Über Neuheiten und Nutzwerte

Je mehr sich Minimalismus durch mein Leben zieht, desto schockierender finde ich Werbung. Schockiert über Werbung, die Neuheiten anpreisen, die dann nicht „Neuheiten“ heißen, sondern „Innovationen“ weil das nach mehr Technik und Erfindergeist klingt.
Mag ja sein, dass da viele Designer, Ingenieure und Produzenten ihr gesamtes Know-How hineingetüffelt haben, aber ich frage mich:
Wozu eigentlich?

Zwischen dem Betrachten der Werbung und diesem „Wozu soll das gut sein?“-Gedanken buhlen die Werber um Aufmerksamkeit. Die verstehen es, uns ganz geschickt ein Bedürfnis einzureden, weil es doch nun eine Verbesserung für unser Leben wäre, wenn wir diese Neuheit besitzen oder nutzen würden.

Neulich habe ich eine Plakatwerbung für ein Haarshampoo betrachtet und mich doch sehr gewundert. Es war wieder das typische Modell mit den Plastik-Photoshop-Haaren, das nett lächelt, weil es so glücklich und stolz auf die überpflegte Haarpracht ist. Auf dem Plakat hieß es, das Shampoo schaffe es nun _endlich_ den Kalkschleier aus den Haaren zu zaubern weil Hamburg ja sooo furchtbar verkalktes Wasser hätte!
Aha.
Juhu, ich bin gerettet! Endlich kann ich wieder ruhig schlafen und muss mir keine Sorgen mehr über meine verkalkten Haare machen?! Wie konnten wir nur all die Jahre zuvor mit diesen grausigen Haaren herumlaufen?! Wir sollten uns was schämen! Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei all jenen die diesen schlimmen Anblick die ganzen letzten 20 Jahre ertragen mussten.

Durch Minimalismus kommt man immer wieder zu der Frage: „Was brauche ich?“ – und diesen Gedanken kann man natürlich auch weiterspinnen: „Brauche ich (brauchen wir) dieses neue/verbesserte Produkt?“ – mit einem eindeutigen „JA“ oder „NEIN“ wäre die Sache schnell abgehandelt, aber ich glaube, diese Frage muss man zu Ende denken, damit man sie endgültig loslassen und Alternativen finden kann.

Ich stelle mir diese Frage daher anders: „Bisher kam ich auch ohne dieses Produkt zurecht. Was habe ich da gemacht?“ bzw. „Wie habe ich es geschafft, ohne Produkt x zu existieren?“ und: „Was ist so wirklich neu daran?“ – im Grunde nämlich gar nichts. Es ist – heruntergebrochen auf den eigentlich Nutzwert – weiterhin ein Shampoo mit dem man seine Haare reinigen kann. Das ist alles.

Die Werbebotschaften sind eindeutig und eigentlich bei jedem Produkt dieselbe. Nutze das Produkt und du wirst hübsch/glücklich/intelligent/whatever und dadurch gewinnst du Freunde, einen Partner, wirst geliebt und bewundert, hast Ausstrahlung und bekommst einen guten Job bei dem du Geld verdienen kannst um es für sinnlosen Plunder rauszuwerfen. Gebrauchsgüter und eben gerade auch Neuheiten gaukeln uns leider immer vor, es würde sich was ändern, aber wenn die Veränderung nicht aus den Untiefen unserer Seele kommt, wird uns auch kein Ding diese Veränderung herbeizaubern.

Vor Jahren habe ich einfach ein Shampoo ausgesucht und das benutze ich. Wenn es leer ist, kaufe ich es nach. Ich lebe noch. Und bin erstaunlich glücklich.

5 Gedanken zu “Über Neuheiten und Nutzwerte

  1. Ich habe jetzt sogar noch einen sinnvollen Nutzen von Werbung entdeckt.

    Alle Nahrungsmittel die explizit für Kinder beworben/gekennzeichnet werden, sind nicht für Kinder geeignet weil sie entweder viel zu viel Zucker enthalten (40-50% Zuckeranteil ist keine Seltenheit aber auch 70+% sind nicht schwer zu finden) oder massenhaft Farb- und Geschmacksstoffe.

    Diese Faustregel stimmt in über 90% der Fälle.

    Mit ihr wird das Einkaufen richtig einfach, weil die Auswahl sehr stark eingeschränkt wird.

  2. Wozu ein Entkalkungs-Shampoo? Das Problem ist doch, dass es im Rahmen unseres Wirtschaftssystem, das auf Wachstum ausgelegt ist, es gar nicht anders geht als das Konsumrad in Schwung zu halten und eben immer neue Produkte und Kaufreize zu generieren, damit der Geldumlauf nicht ins Stocken kommt. Unter diesen Bedingungen können die Firmen gar nicht anders, weil die Kasse jeden Monat stimmen muss, Löhne und Gehälter bezahlt werden müssen.

    Viele Minimalisten sehen sich als völlig unpolitisch – mag individuell vielleicht durchaus so sein, aber sollte sich dieser Lebensstil sich wirklich ausbreiten (was wünschenswert wäre, aber wird er das auch tun?), wäre das nur gleichzeitig mit einem grundlegenden Wandel unseres wirtschaftlichen Systems und einem gesellschaftlichen Wandel möglich. Deshalb finde ich es wichtig, dass neben der Gestaltung des eignen Lebensumfeld auch noch munter an Utopien oder an Ideen, wie es anders gehen könnte, gestrickt wird.

    1. Je länger ich mich mit Minimalismus beschäftige (und das jetzt schon über ein Jahr lang), desto politischer wirds bei mir. Ich will das eigentlich auf diesem Blog nicht so sehr ausbreiten, aber ganz ausklammern, kann man es wohl nicht. Anfangs hatte ich noch keine genaue Definition davon und blieb einfach beim Level des „Genug“ – aber Minimalismus ist für mich nun auch gleichzeitig Konsumkritik und „stiller“ Protest, weil ich es einfach satt habe, mich von irgendwelchen Firmen verarschen zu lassen. (Siehe Kommentar von Max). Das ewige Weiterwachsen der Wirtschaft wird früher oder später nicht mehr funktionieren, weil einfach keine Ressourcen mehr da sind und die Umwelt so vergiftet ist, dass da beim Besten Willen nichts mehr rauszuholen ist.

  3. super artikel, cloudy!

    da passt ganz gut der letzte artikel von leo babaute auf mnmlist.com. und, ohne eigenwerbung zu machen, schau mal hier: http://bit.ly/g3vl0q

    ernest mann ist einfach der hit. ungeschliffen, ein sonderling. kein wunder, bei dem thema…

    so, ich entkalke jetzt mein haar.

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