Tschüss, 2018! (Machen Sie sich bitte frei!)

Okay, das Motto „Freiheit“ war eines der Schwierigsten, das ich mir die letzten Jahre herausgepickt habe.
Zugegeben, ich bin da ein bisschen naiv rangegangen, aber meistens hilft ja der Anfängergeist. Mir ist relativ schnell klar geworden, dass das Wort „Freiheit“ wahnsinnig aufgeladen ist. Zwischendurch überkam mich sogar der Ekel vor dem Wort, weil ich es so oft in der Werbung gesehen habe!
Freiheit wird im Kapitalismus gleichgesetzt mit „Konsumiere und du bist frei!“ – Aber warum eigentlich? Warum soll ich mich freier fühlen, wenn ich „unbegrenztes“ Datenvolumen habe? wenn ich durch Fast Fashion meine „Individualität ausdrücken“ kann oder wenn ich ständig in der Welt umherjette ohne zur Ruhe zu kommen? Fühle ich mich dann wirklich frei? Und wenn ja, was bedeutet meine Konsumfreiheit für andere Menschen, die das nicht können?
Konsum und Werbung, immer und überall – schränkt mich ein. Statusängste und Vergleiche schränken mich ein. Ungesunde Gewohnheiten und Einstellungen beschränken mich in meiner Freiheit.
Aber: Finanzielle Mittel bieten Sicherheit und die wiederrum lässt einen sich freier fühlen – oder?

Du merkst schon, das Thema ist kompliziert und ich bin eigentlich auch noch nicht fertig mit dem Denken. Ich taste mich voran.
Ich habe schnell gemerkt, dass Freiheit ein flutschiges Stück Seife ist. So richtig greifbar ist es nicht. Deshalb habe ich mich an meiner Mini-Zitatsammlung, die ich zu jedem Motto erstelle, festgehalten:

Schwing‘ dich aus allem heraus, was dich beschränkt.“ – Bettina von Arnim

Dieses Zitat ist super. Da ist Schwung drin. Da will man sich gleich aus blöden Situationen rauswiggeln. Auf der Schaukel, himmelhoch, kurz vorm Abspringen. Energie.

Blöde Situationen gab es dieses Jahr viele. Die Kurzfassung ist: ich fühlte mich nicht wohl (<-- Untertreibung des Jahrhunderts :D) Nirgends. Nicht daheim, nicht auf Arbeit, nicht mit meinen Mitmenschen, nicht in meinem Körper, nicht in meinem Kopf. Grund: Eine enorme Kraftlosigkeit, die dann auch noch einem B12-Mangel gipfelte. Alles war anstrengend, ich wurde anstrengend. Es hat mich um den Verstand gebracht, nicht herausfinden zu können, was da eigentlich los war oder wie ich mir selber helfen konnte oder wie ich andere konkret um Hilfe bitte konnte. Das war alles irgendwie zuviel. Und dann puff! Lösen sich manche Probleme tatsächlich von selbst. Und sitzt da und lacht sich selbst aus, weil mit einem alles völlig in Ordnung ist. Ich habe daraus 3 Sachen gelernt: 1. ich muss mich als HSP/Empath viel viel besser vor der Gefühlsscheisse anderer Menschen beschützen 2. herumdoktorn mit diesem inneren Kind Zeugs braucht echt viel Aufmerksamkeit und is megaanstrengend, tut aber immer gut, wenn man in Kontakt tritt. Wenn man sich sowas vornimmt, sollte man alles andere ruhen lassen und sich nur darauf konzentrieren. 3. klar kann man bei sich selbst anfangen und evtl. die Einstellung zu einer Situation ändern, aber es ist wichtig auch mal "Fuck off" zu denken und anderen die Schuld an der Misere zu geben. Bockig werden. Jammern. Sauer werden. Punkt 3 ist neu in meinem Denken. Das finde ich sehr interessant. Und so schön einfach! :D

