Zero City – die Nullwachstumsstadt

Ich habe noch gar nicht berichtet, wie es beim #.vernetzt Fortschrittscamp im September war!
Ich war aus Zeitgründen leider nur von 10:30 bis 14 h dort, aber – um es kurz zu machen – es war super! Der Keynote Vortrag von Lord Robert Skidelsky war informativ und er hat die richtigen Fragestellungen ins Gehirn geholt. Zwar ein bisschen heftig, gleich morgens einem im feinsten British-English erzählten Wirtschaftsvortrag zu lauschen, aber es war völlig ok und die Diskussion hinterher war sehr bereichernd.
Danach sind wir (Herr DingDong war auch dabei) in die ZeroCity-Ausstellung gegangen, von der ich hier berichten möchte, weil das Konzept ziemlich spannend ist.

Es geht um die Stadt in der Postwachstumsära, die „Nullwachstumsstadt“ und um die zentrale Fragen: Wie sieht die Zukunft der Stadt aus? Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Vorweg haben sich ein paar Jungs und Mädels getroffen um darüber zu grübeln. Herausgekommen sind ein paar Kriterien, die auch in der Ausstellung in Form von Plakaten vorgestellt wurden. Als Basis zum miteinander-weiterdenken. Zentraler Bestandteil war auch die Diskussion. Die in gelben Schutzanzügen verkleideten „Zukunftsstadtführer“ schrieben eifrig Stichwörter und Notizen in ihre Notizbüchlein.
Grundsatz der ZeroCity ist, maximal sparsam und selbstversorgend zu sein. Es soll aber keine Kommune sein, sondern eine tatsächliche Stadt. Für alle. So wie man sie kennt.

Fablabs, Repair-Cafés, Urban Gardening, Industriegolf, Fahrradwege usw. alles drin:

Die im Issuu hinten aufgeführen Stadtformen (Monolith, Tree oder Cell) wurden als Stadtmodelle gezeigt. Auch darüber wurde eifrig diskutiert, alles hat seine Vor- und Nachteile.
Spontan würde ich zum „Tree“-Modell tendieren, der Monolith wäre mir zu abgekapselt, die „Zelle“ zu dörflich.

Auf der Ausstellung konnte man in Kritzelheftchen zu diversen Themen wie Urlaub, Kultur, Arbeit etc. seine eigenen Gedanken niederschreiben. Ich bin gespannt was daraus wird.

Trotzdem hat auch der Stadtplaner und Initiator des Projekts die richtigen Fragen gestellt: „Was wollen wir erreichen? Und was sind wir bereit, dafür aufzugeben?“ und „Wo hört der freiwillige Verzicht auf, wo fängt der Zwang an?“

Sowas ist ja nicht für jeden was. Introvertierte haben vielleicht ziemliche Probleme damit, sich einen Gemeinschaftsraum mit anderen zu teilen. Will man eine 20 Stunden Woche haben, nur um den Rest der Zeit mit Arbeit für die Gemeinschaft zu füllen? Muss das flexibler gestaltet werden oder strenger? Sonst machen einige alles für die Gemeinschaft, andere gar nix? Wie regelt man Konflikte?

Diese und andere Fragen, die aus dem ZeroCity-Konzept entstehen finde ich ziemlich spannend.
Wie siehst du das? Was würde dich stören? Womit hättest du keine Probleme? Wie bekommt man es hin, dass alle auf dem gleichen „genug“ – Level sind?

Mehr:
zerocity auf Facebook
zerocityvision.net
Interview mit Julian Petrin auf taz.de
Gemeinsam die Stadt verändern auf nexthamburg.de
und etwas allgemeiner zum Hintergrund der zukünftigen Stadtplanung

4 Gedanken zu “Zero City – die Nullwachstumsstadt

  1. Na ja, für all das müsste man zuerst einen neuen Menschen erfinden.
    Die Mehrheit der Menschen wird so nicht leben wollen.

    Man schaue sich dazu zum Beispiel einfach mal die Ausbildungsstudie 2013 von Allensbach an, deren Ergebnis ‚Die Welt‘ zusammenfasst mit: „Deutsche Azubis wollen lieber programmieren statt melken“
    http://www.welt.de/wirtschaft/article119822178/Spass-ist-deutschen-Azubis-wichtiger-als-Geld.html
    Die Studie zeigt: je unwichtiger ein Beruf für die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse ist, umso mehr wird er geachtet, umso besser wird er bezahlt, umso mehr Jugendliche wollen ihn ausüben.
    Besonders beliebt sind Jobs in der Computerbranche, Automobilindustrie oder Medienbranche, wenig beliebt ist die Arbeit in der Landwirtschaft, Bekleidungsinustrie, Nahrungsmittelwirtschaft und Bauwirtschaft.

