Weniger Auswahl, besser entscheiden

Fluch und Segen der kapitalistischen Welt? Auswahl. Zuviel Auswahl. Zuviel von ALLEM.
Im Supermarkt findet man nicht eine Tomatensoße, sondern 6 verschiedene. Gefühlt kommt monatlich eine neue Kollektion in die Modehäuser. Im Bahnhofskiosk gibt es für jeden Geschmack und jedes Interesse eine eigene Zeitschrift, im Internet gibt es für alles ein Forum, ein Blog, eine Facebook-Page. Früher war man mit Filterkaffee zufrieden (man kannte ja nix anderes), heute muss es ein Grande-Frappucino-Soy-Latte-Flip-Flop-Moccachino sein.

STOPP.

Nicht nur, dass dieser „visual overload“ mich von Zeit zu Zeit mürbe macht, die Entscheidung für oder gegen etwas kostet permanent Zeit und Energie. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Stress, es macht mich müde.

Wie entscheidet man sich richtig? Wie entscheidet man sich schneller? Kann man auch nicht-entscheiden?
Ich habe festgestellt: Wenn man weniger Auswahl hat, geht das Entscheiden irgendwie besser.

Der Trick ist daher wohl, die Auswahlmöglichkeiten von vornherein zu beschränken (oder?).

Pia von malmini.de hat in ihrem Beitrag „Entscheidungsfreiheit macht unzufrieden“ einige Vorschläge von Barry Schwartz zitiert. Allerdings kam mir der Vorschlag von Herrn Schwartz „sich einer Religionsgemeinschaft anschließen“ etwas merkwürdig vor. Die anderen Tipps waren brauchbar und diesbezüglich habe ich mal überlegt, wie das bei mir eigentlich so ist…

Ich mach das so:

Eine Einkaufsliste nutzen
Und das nicht nur im Supermarkt. Tour zum schwedischen Möbelhaus geplant? – Einkaufsliste!
Fahrt zum Baumarkt um Zeug für das nächste DIY Projekt zu kaufen? – Einkaufsliste!
Mit ner Einkaufsliste definiere ich bereits VORHER was ich brauche und kann im Laden gezielter einkaufen und dabei alles andere ausblenden.

Dieselben Läden benutzen
Ich weiß, klingt langweilig. Ist es vielleicht auch tatsächlich. Aber wenn man weiß, wo etwas steht und man das Sortiment kennt, ist der Einkauf im Nu erledigt.

Kleine Läden und Boutiquen nutzen
Je kleiner der Laden, desto persönlicher der Service. Da das Sortiment vom Geschmack des Ladeninhabers abhängt, findet man Perlen, die es in großen Häusern nicht gibt. Außerdem: Ein Plausch gibt Pluspunkte im Fach Smalltalk.

Routinen und Gewohnheiten
klingt auch langweilig, ersparen aber jede Menge Zeit und die Dinge sind ohne Nachzudenken erledigt.
Ich habe eine Morgen- und eine Abendroutine, sowie eine Putzroutine.

Klamotten am Vorabend bereit legen
…bzw. mit einer minimalistischen Garderobe morgens nie mehr rätseln müssen, was man anziehen soll.

Die gleichen Produkte nachkaufen
Das klingt vielleicht ein bisschen langweilig, aber das könnte man doch so machen, oder? Wenn man seinen Geschmack gut kennt, dann muss man sich nicht ständig durch sämtliche Produkte durchprobieren. Und kann auch mal die Kosmetik-LE’s links liegen lassen. Oder man lässt es einfach komplett sein.

Auswahl auf eine bestimmte Anzahl begrenzen
Herr DingDong führt vor einem Produktkauf von technischen Geräten eine komplette Marktsichtung durch (und ist hinterher immer Experte für sämtliche Geräte, die es auf diesem Planeten gibt…) um mir dann 27 Geräte und deren Spezifikationen vorzutragen. Ich sage dann immer: „Was sind für dich deine Top 5?“ – wenn ich mir 5 oder weniger anhören muss, ist die gemeinsame Entscheidung schneller getroffen.

Zeitlimits einsetzen
Dies betrifft vor allem die Recherche bei größeren Anschaffungen. Wenn ich etwas bestimmtes suche, setze ich mir ein Zeitlimit. Alles, was ich in 30 Min. nicht recherchieren konnte, fällt dann schon automatisch raus. Wenn es der Hersteller nicht schafft, mir Infos zu liefern – tschüss.

Bauchgefühl statt Kopfweh
Was sagt dir dein Bauch? Wie fühlt es sich an? Die ersten Ideen sind meistens die Besten. Zumindest hat mir das bei meiner Berufswahl geholfen.

Wenn man sich entschieden hat, dann ist es gut.
Und nicht mehr drüber nachdenken. Hätte es was Besseres gegeben? vielleicht. Hätte es was Schlechteres gegeben? Kann sein.
Na und? Ich habe meine Entscheidung getroffen.

