Von Minimalismus-Superhelden und Zukunftsängsten.

In der letzten Woche war auf schlichtheit.com ein ganz interessantes Thema: Es geht um den (scheinbaren) Wettbewerb zwischen Minimalisten. Die Kommentare sind lesenswert und auch andere Blogbeiträge haben mich nochmal zum Nachdenken angeregt. Ich kann euch sagen: Diese Art von Beiträgen gabs vor 6 oder 7 Jahren auch schon mal. (Die alten Hasen erinnern sich bestimmt noch an Everett Bogue, der seine „Fackel“ an theminimalists weitergereicht hat, die seitdem als Superminimalisten durch die Welt reisen*augenverdreh*)
Während die einen also Socken einzeln zählen und Schwarzweißfotos von leeren Wänden posten, flüchten wir uns in dieses „Ach jede Form von Minimalismus hat ja ihre Daseinsberechtigung und dieser Wettbewerb ist voll der Bullshit“. Denn das ist es schon für mich. Eine Flucht, eine Krise. Mit Krisen kennen wir uns ja gut aus. Vielleicht muss das so sein.

Aber es langweilt mich auch.

Denn da gerät mein Denken immer in eine Schleife… STOPP. PAUSE. Nachdenken:

„Wo will ich eigentlich damit hin?“
„Warum will ich minimalistisch leben?“

Was bezwecken wir damit?

Niemand muss Natrondeo benutzen, Apple-Fanboy sein, auf Limo verzichten, 100 Dinge besitzen oder vegan leben. Aber man kann.
Ich WILL Natrondeo benutzen, weil ich zu faul bin, im Laden nach Deo zu suchen und zu kaufen und mir das DIY Deo völlig ausreicht. Ich benutze eine normale Zahnbürste, aus Plastik, die ich dann im Wertstoffsack entsorge. Ich habe mehr als 100 Dinge und freue mich über jedes einzelne Teil. Und wenn nicht, gebe ich es weg und lache mich selbst aus, weil ich es so lange behalten habe. Wenn ich bei Freunden als Dauer-Couchsurfer herumlungere würde ich mich schlecht fühlen und ich bin auch nicht der Typ der sein ganzes Hab und Gut in einem Rucksack herumschleppt und durch die Weltgeschichte tingelt. Ich finds schön einen festen Wohnsitz mit einem eigenen Zimmer zu haben. Nichts davon ist falsch, es sind auch Aspekte von „Minimalismus“.
(Ich will minimalistisch leben, weil ICH glaube, dass das der einzige Weg ist, wie ich mich auf eine düstere? Zukunft vorbereiten kann.)

Wir üben den Verzicht und gucken, was übrig bleibt. Wir alle erforschen genau diese unterschiedlichen Aspekte von einem minimalistischen Leben in unserem Alltag. Und jetzt wirds interessant: Was haben wir als „Minimalisten“ gemeinsam?

Wo wollen WIR gemeinsam damit hin?

Immer der ewig gleiche PR-Quatsch, überall Werbung, Nachrichten an: jeder hasst jeden und alle gegen alle und keiner weiß mehr warum eigentlich. Dann sind alle mal wieder ein bisschen bestürzt, weil Textilfabriken in Bangladesch einstürzen, oh toll ein Sale bei H&M. Der Dollar ist schlecht, eine neue Staffel TrashTV in einem Camp mit Leuten, die keiner kennt und niemand sehen will. Die Welt dreht sich schneller, sie kreiselt an einem Abgrund namens Weltkrieg oder Umweltkollaps oder an beidem entlang, wir robotern uns an Aufgaben hinein in Burn-out oder sterben vor Langeweile.
Wir sind nicht schön genug, nicht schlau genug, nicht gut genug. Die anderen schon. Auch wenn sie Botox im Gesicht haben oder Photoshop. Wir sind müde und stecken in einer Krise. Krise kennen wir, damit haben wir Erfahrung.

Vielleicht, weil es so sein muss. Vielleicht, weil du spürst: da passiert noch was.

