstige Hippie-Bewegung, die letztlich auch immer eine gesellschaftliche Randerscheinung blieb.

    Seneca hat einen, wie ich finde, interessanten Standpunkt zum Thema Besitz. Er schreibt an einer Stelle, dass es im Prinzip nicht entscheidend sei, wie viel man besäße. Auch ein reicher Mensch könne Weisheit erlangen. Entscheidend ist nur, dass man nicht abhängig von seinem Besitz wird, dass man also von heute auf morgen freimütig und ohne zu klagen auf all seinen Besitz verzichten könne. Wenn man dazu in der Lage sei, dann wäre es auch irrelevant wie viel man besäße, weil es keinen Einfluss auf die eigene Seelenruhe hat. Allerdings, und das muss man hier wohl hinzufügen, räumt auch Seneca ein, dass es für viele Menschen einfacher sein dürfte von vorneherein auf übermäßigen Besitz zu verzichten, weil dieser eben einen schleichenden Gewöhnungseffekt mit sich bringt. Das muss aber, so ist meine Meinung, jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

    Um einen Abschluss zu finden, ich bin nicht der Ansicht, dass es einer wirklich minimalistischen Denkweise entspricht, wenn man als Motivation immer wieder die Rettung der Welt bemüht. Es ist gut was ich tue, weil es gut für die Welt ist. Meiner Ansicht nach ist dieser Gedanke eine Krücke die nicht langfristig stützt. Letztlich ist nur gut, was gut ist und nichts weiter. Wir müssen nicht die Welt retten, es ist vollkommen ausreichend, wenn wir in unserem eigenen Leben für Seelenruhe und Zufriedenheit sorgen. Das alleine wird schon ausreichen um eine positive Ausstrahlung auf andere, quasi als Nebeneffekt zu entfalten. Ich möchte hier noch Shunryu Suzuki zitieren. „Die meisten Menschen gehen an eine Tätigkeit mit einer doppelten oder dreifachen Absicht heran. Es gibt die Redensart ‚Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen‘. Das ist es, was die Menschen gewöhnlich tun wollen. Weil sie zu viele Fliegen erwischen wollen, fällt es ihnen schwer, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren und schließlich erwischen sie dann womöglich gar keine Fliege!“ – Das ist es was ich meine. Man sollte nicht „minimalistisch“ Leben, um die Welt zu retten und sein eigenes Leben zu verbessern. Es reicht vollkommen das eigene Leben zu verbessern. Und das geschieht praktisch automatisch, weil unser Sein unser Bewusstsein bestimmt. Das wusste sogar schon Marx. Verbessern wir also unser Umfeld, verbessern wir uns. Das genügt. Man muss darauf acht geben, dass der minimalistische Gedanke nicht zu einer Ideologie verkommt, eben zu einem -ismus.

    1. Hi Jochen, vielen Dank für deinen gut ausgeführten Kommentar!

      Minimalismus ist für mich nur ein praktisches Wort. Ich könnte auch „Einfachheit“ oder „einfaches Leben“ sagen, aber ich finde „Minimalismus“ griffiger, vermutlich, weil ich mich schon früher mit Minimalismus in der Kunst beschäftigt habe. Jetzt ist es halt ein Modewort. Mir sind „-ismen“ an sich egal, es sind nur Wörter. Liegt vermutlich am Alter, oder?

      Ja, du hast Recht: Wir haben den Minimalismus nicht erfunden. Epiktet, Seneca & Co. haben das schon längst getan, er ist uns auch von diversen Religionen (ich würde sagen: auch Jesus ist ein Minimalist) und sogar aus dem Märchen (Hans im Glück!!) bekannt. Ich versuche viel „Stoisches“ in mein Leben einzubauen, gerade Epiktets Handbüchlein der Moral hat mich damals sehr geprägt. Und das passt gut. Die „Simplify your life“ – Welle gibt es ja auch schon ewig, nur fangen jetzt halt die „jungen“ Leute an, alles zu hinterfragen. Wie man sich in dieser unübersichtlichen Welt zurecht findet, obwohl niemand weiß wie das geht.

