Wie man zum Zukunftsdenker wird

Warum geht so vieles schief? Warum werden die einen reicher, dicker, klüger, die anderen verarmen kulturell und materiell? Ist das ein Gesetz? Muss das so sein? Warum ist die Welt so im Eimer? (Und ist sie das wirklich?)
Wir befinden uns mitten in einer großen Transformation. Der Wandel kommt in riesigen Schritten daher, Technologie entwickelt sich schneller und wird (vermeintlich) besser; es ist, als müsste man nur lange genug durchhalten, um dann ewig zu leben. Naja und die meisten Menschen sind völlig unvorbereitet, um mit dieser Schnelllebigkeit umzugehen. Bitcoin, CRISPR, Transformation, Disruption – hä? Bitte was? Genau. Dann lieber zurück zu dem was man kennt, hat man ja schon immer so gemacht, auch wenn es ein bisschen menschenverachtend ist, Kopf in den Sand. Egal. Bisschen durch social media scrollen und warten bis die Zeit rum ist. Das es dazwischen Leid gibt, wird ignoriert. Das aufgrund der Klimakrise noch mehr Leid geschehen wird, auch.

Das wäre ein Weg. Und wenn ich schlecht drauf bin, habe ich das Gefühl, dass wir genau diesen Weg einschlagen. Dann denke ich aber wieder: wir könnten es auch schöner haben. Und mit „wir“ meine ich „alle Erdbewohner“. Ich glaube, eines der Probleme ist, dass wir nie gelernt haben, über die Zukunft allumfassend nachzudenken. Herrgott, ich kann mir ja nich mal die nächsten 5 Jahre vorstellen! Klar, Geschichtsunterricht ist auch ganz nett, da kann man aus Fehlern lernen und so – aber was wäre, wenn man einen Zukunftsunterricht hätte, der uns befähigt, über die Zukunft nachzudenken? Und zwar so, dass ICH mich verwandeln kann und ich verstehe, was die Gesellschaft braucht, um sich gleich mit zu verwandeln?

Wie wird man jemand, der langfristig denken kann? Wie wird man jemand, der nicht in eine Zukunftsschockstarre fällt?

Ich will das Entscheiden über die Zukunft nicht irgendwelchen Busisnessberatern oder Sillicon Valley Typen überlassen, ich will auch bei der großen Transformation mitmachen. Ich glaube, es ist gut für uns, wenn wir alle über die Zukunft nachdenken. Nachdenken über die Zukunft hilft uns, uns besser auf sie vorzubereiten. Wir befähigen uns so also, für uns selbst, aber auch für die Gesellschaft Veränderungen herbei zu denken und -idealerweise, wenn die Idee richtig gut ist – herbei zu führen. Wenn wir das nicht tun, so erleben wir laut Futurist Alvin Toffler einen Zukunftsschock, der uns orientierungslos und handlungsunfähig zurücklässt. Wir können nicht klar denken und moralisch handeln.
Wenn ich mit anderen über Science-Fiction oder neue Technologien spreche, stelle ich immer wieder fest, wie schön das Reden darüber ist. „Die Zukunft“ ist so schön schwammig, ein Spiel der Möglichkeiten, gerade auch für kontroverse Themen. Sie gibt nur einen undefinierten Rahmen vor, in dem alles möglich ist, nichts muss und alles darf. Man kann dabei wunderbar alle Ideen auf verschiedene zugrunde liegenden Werte sowie Realismus abklopfen oder es einfach bleiben lassen. Visionen entwickeln macht Spaß und ich glaube, sie helfen uns, empathischer und verständnisvoller zu sein bzw. zu werden. Ein Perspektivenwechsel schadet sowieso nie!

Ich kann kritisch über die Zukunft denken und so viel trans- und interdisziplinär herumdenken wie mein Hirn es gerade kann:

  • Welche Beweise habe ich, um das zu unterstützen, was ich beobachte? Sind das zuverlässige Quellen? Wo könnte ich Beweise dafür finden?
  • Wie hängt diese Änderung mit anderen Änderungen zusammen, die ich beobachte?
  • Wie weitreichend ist diese Veränderung? Wie schnell wird es geschehen? Wen betrifft es?
  • Was habe ich bei meinen Beobachtungen vergessen?

