Von der Natur lernen

Neulich, beim Spaziergang in der ersten richtigen Frühlingssonne, dachte ich darüber nach, wie toll es ist von der Natur zu lernen und sich von ihr inspirieren zu lassen. Ich meine jetzt nicht im Speziellen so hochtrabendes Bionik-Zeug oder Tarnmechanismen – was zwar total genial ist- sondern ganz allgemein.

Die Natur will nichts, sie braucht auch nichts. Sie ist nur.

Sie muss keine Werbung machen, weil alles seinen gewohnten Gang geht. Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. Der Mond ebenso.
Tag und Nacht.
Es wird Frühling. Sommer. Herbst und Winter.
Die Natur hat Rhythmus.
Die Natur produziert keinen Müll, alles greift perfekt ineinander. Tiere sind umtriebig und geschäftigt, wissen was wann zu tun ist und leben mit ihrer Bestimmung.
Es gibt Vielfalt, Kooperationen, Symbiosen. In Harmonie.
Die Natur kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur ein Jetzt.
Leben.
Und Sterben.
Leben.
Und Sterben.

Wenn ich die Schönheit der Pflanzen und deren Strategien betrachte oder ich etwas über bestimmte Tierarten lerne, frage ich mich, wie ICH, als Spezies Mensch da rein passe. Jede Naturbeobachtung ist ein Perspektivwechsel. Alles ist in Balance und das kann ich mir ein bisschen abschauen. Wie kann ich Rhythmus gestalten? Wie kann ich Vielfalt in mein Leben lassen? Greift bei mir alles perfekt ineinander oder ist es immer ein Drama? Wo ist mein Platz im Universum?

Eine minimalistische Lebensweise gibt mir Zeit und Raum, mich mit der Natur zu verbinden, eine Standortbestimmung zu machen und dankbar für alles zu sein.

6 Gedanken zu “Von der Natur lernen

  1. Ich hab vor drei Jahren mal ein paar Wochen auf Kunstlicht (und auch auf Rollos/Vorhänge) verzichtet. Obwohl es im Sommer war, wo es natürlich sehr einfach ist, war es ziemlich genial. Der eigene Tagesrhythmus passt sich dem Sonnenstand an. Man wacht auf, wenn es dämmert und die Vögel singen, man wird müde wenn es wieder dämmert.
    Und ohne künstliche Lichtquellen hat man ja im Finstern auch nix zu anderes zu tun als eben heia zu gehn. (Bildschirme gehören auch zu künstlichen Lichtquellen und daher waren die ab Dämmerung aus)
    Es ist ein ganz anderes Lebensgefühl und ich fands ziemlich geil.
    Leider war das nur möglich, weil meine techniksüchtige Nachteule in dieser Zeit nicht da war. Der hätte vielleicht was gemault.