      Ich finde Konsum ansich überhaupt nicht schlecht, ich finde sogar dass man sich ab und zu Glück kaufen kann. Mich macht es z.B. glücklich, wenn ich mir etwas „leiste“, was ich mir schon lange wünsche. Das erfreut mein Herz und dann freut es auch andere. Sich gegenseitig im Konsumverzicht zu übertreffen halte ich (und andere Minimalisten) auch für blödsinnig. Das hatten wir bei den Amerikanischen Blogs zu diesem Thema auch schon durchgekaut – siehe hier:
      http://www.schwingelschwingeldingdong.com/2011/01/die-einfachheit-dazwischen/
      Komisch, dass das immer noch so rüber kommt, obwohl kein deutscher Minimalist darüber geschrieben hat, wie viele Dinge er besitzt. Ist ja auch völlig egal.

      „Um einen Abschluss zu finden, ich bin nicht der Ansicht, dass es einer wirklich minimalistischen Denkweise entspricht, wenn man als Motivation immer wieder die Rettung der Welt bemüht. Es ist gut was ich tue, weil es gut für die Welt ist. Meiner Ansicht nach ist dieser Gedanke eine Krücke die nicht langfristig stützt. Letztlich ist nur gut, was gut ist und nichts weiter. Wir müssen nicht die Welt retten, es ist vollkommen ausreichend, wenn wir in unserem eigenen Leben für Seelenruhe und Zufriedenheit sorgen. „

      Hm. Ich will minimalistisch leben, weil ich gemerkt habe, dass es mir gut tut. Ganz egoistisch. Und wenn ich durch Konsumverzicht weniger Müll produziere und die Ausbeutung ärmerer Länder verhindern kann, ist das doch gut und kein Problem, es ist nur ein netter Nebeneffekt der durch Minimalismus entsteht. Natürlich müssen wir die Welt nicht retten. Ich mach es aber trotzdem, weil es mir gerade Spaß bringt und es eigentlich gar nicht so schwer ist, wenn man sich mal was dazu überlegt.

      „Man muss darauf acht geben, dass der minimalistische Gedanke nicht zu einer Ideologie verkommt, eben zu einem -ismus.“

      Wann wäre das der Fall?

  4. @Jochen
    „Letztlich ist nur gut, was gut ist und nichts weiter.“
    Für mich gibt es nichts per se Gutes, also auch nichts „was nur gut ist und nichts weiter.“
    Ob etwas gut ist oder nicht hängt immer vom Standpunkt des Betrachters ab.

    „Wir müssen nicht die Welt retten, es ist vollkommen ausreichend, wenn wir in unserem eigenen Leben für Seelenruhe und Zufriedenheit sorgen.“
    Diese Aussage finde ich sehr gewagt! Denn sie impliziert einen extremen Egoismus und eine Verantwortungslosigkeit anderen Dingen und Menschen gegenüber!

    „Ich kann jedem nur empfehlen sich einmal mit den Werken Senecas auseinander zu setzen. Für mich war das DIE Bereicherung meines Lebens.“
    „Mich stört aber der missionarische Unterton,“
    Ja der hat mich bei deinem Beitrag auch sehr gestört ;)

    „Das wusste sogar schon Marx.“
    Und das Oberlehrerhafte auch.

  5. „Minimalismus ist für mich nur ein praktisches Wort. Ich könnte auch “Einfachheit” oder “einfaches Leben” sagen, aber ich finde “Minimalismus” griffiger, vermutlich, weil ich mich schon früher mit Minimalismus in der Kunst beschäftigt habe. Jetzt ist es halt ein Modewort. Mir sind “-ismen” an sich egal, es sind nur Wörter. Liegt vermutlich am Alter, oder? […] Wann wäre [es] der Fall [dass der minimalistische Gedanke zur Ideologie verkommt]?“