Ich kann neugierig sein und mich begeistern lassen:

  • Was ist erforderlich, damit diese Veränderung eintreten kann? Warum sollte diese Veränderung nicht stattfinden?
  • Was bedeutet diese Änderung für mich, meine Familie, meine Gemeinde, für die Gesellschaft, in der ich lebe?
  • Wie wirkt sich diese Veränderung auf andere aus und was ich kann ich daraus lernen?

Und ich kann natürlich meine Fantasie spielen lassen und mir alles ausdenken, was ich mag. Dystopie oder Utopie oder irgendwas dazwischen:

  • Welche Möglichkeiten bietet mir dieser Wandel für meinen Lebensstil/für das Unternehmen, für das ich arbeite/ für die Gesellschaft im Allgemeinen/für die Welt?
  • Wie können wir die Zukunft so gestalten, dass sie gerechter wird?
  • Was kann ich morgen tun, was ich heute nicht tun konnte?
  • Was kann ich heute tun, was ich morgen nicht mehr tun kann?
  • Welche alternativen Szenarien sind noch möglich?

Seinen Zukunftsdenk-Muskel kann man ganz einfach trainieren, wenn man sich und andere ständig fragt: „Was wäre wenn…?“ Diese Frage ist so mächtig und bietet Möglichkeiten und man kann sie sogar stellen, wenn man angetrunken ist!! :D

Sobald man anfängt, über die Zukunft nachzudenken, erkennt man Signale – und daraus lassen sich wunderbar Muster ableiten. Signale sind laut dem IFTF kleine Innovationen oder Brüche, die das Potenzial haben, sich größtmöglich auszuwachsen. Das kann ein Modetrend sein, ein Meme, ein Hashtag, eine Nachricht, ein Ereignis, eine Veranstaltung, ein neues Produkt, ein Problem, ein Sachverhalt, den man so noch nicht bedacht hat. Es ist etwas, bei dem man denkt „Hä, warum ist das jetzt DAS Ding? Was ist da los?“
Ich nutz dafür gerne Pinterest und meine Alltagsbeobachtungen. Anhand von Filmthemen und Modetrends kann man mit viel Fantasie auch ein bisschen die Gesellschaft deuten. (Darüber können wir gerne streiten :D – Hallo Soziologen, was meint ihr dazu??) Auf Trend folgt Gegentrend, bei Lifestyle-Themen wird ja auch immer gestritten. Deshalb ist es beim Zukunftsdenken auch wichtig, zurück in die Vergangenheit zu reisen. Welche Probleme gab es damals? Wie wurden diese gelöst? Zu Gutenbergs Zeiten kämpfte man auch schon mit Fake-News und Propaganda, die Distributionswege sind nur anders geworden, aber im Grunde wiederholen wir Menschen ständig Muster. Wenn man diese Muster im größeren Zusammenhang mit Signalen denkt, lassen sich wunderbar Vorhersagen treffen. Das lässt sich auf vieles übertragen, wenn man sich mal die Zeit nimmt, darüber nachzudenken. Nun, diese Muster sind interessant. Denn wenn ich sie erkenne, kann ich auch was anders machen. Beim Zukunftsdenken gehts also darum, diese Kluft zwischen dem, was war, was ist und was sein wird, zu überwinden, in dem man Möglichkeitsspielräume ausnutzt und füllt.
Es geht nicht darum die Zukunft mit ner Kristallkugel vorherzusagen (wobei das schon Spaß macht, wenn man seinen „Ich habs doch gewusst“-Moment hat), sondern darum, alle Menschen dazu zu bringen, über komplexe Themen nachzudenken und um heute bessere Entscheidungen zu treffen. Für alle.

Weiterlesen:
Der zweite Zukunftsschock: Die Welt in vierzig Jahren
Krank durch Veränderung
Our Puny Human Brains Are Terrible at Thinking About the Future
Non Obvious – Magazine
How to Think Like a Futurist (Die vorgestellten Übungen sind toll!)
und, wenns ein bisschen persönlicher sein soll: how to think like a futurist

Also, was sagt dir deine Glaskugel? Welche Zukunft hättest du gerne? Woran erkennst du das?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*