    Je natur- und seelenvermüllender ein Job ist, umso gefragter ist er.

    Das sollen dann die Menschen sein, die in Repair-Cafes am schon seit Monaten aus der Mode gekommen Smartphone-Modell rumbasteln, um es noch etwas länger am Laufen zu halten? Oder die mit höchster Ineffizienz auf Kleinstflächen in der Stadt Kartoffeln anbauen?
    Nee, ich glaube, das wird nix mit der niedlichen Stadtverdorfung.

    Das, was in der folgenden Doku ab 11.20 aufgezeigt wird, scheint mir eher die realistische Zukunft für die Massengesellschaft:
    „Wie wird die Stadt satt?“
    http://www.youtube.com/watch?v=BelQnem28_U&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DBelQnem28_U&app=desktop

    1. Bei der Doku hab ich neulich im TV nur die ersten paar Minuten gesehen und habe mich kurz gewundert, dass das Nahrungsproblem tatsächlich ein Problem wird, obwohl wir doch so viel Lebensmittel wegwerfen..?
      Vielleicht sollte ich die Doku mal ganz anschauen.
      Ansonsten stimme ich Zora zu: Neue Umstände erfordern ein komplett neues Denken. Die Frage ist hierbei ja nur wieder: Eignet sich ein ITler unbedingt als Landwirt? Und wenn ich 20 Stunden mit Bürokram zubringe, weil es mir liegt und Spaß bringt – wo bleibt der Spaß für die „Gemeindearbeit“ ? Und da geht wieder der Zwang los…
      hmm.

  2. Sehr spannendes Konzept – mir gefällt sehr gut, dass die vielen Einzelaspekte des urbanen, umwelt- und gemeinwohlorientierten Lebens in ein Gesamtpaket zusammengefasst werden und so deutlich mehr Wirkung entfalten können.
    Ich denke, die Zukunftsherausforderungen können nur durch einen gesellschaftlichen Wandel bewerkstelligt werden. Computerberufe sind aus einem bestimmten Grund gut angesehen: Geld und Prestige. Ändert sich die Gehaltsklasse ändert sich auch das Ansehen des Berufsstandes. Ändern sich die Werte nach denen eine Gesellschaft lebt, ändert sich ebenfalls das Ansehen.

    Das gute an der Gesellschaft ist ja, dass wir sie mitformen, weil wir Teil von ihr sind. Es gab Zeiten, da war es an der Tagesordnung seine Kinder zu erziehungszwecken zu schlagen. Heute ein gesellschaftliches Tabu. Beim Rauchen ging die Entwicklung rasend schnell. Ökos waren vor 20 Jahren noch Spinner. Manchmal ist eine Zeit einfach reif für Ideen und Veränderungen, dann gibt es kein Zurück mehr zum alten Modell.

    Daher sehe ich es als wichtig an, neue Prioritäten zu entwickeln und mit Leben zu füllen. Im Austausch mit anderen zu sein, bestehende Werte zu hinterfragen.
    Warum will jemand das neuste Smartphone? Was erhofft er sich von diesem Produkt? Wenn es z.B. um Anerkennung durch andere geht, ist die auch auf anderen Wegen zu erreichen. Konsumgüter sind eine scheinbar leichte und schnelle Antwort auf die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen, sie gehen aber am Kern vorbei.

    LG Zora

  3. Wirklich sehr interessant und gedanklich einen Ausflug in die Zukunft wert!
    Für mein eigenes Leben kann ich mich aber nicht wirklich mit solchen Gedanken beschäftigen, die mir für die jetzige Lage zu realitätsfern erscheinen. Der Mensch denkt nur langsam um und ich halte mich daher mit solchen Visionen zurück.
    Was mich aber sehr anspricht ist die „Transition Town“-Bewegung. Unabhängige Ortschaften können wir nämlich heute schon realisieren.
    Der nächste Schritt ist dann vllt die Zero City! Für zero waste kämpfen viele ja glücklicherweise bereits.

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