Plötzlich schäbig – von unpassenden Hausröcken und anderem Zeug

Ok, gestern habe ich wieder was gelernt. Das fand ich cool. Und interessant. Deshalb schreibe ich es hier auf.
Vielleicht kennst du den Begriff schon, wenn du dich ein bisschen mit dem Thema Konsum-/Werbepsychologie auseinandergesetzt hast. Mir war er aber neu.

Ich rede vom sogenannten „Diderot-Effekt“.

Denis Diderot war französischer Aufklärer, Schriftsteller und Philosoph. Er bekam eines Tages einen neuen Hausmantel geschenkt und war darüber eigentlich recht froh, weshalb er seinen alten Hausrock weggeworfen hat.
Dann hat er aber festgestellt, dass der neue, schicke Mantel seine gesamte Einrichtung „überstrahlt“ und schäbig aussehen lässt. Wie es sich für einen Philosophen gehört, hat er einen Text darüber geschrieben:

Gründe, meinem alten Haurock nachzutrauern, oder: Eine Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben

Von dieser Geschichte leitet sich o.g. Begriff ab. Er beschreibt also den Effekt, wie Menschen nach einem Kauf in den Zwang geraten könnten, weitere Anschaffungen vorzunehmen, damit ein stimmiges Gesamtbild entsteht.

Zuerst dachte ich: „Ha, gut dass mir sowas nicht passiert“ – aber ups, das stimmt gar nicht. Wie oft habe ich mich umgesehen und dachte: „Du bräuchtest mal irgendwas, damit das alles besser zusammenwirkt, vielleicht ein paar neue Sofakissen?!“ – ZACK! (fast) in die Konsumfalle getappt. Die Sofakissen sind auf meine Einkaufswunschliste im Filofax gewandert und schmurgeln da vor sich hin. Neue Sofakissen habe ich mir zwar immer noch nicht gekauft, aber der Wunsch steht blöderweise im Raum.
Gräßlich. Brauch ich doch eigentlich gar nicht.

Interessanterweise kann dieser Diderot-Effekt auch der Grund für eine Kaufzurückhaltung sein. Das passiert wohl, wenn man anspruchsvoller wird. Auch das habe ich bei mir beobachtet.

Was lernen wir also daraus? Bewusst entscheiden, klug handeln und erstmal ne Tasse Tee trinken.

Wie ist das denn bei dir? Kaufen, damit es passt oder nicht kaufen, weils niemals passen wird?

11 Gedanken zu “Plötzlich schäbig – von unpassenden Hausröcken und anderem Zeug

  1. Dem entgegenhalten kann man das Wabi-Sabi-Konzept: http://de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi
    Seit ich vor kurzem davon gehört habe, bin ich immer mehr davon überzeugt, dass es genau dieses Ästhetikprinzip ist, das manche auf den ersten Blick unaufgeräumten, zusammengewürfelten Wohnungen so stimmig und schön wirken lassen.
    Ich habe auf jeden Fall Lust, mich mehr mit dem Konzept zu befassen. Ist definitiv optimistischer als das Diderot-Prinzip :).

    Liebe Grüße, Marisa

  2. hm, mir ist bisher sowas geher nicht passiert.

    Es ist bei mir eher so, dass etwas neues den Rest aufmöbelt – ich habe mir zum Beispiel eine richtig gute neue Strumpfhose gekauft und jetzt seh ich direkt viel ordentlicher aus; auch in nem 10 Jahre alten Kleid.
    Oder vor einer Weile mal eine anständige Tagesdecke – lässt gleich den ganzen Raum aufgeräumter und un-gammelig wirken.

    Heutzutage ist es ja auch eher üblich, „neues“ und „altes“ zu mischen; Vintage mit Designer und Flohmarkt mit Ikea usw. als zu Diderots Zeiten.

    Ich glaube eher, der Effekt kommt daher, dass man innerlich schon seinen Stil gewechselt hat und das erste Stück im neuen Stil lässt dann quasi die Unzufriedenheit mit dem alten raus… von daher wäre ich auch gar nicht so sehr dafür, sich da zurückzuhalten, weil man sich in dem Fall zur äußerlichen Nicht-Umsetzung von inneren Veränderungen zwingt – weisstewieichmein?