    Also mir ging es eigentlich nicht so sehr um die Verwendung des Wortes. Ich habe das nur als plakativen Aufhänger für meine Beobachtungen verwendet. Was ich eigentlich meine ist die Art der Entwicklung. Jemand probiert etwas für sich aus und befindet es für sich als gut. Jemand anders macht es ihm nach und ist ebenfalls begeistert. Diese Entwicklung setzt sich fort und wird zum Trend. Soweit so gut. Aber jetzt kommt das Problem ins Spiel. Da es nun so viele „Erleuchtete“ gibt, wollen einige ein wenig schlauer sein als die anderen, insbesondere weil sie schon damit begonnen haben ihr Konzept zu vermarkten, sich damit zu finanzieren, also auch wirtschaftlich in Konkurrenz zueinander stehen. Plötzlich fängt man also an zu behaupten, dass einige minimalistischer lebten als andere. Man fragt sich, was ist der wahre Minimalismus und wer darf sich überhaupt Minimalist nennen, wer ist also wahrer Minimalist und wer hechelt nur oberflächlich einem Trend nach? Die einen sagen man darf nicht mehr als 100 Teile besitzen, die anderen sagen man muss immer und überall versuchen die Welt zu verbessern, wieder andere wollen beides miteinander verbinden und Everett Bogue erklärt den Minimalismus gleich ganz für tot. Um diese aus meiner Sicht kritische Entwicklung geht es mir, wenn ich sage, wir müssen aufpassen, das der Minimalismus nicht zu einer Ideologie verkommt, in der man sich nur noch gegen sein Umfeld abgrenzt und mit mahnendem Zeigefinger auf andere zeigt. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit nicht deine Beiträge liebe Frau DingDong meine. Das sind eher Beobachtungen und Gedanken, die mir allgemein nach einer Lektüre verschiedenster Blogs kamen. Ich habe eher zufällig Deinen Post zum Thema Konsum verwendet, weil er mir gefiel und ich ihn inhaltlich für einen passenden Aufhänger hielt.

    „Ich versuche viel “Stoisches” in mein Leben einzubauen, gerade Epiktets Handbüchlein der Moral hat mich damals sehr geprägt. Und das passt gut. Die “Simplify your life” – Welle gibt es ja auch schon ewig, nur fangen jetzt halt die “jungen” Leute an, alles zu hinterfragen.“

    Ja auch Epiket ist sehr lesenswert. Auch ich habe die „Simplify your life“ Welle damals mitverfolgt. Sie hatte ja in der Tat ganz ähnliche Intentionen, wenn sie auch sehr schnell zu einem reinem Marketing-Objekt verkommen ist, bzw. sich als solches geoutet hat. Auf Seneca kam ich eigentlich nur zu sprechen, weil er es war, der mich vor einigen Jahren auf dieses Gleis geführt und dazu gebracht hat mein Leben und meine Einstellung zum Leben zu überdenken. Da habe ich mich halt gefragt, kennen die anderen den auch? Den Namen Leo Babauta findet man ja in fast jedem Blog zum Thema. Ich fragte mich halt, warum man so wenig Bezug auf die alten Vordenker nimmt.

    „Komisch, dass das immer noch so rüber kommt, obwohl kein deutscher Minimalist darüber geschrieben hat, wie viele Dinge er besitzt. Ist ja auch völlig egal.“

    Fand ich unheimlich spannend was du da zum Thema „Minimalismus, Maximalismus und die Einfachheit dazwischen“ geschrieben hast. Dem kann ich mich eigentlich ausnahmslos anschließen. Ich finde in diesem Zusammenhang auch die Grundaussage von Everett Bogue http://www.fuckminimalism.com/ nicht ganz falsch, dass man eben irgendwann über ein Thema fast alles geschrieben habe und man dann eben auf eine weitere Stufe fortschreiten müsse. Zu der ganzen Cyborg-Theorie möchte ich mich hier allerdings nicht äußern, da ich davon zu wenig weiß, ich aber auch fürchte, dass es mit meinen Lebensvorstellungen nicht viel zu tun hat. Der gute Everett hat mit seinem Verhalten ja wohl auch einigen Leuten empfindlich auf die Füße getreten. Sowas muss natürlich auch nicht unbedingt sein. Nur weil man selber einen Schritt weitergehen möchte heißt das ja nicht, dass deswegen alle anderen den Lauf der Zeit verpennt hätten. Hier geht er, wie ich finde, etwas unsensibel vor.