    „Die Natur“ ist aber auch ein Konstrukt.
    Was ist „die Natur“? Denkt sich ein Igel, mei, heit is oba sche da im Wald? Der denkt sich vielleicht eher: Ui! Schnecken! Nammnamm. AH! Hilfe! Gefahr! *einroll*
    Sind wir Menschen getrennt von der Natur? Teilweise ja (Kultur, Gesellschaft, nichtmaterielle Normen und Werte), teilweise nein (Säugetiere).
    Gibt es unberührte Natur? Nein. Alles was wir sehen, ist menschgemacht oder menschbeeinflusst. Die Wiesen und Wälder und Auen und Almen sind in Wahrheit Kulturlandschaft, auch wenn sie manchmal vielleicht verwildert ist. Die paar wirklichen Urwälder die es noch gibt, kriegen genauso die Abgase von den Flugzeugen ab, sind genauso vom Klimawandel betroffen wie alle anderen Ökosysteme und Populationen auch. Natürliche Mobilität von Wildtieren wird durch Schneisen wie Autobahnen oder verhindert oder verändert. Mobilität von Vögeln wird durch Klimawandel und Elektrosmog beeinflusst. Vögel singen in der Stadt lauter, imitieren auch mal Handyklingeltöne. Die ganzen künstlichen Hormone und Antibiotika, die wir zu uns nehmen, werden mangels Technologie ungefiltert in die Ökosysteme entlassen. Alle, die dieses Wasser dann trinken oder sonstig zu sich nehmen (Menschen, Nutztiere, Wildtiere) werden stark hormonell beeinflusst. Es kommt durch die Verhütungspille zu einer Verweiblichung von Fischpopulationen und Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit, was natürlich deren Fortbestand beeinträchtigt.
    Sind Kühe, Schafe, Hunde und Katzen „Natur“? Sie alle sind menschgemacht. Ohne Domestizierung und Züchtung auf bestimmte Merkmale (Verhalten, Körper) hin, hätte es sie nie gegeben.
    Alles, was wir essen, ist menschgemacht. Schon mal eine wilde Avocado gesehen, oder eine wilde Banane? Riesen Kerne, faseriges Fruchtfleisch, wenig geschmacksintensiv. (Das Internet hilft hier gerne mit Bildern und Beschreibungen.)
    Die „Natur“, die der Mensch geschaffen hat, ist oft sogar nicht mal ohne ihn lebensfähig. All der Hybridweizen, der braucht eigentlich Laborbedingungen um überhaupt was abzuwerfen, der kann sich nicht mal fortpflanzen und wäre nach einer Saison schon wieder ausgestorben. (Und ja, auch das meiste Biosaatgut ist Hybridsaatgut) Wie viele Katzen heute würden tatsächlich Mäuse fangen? Ich kenn so viele Geschichten von Katzen, die keinen Plan haben was sie mit der Maus jetzt machen sollen oder vor ihr sogar davonlaufen.
    „Die Natur“ ist ein Konstrukt, aber natürlich existiert sie auch außerhalb unserer Köpfe.
    Die Frage ist nur: lerne ich hier von „der Natur“ oder lerne ich vom Menschen?
    Trotzdem: grünes Zeug anschauen ist gut für die Seele, die Natur (ob „echt“ oder menschgemacht oder ein Konstrukt in unseren Köpfen) entspannt, entschleunigt, erfrischt und tut gut. Mal weniger Technikzeugs und mehr natürlicher Rhythmus tut auch gut. Der Blick in die Natur und ins Weltall nehmen uns den Egoismus und die eingebildete Wichtigkeit (sowohl als Einzelperson, als auch als Menschheit). Schließlich hat die Ökobewegung eigentlich erst mit den Bildern ausm All begonnen: Schau, so klein und unbedeutend ist die Erde. So begrenzt.

  2. Einen Satz aus dem Artikel würde ich sofort unterschreiben:“Die Natur will nichts, sie braucht auch nichts. Sie ist nur“.

    Der Rest ist verklärte Naturromantik, die vor allem bei städtischen Wohlstandskindern gut ankommt. Die Menschen die wirklich in und mit unberührter Natur leben, sehen das in der Regel etwas anders, da sie ihr ihr karges Dasein mühsam abringen müssen.

    Die Zuckerseite von Mutter Natur können wir vor allem deshalb genießen, weil wir gelernt haben sie zu bändigen und uns an die Spitze der Nahrungskette zu hangeln. Unsere wilden Vorfahren standen noch regelmäßig auf dem Speiseplan diverser Raubtiere, und wenn die einen verschont haben, hat man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit irgend einen Virus oder eine bakterielle Infektion eingefangen die einen schon in jungen Jahren dahingerafft hat. Selbst kleine Wunden die man
    vielleicht bei einem Kampf mit einem hungrigen Artgenossen erlitt kamen einem Todesurteil gleich. Außerdem ist keineswegs alles im Gleichgewicht und so harmonisch wie einige vielleicht denken; extreme Klimaschwankungen (z.b. Eiszeiten), Ausbrüche von Supervulkanen, Alles aufzehrende Ausbreitung einzelner Arten, globale Massensterben (z.B.
    durch Meteoriten) sind nur einige Beispiele die dieses liebliche Bild ins Wanken bringen. Dass es gar kein Leben geben würde wenn alles im Gleichgewicht wäre, möchte ich nur als kleine Randnotiz anmerken.