    Ich halte mich da aber selbst oft zurück, meistens weil ich weiss, dass da eine ganze Flut ansteht und es mir gerade einfach (finanziell und/oder zeitlich) nicht leisten kann. Empfinde das dann aber auch als quälenden Zwangs-Stillstand.

    1. Hey Majka, das ist ein guter Punkt mit dem Stilwechsel – vielleicht schlägt dieser Effekt tatsächlich nur dann zu, wenn man sich verändert?! Insofern wäre es ein guter Anhaltspunkt nochmal inne zu halten und sich selbst zu prüfen. Hm, hmm…da muss ich nochmal drüber nachdenken.

  3. Das kenne ich wohl auch. Wenn man irgendwo anfängt, dann geht es einfach weiter und man kommt vom 100sten ins 1000ste.

    Mir ging es letztes Jahr mit einem Schaden am Dach so. Es musste ein Teil von der Dämmung entfernt und die Rigipswand ausgetauscht werden. Dann musste natürlich gemalt werden.

    Aber man kann nicht nur ein kleines Stückchen malen, also das ganze Zimmer ausmalen. Aber das Zimmer hat nur eine Schiebetüre und daneben fängt der Gang an, also muss auch der Gang ausgemalt werden. Der Gang mündet über Stiegen in den Essbereich, von dem es ohne weitere Türen in die Küche und ins Wohnzimmer geht.

    Was war? Eine Reparatur von ca. 2 m² zog das Ausmalen eines ganzen Hauses nach sich…

    lg
    Maria

  4. Moin,
    diesen Effekt habe ich in der Tat früher auch einmal am eigenen Leib erlebt. Zum letzten Mal bei meinem Versuch auf das Fahrrad umzusteigen. Erstmal ein gutes Fahrrad, da musste natürlich ein Helm her, eine Radhose, dazu kann man dann natürlich kein einfaches T-Shirt anziehen, also Funktionsshirt (glücklicherweise kein richtiges Fahrradtrikot) dazu kamen dann noch einige Accesoirs und nach einigen Wochen dann der Frust: ein sehr unangenehmes gesundheitliches Problem hat mich wieder vom Fahrrad Abstand nehmen lassen. Viel Geld für nix aus dem Fenster geworfen… Das gute an der Geschichte: ich habe daraus gelernt. Mittlerweile leihe ich mir alles aus, wenn ich etwas neues ausprobieren möchte und erst wenn es mir wirklich Spaß macht bzw. es so funktioniert wie ich es mir vorgestellt habe überlege ich mir ob und was ich mir anschaffen mag. Dabei gilt weiter das Prinzip, das ich seit rund zwei Jahren lebe: kommt was neues, geht was altes. Damit fahre ich sehr gut und mittlerweile ist mein Gesamtbesitz um rund 4/5 geschrumpft… und nein, ich vermisse nichts! Ich stelle nur immer wieder fest, ich habe immer noch mehr materielle Dinge als ich brauche… Aber das ist schon wieder ein anderes Thema ;-)
    An dieser Stelle sei es mir gestattet einen Dank für diesen Blog auszusprechen! Du hast mir immer wieder spannende Denkanstöße geliefert und meinen ganz persönlichen minimalistischen Weg begleitet. Vielen Dank!

    Herzliche Grüße aus dem Norden,

    Martin

  5. Pingback: Bemerkenswert
  6. Wir sind letztes Wochenende in einen Neubau gezogen. Unsere alten Küchengeräte, das ausgebleichte Sofa und unser Geschirr kommen mir jetzt auch sehr schäbig vor. In der alten Wohnung sah alles passend aus. Ich will trotzdem nichts Neues kaufen. Ich habe mir überlegt, dass ich die Sofabezüge neu einfärbe und die Küchengeräte auf Hochglanz poliere x-D
    Schön, jetzt den Namen für diesen Effekt zu kennen.

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