    „Hm. Ich will minimalistisch leben, weil ich gemerkt habe, dass es mir gut tut. Ganz egoistisch. Und wenn ich durch Konsumverzicht weniger Müll produziere und die Ausbeutung ärmerer Länder verhindern kann, ist das doch gut und kein Problem, es ist nur ein netter Nebeneffekt der durch Minimalismus entsteht. Natürlich müssen wir die Welt nicht retten. Ich mach es aber trotzdem, weil es mir gerade Spaß bringt und es eigentlich gar nicht so schwer ist, wenn man sich mal was dazu überlegt.“

    Ich stimme dem voll und ganz zu und würde das auch für mich so übernehmen. Solange man das für sich selbst so formuliert ist es auch ganz in Ordnung. Worum es mir ging ist, darauf aufmerksam zu machen, dass man nicht unbemerkt in ein Stadium wechselt, in dem die eigenen Vorstellungen zur permanenten Anklage gegen all jene werden, die sich dem nicht anschließen können oder wollen. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen, nur weil ich für mich entscheide keine Zigaretten zu rauchen, weil das für mich gesünder ist und ich die Tabakindustrie nicht unterstützen will, käme ich dennoch nicht auf die Idee einen befreundeten Raucher ab jetzt immer Vorwurfsvoll bei jeder Zigarette anzusehen oder eine Kampagne gegen das Rauchen zu initiieren. Ein solches Verhalten widerspräche aus meiner Sicht „dem mittleren Weg“. Es reicht vollkommen, wenn man für sich selber die Welt ein wenig besser macht. Das alleine entwickelt schon soviel Ausstrahlung und positive Nebeneffekte, dass man sich „das Weltverbessern“ gar nicht mehr auf die Fahnen schreiben muss. Ich bin, wenn man so will, ein Vertreter der „Politik der kleinen Schritte“. Ich halte nicht viel von Zielen wie „Ich will die Welt verbessern oder die Umwelt retten“, weil ich glaube, dass sie letztlich aus der Perspektive des Einzelnen unerfüllbar und damit unbefriedigend bleiben. Besser finde ich, wenn man sich voll und ganz auf das konzentriert, womit man selber zu tun hat. Wenn man das so gut es geht verbessert und eine innere Zufriedenheit herstellt, dann hat man im Prinzip schon genug getan. Man hat sein eigenes Leben „verbessert“ und das wirkt sich in irgendeiner Form auch positiv auf „die Welt“ aus. Ich möchte das aber keineswegs als einen gepredigten Egoismus oder Hedonismus missverstanden wissen. Ein allein auf sich bezogenes Leben ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Wenn ich davon spreche, das eigene Leben zu „verbessern“ meine ich das nicht in dem Sinne, man solle nach mehr Vergnügen streben. Ich meine mit „verbessern“ eigentlich den Weg zu einem tugendhafteren Leben, also mehr Tugendhaftigkeit und mehr innere Seelenruhe. Und die Tugend hat das Allgemeinwohl immer als oberstes Ziel.

    @ Max:
    „Diese Aussage finde ich sehr gewagt! Denn sie impliziert einen extremen Egoismus und eine Verantwortungslosigkeit anderen Dingen und Menschen gegenüber! „

    So war das auch nicht gemeint. (s.o.)

    „“Mich stört aber der missionarische Unterton,”
    Ja der hat mich bei deinem Beitrag auch sehr gestört ;)
    “Das wusste sogar schon Marx.”
    Und das Oberlehrerhafte auch.“

    Tut mir leid, wenn du es so empfunden hast. Es war eher als Anregung und Gedankenaustausch gedacht. Aber ich gebe zu, dass ich mich nicht lange mit reinen Höflichkeitsfloskeln aufhalte. Ich werde mal darüber nachdenken.