Das Thema ist ziemlich groß und irgendwie umkreist man dabei immer den gemeinsamen Nenner:
„Was brauche ich wirklich?“ – wenn man sich diese Frage stellt, dann erübrigt sich das meiste von selbst. Oder?

19 Gedanken zu “Weniger Auswahl, besser entscheiden

  1. Ich hab einige Vorträge von Barry Schwartz gehört, an die Religionssache kann ich mich nicht richtig erinnern. Was ich mir aber vorstellen kann, was er gemeint haben könnte, sind insbesondere die ganzen handfesten Regeln wie Essensvorschriften (von „Freitags nur Fisch“ über „Halal“ bis „parve“), die den Einkauf fokussieren.
    Das ist auch einer der Vorteile von veganer Ernährung: die Entscheidung fällt im 0815 Supermarkt viel einfacher weil diverse Regale und Tiefkühlecken eh flach fallen und man bei der Schokolade z.B. nur zwischen zartbitter und Marzipan wählen muss anstatt zwischen 43 Sorten. So „befreiende Einschränkungen“ finden sich also auch ohne Religion ;-)

  2. Genau. In Restaurants bin ich meistens sehr froh, Vegetarier zu sein. Das schränkt die Auswahl automatisch ein, aber ich fühle mich dadurch nicht eingeschränkt.

    Mein Schatz hat das selbe Hemd mindestens 3 x, das gilt auch für seine Jeans und seine T-Shirts. (Und alle seine Sachen sind schwarz.) Er hat einmal auf ein Kompliment gehört, dass ihm diese Zusammenstellung gut steht, und seitdem hat er kaum noch Sorgen, was er anziehen soll.

    Ich bin auch sehr für Gewohnheiten, die einen, einmal installiert, entstressen. Große unbekannte Geschäfte z. B. stressen mich sehr. Manchmal bin ich zum Bummeln und Ausprobieren aufgelegt, aber im Alltag gehe auch ich lieber in mir bekannte Läden und kaufe die Dinge, die ich kenne und von denen ich weiß, dass ich sie mag.

  3. Diese Sache mit der Religion fand ich auch seltsam. Ich glaube, er hat das zur Hälfte scherzhaft gemeint. Zur anderen Hälfte kann ich es verstehen: Wenn man sich einem religiösen System anschließt, übernimmt man deren moralische Denkmuster und muss nicht mehr für sich selber entscheiden, was richtig oder falsch ist. Katholisch und Sex vor der Ehe? Nö. OP ja oder nein? Wenn man Zeuge Jehovas ist, ein klares Nein. Soll ich die Samstagsschicht übernehmen? Darüber denken strenggläubige Juden sicherlich nicht nach. Das hört sich jetzt vielleicht alles ein bisschen vereinfacht und klischeebelastet an, aber wenn man wirklich eine Religion annimmt und nach deren Regeln lebt, ist da glaube (!) ich schon einfacher. Man muss sich auch keinen Kopf um das Leben nach dem Tod machen, dafür ist ja in jeder Religion gesorgt ;)
    So habe ich Barry Schwartz verstanden. Eigentlich nicht so unlogisch, schließlich suchen Menschen ja ständig nach moralischen Richtlinien. Und Religionen haben da eben schon einen umfassenden Katalog bereitliegen, den man nur übernehmen muss.

    1. ansich ist das ne tolle Sache mit der Religion. Du bist in ner Gruppe und befolgst Regeln. Aber dann gehts schon los: Was ist, wenn du etwas entscheiden willst, also Auswahlmöglichkeiten haben willst – und die Regeln des Glaubenskreises es nicht zulassen?! Das fände ich schwierig und deshalb find ich das seltsam.

  4. Ein toller Beitrag! Was mich neben der uebergrossen Auswahl stoert ist, dass man oft eigentlich nur zwischen „Cholera und Pest“ (Zitat: Hans A. Pestalozzi) auswaehlen kann.

  5. Heute ist Tag 5 der Klamottenkur.
    Während der Fastenzeit die Kleidung auf 50 Teile beschränken.
    (nicht auf meinem Mist gewachsen – ich nehme lediglich teil)
    Und ich liebe es!
    Nebenbei entrümple ich kräftig.
    In diesem Jahr habe ich schon knapp 160 kg Kram entsorgt und bisher kommen von 61 Kleidungsstücken auch nur 29 wieder zurück in den Kleiderschrank.
    Macht Spaß und Platz!