17 Gedanken zu “Von Minimalismus-Superhelden und Zukunftsängsten.

  1. Liebe Frau DingDong,

    du hast vollkommen recht, dieses „Schau-mal-ich-hab-viel-weniger-als-du“-Generve ist für mich eigentlich nur die Umkehr von „Mein-Haus-mein-Auto-usw.“. Die Definition der eigenen Persönlichkeit über das Fehlen von etwas – statt über das Vorhandensein von positiven Eigenschaften. Für mich ist es wichtig, dass jeder sein eigenes Maß findet und ausprobiert, mit wie viel oder wenig er/sie glücklich ist. Wie viel, wie du schon sagst, „genug“ ist, auch wenn das Wort für jeden vielleicht eine etwas andere Bedeutung haben kann.

    Mir fällt dabei ein Gedanke ein, den Alain de Botton in einem seiner Bücher äußert: Wir alle wollen nur geliebt werden, wollen, dass wir (für jemanden) gut genug sind. Umso häufiger ich darüber nachdenke, umso mehr erkenne ich, wie wahr dieser Ansatz ist und wie einfach wir dem ganzen (Konsum)Spuk ein Ende setzen könnten.

    Liebe Grüße & vielen Dank für deinen nachdenklich stimmenden Beitrag,
    Svenja (Apfelmädchen)

    P.S.: Ich hoffe natürlich, dass niemand unsere 365TageMinimalismus-Reihe als „Schau-mal-wie-wenig-wir-brauchen“ versteht, sondern eher als Inspiration, seinen eigenen Besitz zu hinterfragen. Andernfalls hätten sadfsh und ich unsere Intention total verfehlt?!

  2. Ich war auf Facebook mal in einer Minimalismus-Gruppe drin, in der sich auch sehr rege ausgetauscht wurde und wirklich dieser Wttbewerb, wie du ihn geschrieben hast, erkennbar war. Ich hab mich wieder abgemeldet. Nicht wegen des vermeintlichen Wettbewerbs, sondern eher weil sehr viele Beiträge diesen faden Beigeschmack des „Minimalismus ist der einzig wahre Weg und wer nicht so lebt ist eine ganz arme Sau“ hatten. Viele vertraten anscheinend die Meinung, dass, wer nicht minimalistisch lebt, kann gar nicht glücklich sein. Denn Konsum ist nur anerzogen und so weiter und so fort. Manche taten so, als wären sie vorzeitig erleuchtet worden. Es gibt auch Menschen, die wollen das partout nicht. Minimalismus ist einfach nicht für jeden das Richtige. Aber dann gleich zu sagen, dass „liege an ihrer Gehirnwäsche von Medien“ halte ich einfach für falsch und Unsinn. Den Maximalisten muss man auch ihr Leben so lassen, ohne es groß kritisieren zu müssen. Ich erwarte von ihnen ja auch, dass sie mich so leben lassen, wie ich es für richtig halte.

  3. Hallo Frau DingDong,

    was ich eher anstrengend finde, ist die Verknüpfung von Nachhaltigkeit und Minimalismus. Minimalistisch leben finde ich nicht so schwierig, aber alles nachhaltig und plastikfrei umzustellen, dass fällt mir schwer und manchmal fehlt es mir einfach auch an Motivation, z.B. kaufe ich mir lieber Naturkosmetikdeo, weil ich keine Lust habe, selbst welches herzustellen. Gerade habe ich mir wieder unfair produzierte Leggins gekauft, weil ich noch keine passende und gute Alternative gefunden habe. Da habe ich immer ein schlechtes Gewissen.
    Ich finde da gar nicht einen vermeintlichen Wettbewerb anstrengend, sondern meinen eigenen Anspruch. Ich würde gerne alles nachhaltig machen, aber manchmal fehlt es mir an Zeit, Alternativen und eben an Motivation. Wenn die nicht nachhaltige Variante die bequemere ist, entscheide ich mich halt manchmal dafür.
    Liebe Grüße
    Nanne

    1. Die Frage ist: Wo willst du mit deiner minimalistischen Lebensweise hin? Wenn es für dich nur ein Mittel ist, um der hektischen Arbeitswelt ein Stück weit zu entfliehen, weil du eben nicht in diesem Kreislauf Kaufen-Arbeiten-Essen-Schlafen drin stecken willst, ist das ja auch völlig okay. Dann musst du dich auch nicht drum kümmern, plastikfrei zu leben. Denn insgesamt trägt deine Version von einem minimalistischen Leben zu einem generell entschleunigten Leben bei. Das meinte ich damit, als ich die Frage „wo wollen wir gemeinsam damit hin?“ in den Raum warf.