    Was ich damit sagen will ist, dass das was heute viele als Natur betrachten in Wirklichkeit ein von Menschen geformtes Habitat ist, welches auf die Bedürfnisse unserer Spezies zugeschnitten ist. Manche finden das vielleicht bedauernswert und möchten zum Urzustand zurück, aber ich freue mich darüber nicht ums nackte Überleben in einer gleichgültigen Natur kämpfen zu müssen, sondern die Zeit zu haben
    einen viel zu langen Kommentar auf einem Blog zu verfassen.

    In der Gegend wo ich herkomme gibt es z.B. einen wunderschönen kultivierten Badesee, mit sehr klarem Wasser und zurechtgestutztem Bewuchs rundherum. Es gibt Imbissbuden, ausreichend Toiletten diverse Sport- & Freizeitangebote, aber auch stille Rückzugsgebiete, wie den FKK-Bereich. Nun gibt es etwas abseits davon einen weiteren See, der ähnlich groß ist, aber der Natur überlassen wurde; das ist jetzt eine grüne übel riechenden Brühe, eingezäunt von dichtem Gestrüpp und bewohnt von allerlei Getier (vorwiegend Stechmücken). Mag sein, dass die dort in Harmonie miteinander leben, kooperieren & Symbiosen bilden und sich gegenseitig auffressen, aber als Mensch meide ich dieses Gebiet. Wenn man doch reingehen will sollte man sich festes Schuhwerk und lange Kleidung anziehen; danach gründlich nach Zecken absuchen um sich keine Borreliose oder FSME
    einzufangen. Übrigens hat mir vor einigen Jahren eine Zecke die ich beim Sport im Freien mitnahm eine Borreliose beschert, die ich zum Glück im Anfangsstadium mit Antibiotika abfangen konnte.

    Ich möchte dir deine Naturerlebnisse ehrlich nicht vermiesen, nur darauf hinweisen dass es dem Erfindungsgeist einer Reihe von Menschen zu verdanken ist dass du draußen unbeschwert flanieren kannst. Meine Meinung: Unser Platz in der Natur ist der, den wir uns selbst schaffen.

    1. Hallo Reinhard,
      grundsätzlich stimme ich dir zu, nur frage ich mich gerade ob du den Text überhaupt zu Ende gelesen hast? Das sollte keine verklärte Naturromantik sein, sondern eher ein Pladoyer dafür, unser nichtiges, winziges und kurzes Dasein auf diesem Planeten nicht allzu ernst zu nehmen, inne zu halten und zu reflektieren. Klar ist der gepflegte Badesee schöner als der veralgte Tümpel nebenan – aber beides hat seine Daseinsberechtigung und wie oft sind wir denn eigentlich im Alltag dankbar dafür?

  3. Ich hab deinen Blogbeitrag und auch die anderen Kommentare vollständig gelesen, und bestimmte Begriffe wie „Harmonie“, „Gleichgewicht“ und „perfekt“ haben die Niederschrift meines vielleicht etwas zu scharf formulierten Beitrags getriggert; um auf dein Plädoyer einzugehen möchte ich noch ein paar Zeilen anfügen.

    Du findest wir sollten dankbar sein, aber auf wen bezieht sich dein Dank? Falls du gläubig bist erübrigt sich diese Frage, aber falls nicht würde mich das schon interessieren.

    Der Natur fühle ich mich jedenfalls nicht zu Dank verpflichtet, weil sie nichts will, nichts braucht und einfach ist. Es nützt auch nichts meine Wut auf sie zu richten wenn mir das Wetter mal wieder nicht passt. Solche Dinge muss man hinnehmen, und gegebenenfalls Vorkehrungen treffen. Die Natur ist die Grundlage unserer Existenz und darüber kann man froh sein, aber Dank empfinde ich dafür keinen.

    Mein Dank richtet sich immer an Menschen, wie denjenigen die es möglich gemacht haben dass ich ohne Machete und Survival Kit zu unserem Badesee komme.

    Ob unser Dasein so nichtig, winzig und kurz ist, ist ja vor allem eine Frage der Perspektive; natürlich in kosmischen Maßstäben bin ich nichts, doch für meine Kinder bin ich ungemein relevant.
    Ich stimme dir auf jeden Fall zu dass es manchmal sinnvoll sein kann sich ein wenig zu erden und über sein Leben nachzudenken.

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