    @ Frau DingDong:
    Entschuldige übrigens die Länge des Beitrags, ich fürchte ich raube dir ein wenig die Zeit. Sehr schöner Blog. Die Sache mit dem Shampoo muss ich unbedingt mal ausprobieren. :)

    1. hmm…also um das ganze mal abzukürzen: Im Grunde sind wir uns ja anscheinend doch einig :D
      Jetzt habe ich auch das mit der „Ideologie“ verstanden. Das was du dazu geschrieben hast, ist ja eines der Grundprobleme der einfachen Lebensweise. Da Minimalismus für jeden was anderes ist, gibt es einfach keine allgemeingültige Definition für alle und deshalb kann jeder schreiben was und wie er will. Es wäre auch für mich einfacher, wenn irgendwo geschrieben steht, dass man als Minimalist nur 50 Gegenstände besitzen darf, aber da es das nicht gibt, muss man sich das alles selbst zusammen schustern…Das da natürlich wieder dieser Wettbewerb entsteht hat mich auch ziemlich genervt und unter Druck gesetzt, aber das habe ich mittlerweile auch abgelegt, weil es eh nichts bringt.

  6. Stimmt. Wenn überhaupt, dann soll es ja ein Weg zu sich selbst sein und kein Wettbewerb. Ja, dann freut mich heute, dass wir uns einig sind. :D

  7. Nein ein Minimalist bin ich wahrlich nicht….aber nur ein Frühjahresputzer der sich Platz schafft für neuen und weiteren unsinnigen Konsum ebenso nicht.

    Ich war einmal ein Konsument erster Güte, der sich mit allem unötigem Mist vollstopfte und irgendwann den eigentlich erstrebenswerten Luxus von Platz/Freiheit dafür einbüßte.

    Nein ein klassischer Messie war ich auch nicht (ich sammelte keinen Müll zumindest nicht im üblichen Sinn), aber glücklich und zufrieden war ich so eines Tages nicht mehr mit all´dem geordneten Plunder.

    Ich habe bestimmt 50 % meiner „Besitztümer“ entsorgt und das fühlte sich unsagbar gut an – Luft und Platz für mich.

    Natürlich ist das leider im nachinein betrachtet eine Menge unötiger Müll, aber genau über jenen Müll habe ich mir entsprechend Gedanken gemacht – in der Kurzfassung gesagt sollte er wohl damals eine Leere in mir auffüllen und mir Geborgenheit schenken – traurig aber wahr…

    Heute brauche ich all´das nicht mehr und muss somit auch keinen neuen Ballast hinterherschieben und gönne mir den Luxus von Platz und Freiheit und überlege mir sehr genau was ich tatsächlich benötige und was nicht – gut ein paar schöne im Grunde überflüssige Dinge gehören auch dazu ;-).

    Für mich persönlich somit eine sehr stimmige Sache im Sinne von persönlicher Freiheit/Platz/Wohfühlklima, Umwelt und Arbeitsbedingungen in anderen Ländern – somit bleiben nämlich auch ein paar Groschen mehr übrig um bewusster zu leben.

    Lg, Angi

  8. Na gut vielleicht ein bisschen ;-) !

    Ist aber auch mit Mann der sich bis vor einiger Zeit noch für´s Horten (kaufen eher weniger) interessiert hat (Schatz das ist ja noch gut und bestimmt noch für irgendwas zu gebrauchen….räusper) gar nicht so einfach sich in den eigenen vier Wänden Platz zu verschaffen…

    Allerdings und gottseidank läßt er sich langsam anstecken und wird sich ebenfalls viel bewusster darüber was er braucht und was nicht und letztendlich genießt er den gewonnenen Platz ebenso.

    Ich weiß halt nur nicht so recht wie Minimalismus zu definieren ist, denn ich habe bestimmt immer noch deutlich mehr Dinge als die meisten strengeren Minimalisten ;-).

    Aber zumindest wird es in dem Sinne weniger das ich zufrieden bin und eben Dinge nutzen kann die mir Spaß machen.

    Früher hätte ich die Optische Leere nicht ertragen können, heute genieße ich nach dem Motto weniger ist mehr und die einzelnen Dinge können wirken (aber gut auch das ist relativ).

    Lg, Angi

    1. Ach, Minimalismus ist vieles. Es gibt Minimalisten, die gar nichts haben – was ich sehr bewundere. Denn davon bin ich noch weit entfernt. Ich nehme mir „Genug“ als Maßstab. Wie dieses „Genug“ bei jedem anderen aussieht, ist natürlich wieder relativ.

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