  4. Früher oder später wird doch aus allen Dingen ein Wettbewerb gemacht. Alle Lebensentwürfe, die irgendwie Anhänger und Fans um sich sammeln, arten doch irgendwann so aus. Dann geht es nicht mehr um die Sache an sich, sondern nur noch darum geiler zu sein als andere. Entweder man macht mit oder man hält sich eben raus. Ich halte mich lieber raus. Ist mir sonst zu anstrengend ;)

  5. Für mich war Minimalismus immer schon Mittel zum Zweck: Kritik an Konsumkultur, Wachstumswahn, Umweltzerstörung – und Wohnungputzen hab ich auch noch nie spannend gefunden.
    Und so hat ja jeder seine eigene Motivation, seinen eigenen Zweck.
    Und auch sein eigenes Wohlfühlmaß. Mir tut die visuelle Ruhe eines reduzierten Raums gut, aber was für mich angenehm reduziert ist, ist für andere leer (oder „kein Geld zum Einrichten“), und für wieder andere immer noch zu voll.

    In jeder Bewegung und Subkultur gibt es die „Extremisten“, die die Ziele und Eigenschaften der Bewegung auf die Spitze treiben. Soziologisch gesehen erfüllen diese Leute einen wichtigen Zweck, weil sie den Kern der Sache definieren und auch Vorbildwirkung haben (zeigen, wie und dass es geht). Diese Elite hat mit dem Durchschnittsanhänger und Sympathisanten natürlich eher wenig zu tun, außer dass sie eben Definitionen vorgeben, an denen sich Otto Normalminimalist orientieren kann. Auch beim Theater darum, wer jetzt der geilere Minimalist/Goth/Nerd/Hipster ist, geht es u.a. um Definitionsmacht.

    Was mich oft nervt, sind diverse Doppelbödigkeiten. Eben wie du schreibst, Dauercouchsurfer. Leute, die keine Küche haben aber halt dann täglich essen gehen (= elitäre Bewegung?) Oder auch Besitzzähler, die dezent verschweigen, wie viel Klump sie im Keller von den Eltern geparkt haben. Was ist mit altem Spielzeug, Lego, Gameboys, Teddybären? Alte Schulhefte? Das wird irgendwie nie zum Thema. Aber auch das ist persönlicher Besitz.

  6. Was ich wirklich wirklich schwer finde, ist die Diskrepanz von Minimalismus und Einfaches Leben.
    Denn ein einfaches und sparsames Leben heißt in Wahrheit: Vorräte. Sachen aufheben, die man vielleicht noch brauchen kann. Alles selbermachen und dafür die nötigen Gerätschaften daheim haben.
    Das Ideal des Einfachen Lebens ist ein 100% autarker Selbstversorgerhof ohne Strom und fließend Wasser. Das Ideal des Minimalismus ist ein leerer Raum (mit der Konsequenz, alles outgesourct zu haben?).
    Ums jetzt mal überspitzt auszudrücken.

  7. Ich sehe auch den Widerspruch, den den Materialfehler beschrieben hat: Dinge aufheben kann (wenn man die Dinge denn wiederfindet) natürlich auch der Nachhaltigkeit dienen. Oder man hat eben Geräte, um selbst etwas zu produzieren oder zu reparieren. Insofern gibt es schon mal zwei Aspekte der ganzen Sache. Ich hab mal in einer Sendung eine Paar gesehen, die fast nichts besaßen, um dann um die Welt zu reisen und irgendwelche Extremsportarten auszuüben (Reisen natürlich mit Flugzeug und so), das fand ich dann nicht so im Sinne von Nachhaltigkeit. Da kann ein normaler Spießbürger unter Umständen viel nachhaltiger leben.

