Urlaub in ner Chaoswohnung oder: Vom Hobby-Minimalismus zum Teilzeit-Chaos und wieder zurück.

Oh wow, so schnell ging der Urlaub wieder rum – und er hat mir ein paar interessante Erlebnisse und Erfahrungen beschert. Ich war nicht nur Teilzeit-Haustierbesitzer (Katze und Kanninchen), sondern durfte netterweise bei Freunden in der Wohnung als Housesitter unterkommen. Diese Wohnung ist das Chaos pur. Auf den ersten Blick würden einige vielleicht sagen „Ach, wie gemütlich“, aber spätestens nach einer halben Stunde visuellen Stress leuchtet es einem ein: Das ist es ganz und gar nicht.
In den Ecken stapelt sich Altpapier, auf dem Schreibtisch vermischt sich Werbepost mit wichtigen Unterlagen, die Lebensmittel im Obstkörbchen sind Flüchtlingslager für Fruchtfliegen und wenn man Putzmittel sucht, welches reichlich vorhanden ist, stößt man 40 weitere Flaschen um und muss alles wieder aufräumen.
Ich mag die Menschen, die dort wohnen und sie tun mir Leid. Weil Sie versuchen aufzuräumen und organisiert zu sein, es aber irgendwie nicht klappen will. Und ich das so gut nachvollziehen kann.
Letztlich war das Wohnen dort gar nicht so schlimm, wie ihr euch das jetzt vielleicht gerade ausmalt, denn eigentlich waren wir nur zum Schlafen dort.
Trotzdem habe ich mir diese chaotischen Zustände mal durch meine „Minimalismus-Brille“ angesehen und mir sind folgende Gedanken gekommen, die mir früher – bei mir selbst!! – so gar nicht klar waren.

Menschen, die in chaotischen Zuständen wohnen,

  • …merken nicht (mehr), dass sie von allem viel zu viel haben. Egal ob es sich dabei um Körperpflegeprodukte, Klamotten, Putzmittel, DVDs etc. handelt, es ist einfach zu viel.
  • …stellen keinen Zusammenhang zwischen „Kaufen“ und „Chaos“ her. Und das ist fatal! Anstatt den Bücherschrank auszumisten, weil er zu voll ist, wird ein neues Regal aufgestellt. Anstatt ein Duschgel komplett aufzubrauchen, wird ein anderes gekauft (auch bekannt als „Die Abwechslungsfalle“) und das nicht mehr benutzte wird nicht weggeworfen oder verschenkt.
  • …sind permanent abgelenkt und unkonzentriert, weil es so voll ist. Selbst in einer ruhigen Minute bei einer Tasse Tee am Tisch wandert der Blick über all das Zeug, das sich auf Tischen und Schränken stapelt. Klar denken klappt dann nicht mehr so gut, alles schreit „organisier mich!“ und „räum mich auf!“
  • …verheddern sich in ihren eigenen Handlungen, weil man nie was findet oder erst sehr lange suchen muss und das noch mehr Arbeit nach sich zieht.. Okay, dieses „Verheddern“ muss ich vielleicht ein bisschen genauer erklären. Ich habe dabei ein Bild von einem Wollknäuel vor Augen. Dieses Wollknäuel steht für all unsere Vorhaben und Tätigkeiten, die entrollt und wieder aufgerollt werden müssen. Ein „klarer“ Mensch nimmt sich einen Moment Zeit den Anfang des Fadens zu finden, zieht ein bisschen daran und hangelt sich von Tätigkeit zu Tätigkeit. Ein chaotischer Mensch unter Zeitdruck zupft aus der Mitte des Knäuels einen Faden und fängt entschlossen an, alles abzuarbeiten. Ein Beispiel: Verabredung mit einem Freund zum Mittagessen. Der Nichtchaot zieht an seinem Fädchen und weiß: Duschen, Anziehen, Taschen packen. Los. Der Chaot denkt dasselbe und fängt an, den Faden rauszuzupfen. Beim Duschen fällt ihm leider das ganze Arsenal an Shampoos und Duschgele in die Wanne. Er ärgert sich, stapelt alles wieder auf den Beckenrand und stolpert aus der Dusche. Er geht zum Kleiderschrank, weiß nicht was er anziehen soll, obwohl der Kleiderschrank voll ist und guckt nicht auf die Uhr. Irgendwann der Schreck: Schon so spät! Das Fädchen hat sich schon halb um seinen Körper gewickelt, also schnell was Anziehbares übergeworfen und nun die Tasche packen! Wo ist der Geldbeutel? Wo ist der Schlüssel? Der Faden wickelt sich weiter um die Füße, er stolpert, bleibt kurz liegen und denkt: Ist doch egal, ich bin eh immer zu spät…