„Freiheit besteht im Erkennen der Grenzen“ – Krishnamurti

Erkenne ich Freiheit, wenn ich an meine Grenzen komme? Wenn ich diese Grenzen dann überwinde? So ganz habe ich Krishnamurti nich verstanden, aber an meine Grenzen bin ich oft gestoßen. Vor allem diese Kraftlosigkeit durch sozialisieren mit anderen Biowesen, durch diesen B12-Mangel, durch Ideenlosigkeit. Ich habe erforscht, welche „unterbewussten“ Programme in meiner Kommunikation ablaufen, festgestellt welche mich davon behindern und versucht, diese durch neue Verhaltensmuster abzubauen. Das ist mir nicht zu 100 % gelungen, aber ich arbeite daran und ich erkenne Fortschritte, die mir gut tun, weil sie meine Selbstliebe steigern. Aber es ist ultramegaanstrengend im Sinne von: Endgegner!

Also, was hat sich mit dem Motto „Freiheit“ im Hinterkopf alles verändert? Fühle ich mich freier als vorher?

  • Ich bin von meiner Teamleiter-Stelle als Assistenz der Geschäftsführung zurückgetreten und das war eines der besten Sachen, die ich dieses Jahr gemacht hab :D
  • Die zweitbeste Sache ist, dass ich für 2019 meine Arbeitszeit reduziert habe, somit habe ich immer einen Tag zusätzlich frei.
  • Ich habe nach 17 Jahren meine Frisur verändert. Die Zeit war einfach dafür reif. Interessant daran ist, dass ich dadurch öfter gesehen werde. Kann mein Gesicht jetzt nich mehr verstecken. Und ich musste lernen Komplimente auszuhalten (gut, aushalten ist relativ :D ich hab „danke“ gesagt und bin schnell weggelaufen :D)
  • Ich habe meine Höhenangst abgelegt!
  • Stichwort: Mentale Autonomie: Ich habe mich von meinen Social Media Kanälen verabschiedet (Twitter und Instagram) und vermisse gar nichts. Es ödet mich auch zu sehr an und weiß auch gar nicht mehr was das alles soll. (Pinterest steht übrigens auf der Kippe. Dieser Beliebtheitsalgorithmus spült mir nur hässliches Zeug in meinen Feed, das macht mich echt wütend.)
  • Nach dem Fasten (frei von Nahrung) kam die Vollwertkost (mehr freie Zeit, weil das Essen wirklich sehr einfach wird) und damit auch ein niedrigeres Gewicht! Die zweite Fastenwoche während der Arbeitszeit war zwar echt Hardcore, aber dafür hat es alle meine emotionalen Esstrigger nachhaltig hinweggefegt. Frei sein von diesen Stress-Langeweile-Keiner-hat-mich-lieb-futtern ist wirklich richtig gut.
    Und mit meinen Faul-Schlau-Essregeln nehme ich sogar noch weiter ab. Endlich hab ich es geschnallt ey.
  • Nach 10 Jahren habe ich mein Zimmer umgestellt, weiter ausgemistet, die Organisation der übrigen Dinge verbessert und noch eine Wand mehr türkis gestrichen.

Hm. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich mich jetzt freier fühle. Ich glaube nicht. Die Fülle kommt immer sofort nach.

5 Gedanken zu “Tschüss, 2018! (Machen Sie sich bitte frei!)

  1. Meine Liebe,
    ich bin immer eine stille Leserin, aber dieser Artikel ist so sagenhaft fein, dass ich einfach ein Lob dalassen möchte.

    Allein für diesen Satz: „aber ich arbeite daran und ich erkenne Fortschritte, die mir gut tun, weil sie meine Selbstliebe steigern. Aber es ist ultramegaanstrengend im Sinne von: Endgegner!“ war der Artikel so lesenswert! (und natürlich auch für alle anderen!)

    Ich freue mich immer über deine Wochenrückblicke und auch sonst sprichst du mir wirklich häufig aus der Seele. Danke dafür!