  6. Tolle Zusammenfassung toller Ideen und Vorschläge. Da ist für mich auf jeden Fall etwas mit dabei!

    Ich habe in dem Zusammenhang mal etwas über Barack Obama gelesen. Er sagt, er habe nur Potenzial für eine gewisse Menge an Entscheidungen pro Tag. Die will er für die wichtigen Dinge nutzen. Für den Rest hat er drei Möglichkeiten:
    1) Autopilot => Routinen definieren.
    2) Outsourcen => Entscheidungen von anderen fällen lassen, wenn einem das Resultat nicht wichtig ist oder man sich drauf verlassen kann (Z.B. entscheidet er nie, was es zu Essen gibt).
    3) Entscheidungen vereinfachen/weglassen=> da er nur blaue und graue Anzüge hat, kann er morgens schnell entscheiden, was er tragen wird. (Ich habe auch mal gelesen, er hätte nur blaue Anzüge, um gar nicht entscheiden zu müssen, weiss nicht was stimmt).

    Viele Grüße
    David

  7. … und wenn die Entscheidung doch die nicht die richtige war oder es nach einiger Zeit nicht mehr ist?

    Dann heißt es halt loslassen: Verkaufen, verschenken … sofern es noch brauchbar ist. Auch ein Lernprozess. Der fühlt sich aber sehr gut an;-).

    Viele Grüße aus Berlin,
    Anja

  8. Man sollte sich die Frage: „Was brauche ich wirklich?!“ öfters stellen und vor allem in den unterschiedlichsten Lebenslagen.

    Danke für den tollen Text! Vieles habe ich bei mir wiedererkannt!

  9. Sehr schöner Beitrag, genau mein Thema – ich HASSE Entscheidungen und je mehr Auswahl desto konfuser werde ich.

    Niko Paech hat das auch so schön beschrieben. Wir brauchen so viel Zeit für die Vorauswahl und die Konsumentscheidung, dass gar keine Zeit für den Gebrauch mehr bleibt…

    Daher habe ich so viel wie möglich abgeschafft und vereinfacht und brauche nichts Neues.

    lg
    Maria

  10. Letztens passiert und um eine interessante Erfahrung reicher gemacht: Einkaufzettel war fertig und los gings zum Supermarkt der Wahl (der Einzige im Umkreis, der Glasflaschen anbietet.. 0_o). Auf dem Parkplatz angekommen muss ich erkennen, dass der Markt in 12 min schließt. Zuerst flammt leichte Panik auf, dass wir nicht alles was auf dem Zettel steht schaffen werden, aber wir gehen trotzdem rein. Geben erst die alten Kisten ab, teilen uns dann auf und gehen systematisch unsere Liste durch. 6 min bevor der Laden schließt, stehen wir am Auto und packen ein. Wir haben nur Sachen im Wagen die auf der Liste standen und irgendwie war der Einkauf trotzdem total entspannt. Keine Zeit um die ewige Werbung auf uns einwirken zu lassen, oder von einem Regal zu stehen und zu überlegen welche Nudeln es denn jetzt sein sollen, einfach die gleichen wie letztes Mal. – Also, weniger Zeit und schon klappt das auch mit der „Entscheidung“.

  11. Schöner Text, du sprichst mir aus der Seele!

    Ich vereinfache gerade meine Termin- und Zeitplanung und bin immer wieder überrascht, wie gut das tut. Über das Reduzieren von Gegenständen brauche ich dir nichts erzählen – was nicht da ist, braucht keine Aufmerksamkeit (in dem Zusammenhang lesenswert: „Leben statt Kleben“).

    Wichtig finde ich auch den Punkt, getroffene Entscheidungen dann einfach ruhen zu lassen. Wenn man sich vor Augen führt, dass es nicht darum geht, die allgemeingültig perfekte Wahl zu treffen, sondern nur eine, mit der man zufrieden sein kann, vereinfacht das schon vieles.

  12. Ich liebe,liebe deinen block! <3
    Ich lese ihn zwar erst seit kurzem,aber ich finde hier so viel Inspiration und Hilfestellungen und neue Ideen.
    Hach,ich bin einfach nur froh,dass ich ihn entdeckt habe. :)

  13. Toller Beitrag – danke! Gerade bei Kosmetik, Waschmittel und Co ist es vermutlich sogar gesünder die immer wieder gleichen Sorten zu kaufen statt x neue Chemikalien auf die Haut wirken zu lassen!

  14. Ahhh irgendwie habe ich jetzt schon 5 mal versucht zu kommentieren und ich hoffe diesmal klappt es.
    Ich vermisse die Tante Emma läden. Die gab es früher bei uns im Dorf noch. Da gabs das nötigste. In Irland waren wir regelrecht begeistert von der geringen Auswahl im Supermarkt. Bei Nudeln gabs bestenfalls Spaghetti oder Fussilli in normal oder Vollkorn. Marmelade gabs in den gängigsten Sorten und nur von 2 Marken. Nichts ausgefallenes. Das Leben dort ist so einfach. Ich vermisse das hier manchmal.

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