    Vielleicht ist die ganze Bewegung eben überhaupt nicht unter einen Hut zu bringen.

    Für ist der Zweck von Minimalismus:
    1.) das Leben weniger kompliziert / leichter machen
    2.) nachhaltiger leben durch Suffizienz

    Ich selbst lebe nicht so richtig minimalistisch, aber das minimalistische Denken ist für mich immer wieder ein Impuls, meine Entscheidungen zu hinterfragen: Geht’s auch einfacher? Brauch ich das jetzt? Was kann weg?
    Ich kann jetzt viel einfacher los- und weglassen, weil ich sozusagen einen theoretischen Überbau und eine gesellschaftliche Bewegung dazu im Rücken habe. Ich fühle mich gut, wenn ich mein altes Zeug noch ne Weile trage oder ein Möbelstück repariere oder was weitergebe, was ich nicht mehr brauche. Ich fühle mich einfach freier vom Konsumzwang.

  8. Immer wenn die Welt schlecht und alle Menschen böse sind, nehme ich meine Hunde und gehe eine Runde über die Felder.
    Und schon ist das Leben eigentlich ganz schön :)
    Und mein Minimalisieren hat einen ganz einfachen Grund:
    meine Kinder werden flügge
    Eines ist schon ausgezogen und studiert – das andere macht im nächsten Jahr Abi.
    Hotel Mama kann dann geschlossen werden.
    Vielleicht verkaufe ich Hotel Mama sogar und suche mir ein deutlich kleineres Nest, das mir finanziell mehr Luft lässt?!
    Das Leben ist spannend und ich möchte mit weniger Ballast mehr Möglichkeiten haben.

  9. Danke, Bettina.

    Bei 1.) rassele ich an 2.) dran. Das stört mich. Mir geht es nicht so um Nachhaltigkeit. Sondern: um wenig besitzen.

    Nachhaltig wird es automatisch durch weniger Konsum und durch Allergien, weil so Plastik etc. rausflog.

  10. Ich denke es geht vielleicht mehr um die Frage, ist der Minimalismus ein Weg(durchaus sehr individuell) zu einem höheren Ziel oder einfach nur Mittel und Zweck um sein eigenes Ego aufzuplustern…

  11. maximal guter Beitrag!!!
    Wenn Minimalismus nur noch um seiner selbst Willen da ist und „Wettbewerbe“ wie „ich hbe aber weniger als du“ stattfinden, ist das Unsinn und immer noch sehr materiell orientiert – halt mit umgekehrten Vorzeichen.
    Es geht aber um tragfähige Konzepte für die Zukunft.

  12. Ich glaube jeder Schritt in die richtige Richtung ist gut,
    ob nun jemand viel reduziert oder weniger. Ich bin Vater eines 16 Monate alten Kindes und ich kann vorerst nur für mich reduzieren (wie weit dann meine Frau mitmacht ist noch offen). Ich habe einige gute Bücher zu Hause und die werde ich auch noch behalten bis ich sie gelesen habe. Einige auch danach, weil es Nachschlagewerke sind. Es macht für mich keinen Sinn ein gutes Buch wegzuwerfen und dann im Internet zu surfen, was viel Energie kostet bei den Surfern (von Google z.B.)
    Vielleicht sollte man sich auch mal Gedanken über den Minimalismus im Denken machen. Wir machen uns Gedanke über alles mögliche, vielleicht sollte man da auch mal reduzieren… ;-)

    lg Roger

  13. Schön haste das gesagt Frau D.

    Am Ende versuchen wir doch alle nur besser zu leben als wir es bisher getan haben – nach bestem Wissen und Gewissen.

    Un Roger stimme ich auch zu. Mit Partner und Kindern ist das minimalistische Leben auch nochmal was anderes. Ich kann nur tun was ich für Richtig finde und hoffen das sich mein Mann anstecken lässt.

    Schöne Grüße,
    Nic*

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