    Ich wünsche dir ein tolles Weihnachtsfest mit deinen Liebsten Menschen um dich, oder auch nicht, wenn es das bessere für dich ist. Mit Gesprächen oder Schweigen mit Gedanken schweifen lassen oder Action. Was auch immer. Hauptsache gut für dich!

    Mit vielen Gedanken über Freiheit im Kopf,
    Jacqueline

  2. Es muss hart sein z. Z. , wenn man ernsthaft hochsensibel ist, jetzt, wo es so ein Megatrend ist. Denn ich zumindest könnte derzeit im Strahl kotzen, wenn wieder jemand mit dieser (Selbst-)Diagnose um die Ecke kommt. So eine passende „Störung“ in unseren narzistischen Zeiten. In Zeiten, in denen nur noch „ich ich ich“ zählt und die Egomanie von allen Seiten gepredigt wird. Ein Traum für den Kapitalismus. Zum Glück bin ich noch kein Opfer geworden, aber zwei Freundinnen, die immer zur Stelle waren, wenn Trennungen oder Todesfälle verarbeitete werden mussten, erlebten das, als es ihnen mal schlecht ging. Da mussten sich einige andere plötzlich „abgrenzen“, weil „so viel negative Energie einfach nicht gut für sie war“. Ich habe nicht das Gefühl, dass da immer Hochsensibilität, sondern bisweilen einfach der Unwille dahinter steckt, sich um etwas anderes zu kümmern als sich selbst. Bzw. nur dann um andere, wenn man selbst was für sich rauszieht dabei. So kann es nichts werden mit unserer Gesellschaft, oder?
    Auf jeden Fall kann ich mir gut vorstellen, wie hart das sein muss, wenn man das ernsthaft hat, aber keiner einem das abnimmt, weil einfach jede (von Männern habe ich das bisher noch nicht gehört) Zweite das jetzt für sich reklamiert.

    1. Ich musste den ganzen Tag über deine Aussage nachdenken. Ich hatte bisher nämlich nicht den Eindruck, dass es ein „Trend“ ist. Gottseidank ist mir das noch nicht passiert, dass da irgendwer daher kam und das für sich proklamiert hat um es als Ausrede für unbequeme Situationen zu nutzen. Mir ist ansich auch egal, wie man es nennt. Als ich vor ca. 8-9 Jahren das erste Mal über diesen Begriff gestolpert bin und mich kurz eingelesen habe, hat es „klick“ gemacht: Endlich hatte ich ein Wort für den Zustand, warum ich immer so „seltsam“ oder „schwach“ fühlte. Habs aber dann auch einfach abgetan als Pseudodiagnose (das wird ja auch gern mit Burn-out vermischt) und dieses Jahr folgte die Quittung. Hoffentlich besinnen wir uns als Gesellschaft und kommen mal klar mit diesen Labels, die wir uns so aufpicken

  3. Aber es ist ja oft gut, wenn man für Dinge, mit denen man Schwierigkeiten hat, eine Erklärung findet. Hatte ich kürzlich, als ich einfach mal „Lebensphasen“ googelte und ganz unverhofft herausfand, dass das Gefühl der Rastlosigkekt u Suche nach Sinn ziemlich normal in meinem Alter ist. Macht es in der Wirkung nicht besser, aber ich fühle mich wenige psychisch labil u weiß jetzt, dass es wahrscheinlich irgendwann wieder verschwindet, wenn ich an ein paar Stellschrauben drehe.
    In Berlin – oder im weiteren Bekanntenkreis – sind jetzt viele Hypersensibel, daher mein Gefühl, dass das ein Trend ist. Man kann so seine Unlust, sich mit was anderem als sich selbst zu beschäftigen medizinisch begränden u sich so jegliche Kritik verbitten. Ich finde das sehr bescheuert für die Leute, die das wirklich haben und darunter leiden.
    Dir einen guten Start ins neue Jahr! LG

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