…und daraus folgt:

Tja, letztere Geschichte kenne ich von mir selbst zu gut. Ich bin froh, dass das ein Ende genommen hat. (Naja…hmm..es ist zumindest überschaubarer geworden :D) Und falls du noch zu den Chaoten gehörst und du das ändern möchtest: Trau dich. Fang ganz klein an. „Weniger“ ist ein mächtiges Werkzeug.

4 Gedanken zu “Urlaub in ner Chaoswohnung oder: Vom Hobby-Minimalismus zum Teilzeit-Chaos und wieder zurück.

  1. Wow – Danke für den Artikel! Er fasst sehr schön zusammen, was ein reduziertes Leben so lebenswert macht – auch wenn ich dem Idealzustand immer noch entgegebenstrebe. Außerdem wird deutlich, dass es beim Reduzieren weniger um sportlichen Minimalismus als um das simple ‚aus-dem-Weg-räumen‘ überflüssiger Gegenstände zur Erhöhung der Lebensqualität geht. Der Mr. Minimalist hat hier mal sehr schön gesagt, dass wir aus dieser Perspektive eigentlich eher Maxi- als Minimalisten sind… Wann krieg ich eigentlich maln Gastartikel? :-)

  2. Hallo,
    schön geschriebener Beitrag! Allerdings wunder ich mich beim Lesen deiner Artikel manchmal, dass du einfach davon ausgehst, dass ALLE, die „unordentlich“ und mit viel Zeug leben, darunter leiden. Ich glaube auch, dass ein minimalistischer Lebensstil für VIELE vieles einfacher macht. Aber ich kenne auch Leute (und das sind nicht nur ein paar wenigen Ausnahmen von der Regel), die viel Zeug haben und sich dabei wohl fühlen, sich trotzdem organisieren können und aus ihrem vielen Besitz immer wieder Ideen schöpfen und sich über ihren Besitz freuen. Kurz: Anti-Minimalisten, denen es bestens geht! ;) Da tust du mir schon wieder leid, dass dir so viele Menschen leid tun, obwohl es ihnen vlt. prächtig geht ;)
    Sommer-Grüße!
    Gastgruen

    1. Hallo und danke für deinen Kommentar – keine Sorge, ich kenne auch eine Menge Leute, die sich in einer leeren Wohnung total vereinsamt und verloren vorkommen. Weiße Wände und wenig Möbel muss man auch mögen. Ich bin ja selbst weit entfernt davon so ein Extremer Minimalist zu sein, wie sich das vielleicht nach aussen hin darstellt (obwohl es schon tief in meinem Inneren ein kleines Ideal für mich ist). Ich war früher der OBERCHAOT und jetzt bin ich es nicht mehr und seeeehr seeeehr froh darüber. Aus meiner Bastelschnipselunordnung schöpfe ich auch immer Inspiration und das gibt mir Energie. Ich rede in diesem Artikel aber ausschließlich von Leuten, die sich mehr und mehr in ihrem Zeug einbuddeln und nicht wissen, wie sie das noch hinkriegen sollen. Ich habe aber auch gemerkt, dass diese Leute von denen du erzählst (und die zumind. in meinem Bekanntenkreis herumschwirren), sich nicht immer sooo prächtig fühlen, wie das vielleicht manchmal wirkt…aber ich vertrete sowieso die Meinung, dass jeder so Leben soll wie er mag, denn das macht am meisten Spaß :D

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